Interview

»Datenschutz dient den Verbrechern«

Efraim Zuroff über deutsche Behörden, seine Arbeit als Nazijäger und die davonlaufende Zeit

von Katrin Richter  12.06.2012 06:53 Uhr

Efraim Zuroff Foto: Marco Limberg

Efraim Zuroff über deutsche Behörden, seine Arbeit als Nazijäger und die davonlaufende Zeit

von Katrin Richter  12.06.2012 06:53 Uhr

Herr Zuroff, in Ihrem Buch »Operation Last Chance« beschreiben Sie, wie schrecklich es für Sie in jungen Jahren war, nach Deutschland zu kommen. Wie fühlen Sie sich heute?
Ich bin mittlerweile schon so oft hier gewesen, habe gute Beziehungen zum Ministerium für Arbeit und zu jüdischen Gemeinden. Die Dinge haben sich sehr geändert. Deutschland hat in den vergangenen Jahren ernsthafte Anstrengungen unternommen, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten – noch nicht abschließend erfolgreich, aber ernsthaft. Außerdem leben 120.000 Juden hier. Ich gehöre zu denen, für die dies das Wichtigste ist. All das hat es für mich normal gemacht, nach Deutschland zu kommen. Es wird vielleicht niemals so richtig Alltag sein, aber Dinge haben sich geändert.

Welche genau?
Nun, andernorts gibt es viel mehr Schwierigkeiten. Österreich ist ein gutes Beispiel, denn es ist auch ein westeuropäisches Land: Seine Agenda ist in fast jeder Hinsicht furchtbar – bei der Naziverfolgung, in der Restitution oder der Schuldanerkennung. Der Staat hatte 60 Jahre Zeit, um der Wahrheit ins Auge zu sehen. Anders als zum Beispiel Litauen oder die Ukraine. Was aber in Bezug auf Deutschland noch erwähnenswert ist: Seine gute Beziehung zu Israel, die Delphin-U-Boote, die sehr wichtig sind, wenn man sich vor Augen hält, welcher Bedrohung Israel ausgesetzt ist. Menschen wie ich, die die Wahrheit anerkennen, können auch respektieren, dass sich Dinge ändern. Und deswegen bin ich hier.

Gab es einen Moment, in dem für Sie klar war, jetzt werde ich in das sogenannte Land der Täter fahren?
Nein, wissen Sie, ich bin ja quasi zufällig nach Deutschland gekommen. Ich saß 1978 in einem Flugzeug, das zwischenlanden musste. Und da war das Tabu gebrochen. Nun konnte ich nicht mehr sagen, dass ich niemals dorthin reisen werde.

Ihr erster geplanter Besuch führte Sie 1996 nach Leipzig auf die Buchmesse, auf der auch der deutsche Schriftsteller Günter Grass war. Ende April gab es eine heftige Debatte um seine Veröffentlichung »Was gesagt werden muss«. Was halten Sie von diesem Gedicht?
Es ist ganz und gar abscheulich. Und es spiegelt wider, was sich in Bezug auf Antisemitismus in Deutschland geändert hat. Heutzutage ist es hierzulande zwar politisch inkorrekt, Juden anzugreifen. Es gibt aber durchaus Menschen, die es satt haben, über den Holocaust zu sprechen und davon zu hören. Ihre Antwort ist, in Israel den Prügelknaben für ihren Antisemitismus zu finden. Und Günter Grass ist ein Beispiel dafür.

Gibt es einen Wandel in der Qualität des Antisemitismus?
Ja, das steht außer Frage. Israel ist das Zentrum für Kritik geworden. Und wir sprechen hier über die Mitte der Gesellschaft. Die Ränder, also die extreme Rechte und Linke, werden Israel immer kritisieren.

In »Operation Last Chance« beschreiben Sie, wie viele Hindernisse es bei der Jagd nach Nazis gibt. Was lässt Sie trotzdem weitermachen?
Die größte Motivation geben mir die Opfer. Ich hatte viele frustrierende Erlebnisse. Aber wie kann ich das mit dem vergleichen, was den Opfern zugestoßen ist? Sie verdienen das. Ich mache meinen Job nicht aus persönlichen Gründen. Der Grundgedanke der Aufgabe resultiert aus dem Einsatz für die Opfer. Eine Geschichte, die das auf den Punkt bringt, hat Simon Wiesenthal einmal selbst erzählt. Er war vor dem Krieg Architekt. Und jemand fragte ihn, warum er nach dem Krieg nicht in seinen Beruf zurückgekehrt sei. Er antwortete, er sei kein religiöser Jude, glaube aber an ein Leben nach dem Tod. Und wenn die Juden, die den Holocaust überlebt haben, in der kommenden Welt auf die Opfer der Schoa träfen, dann würden sie wohl fragen: Was habt ihr aus eurem Leben gemacht? Wiesenthal könnte dann entgegnen: Ich habe euch nicht vergessen. Diese Geschichte begleitet mich überall, wohin ich gehe.

Gibt es Situationen, in denen Sie alles hinschmeißen möchten?
Ja, als mich der NS-Verbrecher Sándor Képíró wegen übler Nachrede verklagt hatte. Er selbst saß auf der Anklagebank, und es war das erste Mal, dass ein Nazi deswegen überhaupt in Ungarn vor Gericht stand. Sie haben ihn freigesprochen. Es war furchtbar. Aber deswegen habe ich nicht aufgegeben. Ich habe später geweint, denn ich hatte das Gefühl, dass es mein Fehler war. Wenn man nicht gewinnt, fühlt man die Frustration und den Schmerz.

Wie gehen Sie damit um?
Erstens: Ich denke an die Opfer. Zweitens: Ich gebe nicht schnell auf. Man muss schon Optimist sein, um diesem Beruf nachzugehen. Auch wenn nicht jeder Verbrecher verurteilt wird, ist es doch die Anstrengung wert, denn die Botschaft an die Opfer ist: Ihr seid nicht vergessen. Und die Kriegsverbrecher wissen, dass sie eines Tages für ihre Taten Rechenschaft ablegen müssen. Das sollte ihnen den Schlaf rauben, denn irgendwann könnte es an ihrer Tür klopfen. Wissen Sie, es gibt sechs Stufen des Erfolgs.

Welche sind das?
Die erste und wichtigste ist, die gesuchte Person zu outen. Denn plötzlich weiß das gesamte Umfeld, dass der Mann oder der Vater ein Nazikriegsverbrecher war. Das ist eine sehr mächtige Sache. Die zweite Stufe ist die offizielle Untersuchung durch eine Regierung, denn wir können niemanden verfolgen, das können nur Staaten. Das dritte Level ist die Anklage. Das vierte der Prozess. Die fünfte Stufe ist das Urteil und die sechste die Strafe. Es ist sehr schwierig, bis zur sechsten Stufe zu kommen, aber jedes Level hat Auswirkungen und ist wichtig. Wenn ich mich davon entmutigen lassen würde, könnte ich diesen Job nicht machen. Es gibt keine absolute Gerechtigkeit. Man muss die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Wie viele Jahre sind vergangen, wie viele Hindernisse haben wir überwunden? Und trotzdem haben wir einige Dutzend Nazikriegsverbrecher auf eine der sechs Stufen gebracht.

Eines dieser Hindernisse ist die Zeit.
Keine Frage.

So ist vor drei Wochen der Nazi-Verbrecher Klaas Faber in Ingolstadt gestorben.
Davon habe ich nach den Schawuot-Ferien in Israel erfahren und war sehr frustriert, denn ich weiß, dass der Strafverfolger in Ingolstadt dabei war, Faber ins Gefängnis zu schaffen und jeden Tag für seine Inhaftierung vorgesprochen hätte. Das ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert, also habe ich damit schon etwas Erfahrung. Aber ich verstehe, dass die Menschen, mit denen ich mich beschäftige, schon sehr alt sind.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben Sie 2007 gesagt, dass die deutschen Behörden langsam arbeiteten, wenn es um Kriegsverbrecher gehe. Sehen Sie das heute noch so?
Es ist schwierig, ein Urteil über Deutschland zu fällen. In dem jährlichen Statusbericht des Wiesenthal Center wird unter anderen auch Deutschland eine Note gegeben. Genauer wäre es, die einzelnen Bundesländer zu bewerten. Denn in einigen wird viel, in anderen wenig getan. In Thüringen zum Beispiel hat es in den vergangenen vier, fünf Jahren nicht eine Untersuchung über Kriegsverbrecher gegeben. Jetzt weiß man, dass dort ein großes Neonazi-Problem existiert, aber das ist eine andere Geschichte. In Hessen, in Frankfurt am Main, gibt es immerhin viele Verdächtige, ebenso in Nordrhein-Westfalen. In Bayern existiert sogar ein Urteil. Für den Report schicken wir immer einen Fragebogen an 42 verschiedene Staaten, und das einzige Land, das zwar eine zentrale Stelle zur Verfolgung von Nazikriegsverbrechern hat, diese Frage aber nicht beantwortet, ist Deutschland. Die »Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen« in Ludwigsburg ist nicht in der Lage, dem Wiesenthal Center zu sagen, wie viele Untersuchungen, wie viele Urteile et cetera es gibt. Man sollte doch erwarten, dass man auf eine konkrete Frage eine konkrete Antwort erhält.

Wie erklären Sie sich das?
Das System dort funktioniert folgendermaßen: Die Ermittler bearbeiten einen Vorgang und geben ihn dann an lokale Ankläger weiter. Damit ist für sie die Sache erst einmal erledigt. Gleichzeitig bleiben viele andere Fälle in der Schublade.

Wie ist der Kontakt zur Zentralstelle in Ludwigsburg?
Momentan haben wir mit ihr ernsthafte Probleme. Und das gilt für Deutschland generell. Der Datenschutz, der einst eingeführt wurde, um die Schoa-Überlebenden zu schützen, dient heute den Verbrechern.

Am 12. Mai 2011 wurde John Demjanjuk verurteilt. Danach hat er in einem Seniorenheim gelebt.
Das macht mich rasend. Aber das Wichtigste ist, dass es ein Urteil gab, und die Frage, welche Auswirkungen dieses Urteil hat. Ich hatte im August ein Gespräch mit Kurt Schrimm von der Zentralstelle, sagte ihm dass wir die Operation Last Chance starten wollten, und fragte: Können Sie uns helfen, die Namen zu finden? Um auf den Punkt zu kommen: Es geschah nichts. Jeder Tag, der vergeht, ist einer zu viel, um die Nazikriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Und das Problem ist der Datenschutz.

Sie haben Anfang April dem Statusbericht drei weitere Namen hinzugefügt. Zwei Kanadier und einen Ungarn. Wie stehen die Chancen, Letzteren vor Gericht zu stellen, wo das politische System im Land einen Rechtsruck bekommen hat?
Da habe ich Neuigkeiten für Sie: Es ist einfacher, eine rechte Partei dazu zu bringen, einen Nazi zu verfolgen, als eine linke.

Warum?
Weil die linksorientierte Regierung Angst davor hat, dass die Rechten ihr einen Mangel an Patriotismus vorwerfen. Die Rechten haben nichts zu verlieren – jeder weiß, dass sie patriotisch sind. Wenn die also einen 79-Jährigen den Tieren regelrecht zum Fraß vorwerfen, können sie durchaus damit leben. Jeder denkt, dass es andersherum funktioniert, aber die Erfahrung beweist das Gegenteil.

Bundespräsident Joachim Gauck war Ende Mai in Israel. Wie haben Sie diesen Staatsbesuch wahrgenommen?
Ich denke, dass man ihm hätte erklären sollen, warum es so problematisch ist, dass er 2008 die Prager Deklaration unterzeichnete und welche Gefahren dieses Dokument für die Zukunft der Holocaust-Erinnerung und -Geschichte aufwirft.

Mit dem Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem sprach Katrin Richter.

Efraim Zuroff wurde am 5. August 1948 in New York geboren und wanderte mit 22 Jahren nach Israel aus, wo er an der Hebrew University seinen Master in Jewish Studies machte und auch promovierte. Der Historiker ist Direktor des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem. Sein jüngstes Buch »Operation Last Chance. Im Fadenkreuz des Nazi-Jägers« ist im Prospero-Verlag erschienen.

www.wiesenthal.com
www.operationlastchance.org

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