Ethik

Das Mindeste

Gerechter Lohn: In den Psalmen wird die Tugend eines Menschen gepriesen, der »seiner Hände Arbeit« genießt. Foto: imago, (M) Frank Albinus

Der Mindestlohn wird zu einem der Hauptthemen des diesjährigen Bundestagswahlkampfes. Neu ist das Thema nicht – zumindest nicht so neu wie die Vorschläge der Piraten für ein bedingungsloses Grundeinkommen –, aber auf jeden Fall immer noch schlagzeilenträchtig. Wie zum Beispiel die Ankündigung der von der SPD geführten Mehrheit im Bundesrat, die an diesem Freitag eine einheitliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro gegen die Bundesregierung durchsetzen will.

Union und FDP lehnen flächendeckende gesetzliche Mindestlöhne ab. Noch. Denn inzwischen mehren sich die Stimmen politischer Beobachter, die meinen, dass sich auch die Koalitionsparteien noch vor der Bundestagswahl auf ein gemeinsames Modell einigen werden. In Umfragen sprechen sich bereits drei Viertel der Deutschen für einen bundesweiten Mindestlohn aus.

Unabhängig von wechselnden Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat, von Forderungen eines gesetzlichen Mindestlohns oder branchenspezifischer Lohnuntergrenzen gibt es eine klare jüdische Perspektive in dieser Frage, die seit Jahrhunderten, eigentlich Jahrtausenden, unverändert lautet: Tora und Talmud sind – auch wenn dies nicht wörtlich, aber doch sinngemäß in den Schriften steht – für den Mindestlohn.

lebensunterhalt Erst einmal muss darauf hingewiesen werden, dass das Prinzip der Arbeit für den Lebensunterhalt eine biblische Verpflichtung ist: »Sechs Tage sollst du arbeiten ...«. In den Tehillim (Psalmen) wird zudem die Tugend eines Menschen gepriesen, der »seiner Hände Arbeit« genießt. Darüber hinaus sagen unsere Weisen: Wer arbeitet, muss in der Lage sein, seine Familie zu versorgen. Es gibt keine Hinweise darauf, wie viel gezahlt werden muss. Doch es muss in jedem Fall ausreichend sein.

Maimonides hat überliefert, dass sich die Jerusalemer Richter »90 maneh« Jahresgehalt aus dem Spendentopf nahmen. Als es ihnen nicht ausreichte, bewilligte man mehr. Und auch, wenn noch andere städtische Bedienstete sich derart bescheiden gaben, wurden sie den Bedürfnissen »ihrer Frauen und Familien« entsprechend entlohnt.

Die Tora lehrt, dass ein Beschäftigter mit Respekt behandelt werden muss und für sein Auskommen zu sorgen ist. Mehr noch: Der Ewed Iwri, also damals der Sklave oder Knecht, soll die gleichen Speisen und Getränke und das gleiche Nachtlager erhalten wie sein Herr. Es soll dem Knecht so gut gehen wie dem Herren, »tow kemocha«. In der Tora ist sogar die Rede davon, dass es ihm richtig gut geht (»ki tow lo imach«). Schwer vorstellbar, wie dieser Vorsatz auf heutige Umstände übertragen werden kann. Aber auf jeden Fall ist dies ein eindeutiges Plädoyer für gerechten Lohn.

arbeitsverhältnisse Nicht gerecht ist hingegen die Entwicklung, die wir derzeit miterleben. Als Stichwort seien die prekären Arbeitsverhältnisse erwähnt. Die Zahl der sogenannten Erwerbsarmen (Working Poor), die trotz ihrer Tätigkeit so wenig verdienen, dass sie nicht mehr den Existenz sichernden Lebensunterhalt aufbringen können, wächst beständig.

Der ehemalige Oberrabbiner Israels, Ben-Zion Meir Hai Uziel, hat darauf hingewiesen, dass der zu entrichtende Lohn sich stets nach dem örtlich durchschnittlichen Entgelt richten müsse. Im Einzelfall, und auch das sieht das jüdische Recht vor, kann ein Arbeiter allerdings auch für einen sehr viel geringeren Lohn beschäftigt werden, wenn er damit einverstanden ist. Die jüdische Tradition ist gegen zu restriktive Eingriffe in wirtschaftliche Abläufe, aber eindeutig für Gerechtigkeit. Was uns die Tora abverlangt und wir von der großen Politik fordern, müssen wir aber auch selbst praktizieren. Treu dem talmudischen Motto: Wenn nicht ich, wer dann?

Denken wir also an das Reinigungspersonal, das unsere Synagogen sauber hält, die Fahrer, die für die Gemeindeverwaltung unterwegs sind, das Küchenpersonal, das den Kiddusch zubereitet, die Pflegekräfte, die sich um unsere Senioren kümmern, oder an die Kindergärtnerinnen, die unsere Kleinsten betreuen: Sie alle verdienen gerechten Lohn für gute Arbeit – und müssen ihn auch erhalten.

schnäppchen Nicht zuletzt sollten wir dieses Prinzip auch in anderen Bereichen unseres Lebens realisieren. Zum Beispiel beim Einkauf. Denn was in Thüringen oder Baden-Württemberg gelten soll, muss ebenso in Pakistan oder Bangladesch Gültigkeit haben. Auch dort sollten Arbeiterinnen in Textilfabriken am Monatsende so viel in der Lohntüte haben, dass sie sich und ihre Familie versorgen können. Wenn wir das nächste Mal nach billigen Schnäppchen suchen – T-Shirts für 1,99 oder Jeans für 11,99 Euro –, sollten wir uns daran erinnern.

Umdenken ist notwendig. Fangen wir bei uns an. Dann können wir auch Forderungen an Politik und Regierung stellen. Und, um nochmals den Talmud zu zitieren: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Teilnehmer einer Demonstration »United4Palestine« halten Palästinenserflaggen, auch eine Flagge der Linken und eine Queer-Flagge sind zu sehen.

Berlin

Israelfeindliche Demonstration durchs Regierungsviertel

Rund 3.500 Menschen nehmen an der Demonstration unter dem Motto »United4Palestine« teil. Auch Politiker und Aktivisten der Linkspartei waren dabei. Einige Demonstranten wurden festgenommen

 11.10.2026

Feuer am Flughafen von Riad

Saudi-Arabien

Mindestens zwölf Tote bei Angriff auf Flughafen in Riad

Der Konflikt zwischen den vom Iran unterstützten Huthi im Jemen und Saudi-Arabien eskaliert. Bei dem Angriff auf den Flughafen King Chalid gibt es Tote und Hunderte Verletzte. Wie reagiert Washington?

 11.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Hans-Georg Lindenau in seinem Ladengeschäft »M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf«

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026 Aktualisiert

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026