Interview

»Das macht mich wütend«

Güner Balcı Foto: Jesco Denzel

Interview

»Das macht mich wütend«

Güner Balcı über Antisemitismus in Berlin-Neukölln, Plakate in der Sonnenallee und Strategien gegen Hass

von Joshua Schultheis  15.06.2023 08:39 Uhr

Frau Balcı, für viele ist Berlin-Neukölln zum Synonym für Juden- und Israelhass geworden. Wie finden Sie das als Neuköllnerin?
Ich finde es beschämend, und es macht mich regelmäßig wütend. Gleichzeitig treibt es mich an, etwas zu verändern. Für mich ist das der Kampf um die Deutungshoheit in meiner Heimat. Es geht um die Frage, wie das Miteinander in unserem Bezirk aussieht. Dieses Feld will ich nicht den Hetzern und Hassern überlassen.

Wie groß ist das Antisemitismusproblem in Neukölln?
Das ist eine gute Frage. Eine fundierte Studie zu diesem Thema ist überfällig. Wir brauchen endlich belastbare Zahlen dazu. Aber natürlich lässt sich sagen: Antisemitismus ist hier in breiten Bevölkerungsschichten anzutreffen. Er ist im Alltag an jeder Ecke zu sehen.

Vergangene Woche sorgten israelfeindliche Plakate für Empörung, die von »Samidoun«, einer den Terror verherrlichenden Gruppe, in der Sonnenallee aufgehängt wurden. Wie stark ist die Organisation in Neukölln verwurzelt?
Die Gruppe hat sich hier eine Basis geschaffen. Samidoun hat sich dafür nicht umsonst Neukölln ausgesucht. Sie wissen, dass wir hier viele junge Menschen haben, die oft perspektivlos sind und sehr empfänglich für ihre Propaganda. Andererseits gibt es jene Neuköllner, die es nicht hinnehmen, von Samidoun unter Druck gesetzt zu werden. Die Gruppe versucht, lokale NGOs dazu zu bringen, an ihren Demonstrationen teilzunehmen. Dagegen gibt es zum Glück große Gegenwehr.

Was tun Sie als Integrationsbeauftragte des Bezirks, um das Antisemitismusproblem Neuköllns anzugehen?
Ich schaue, wo die progressiven demokratischen Kräfte in der Einwanderungsgesellschaft sind, die sich gegen Antisemitismus starkmachen. Diese fördere, unterstütze und vernetze ich. So bringe ich NGOs zusammen, die arabisch, türkisch, kurdisch oder jüdisch-israelisch geprägt sind. Dort mache ich mich für die Übernahme der Antisemitismusdefinition der IHRA stark. Zudem haben wir ein Netzwerk verschiedener Akteure geschaffen, darunter die jüdische Gemeinde, das bei gravierenden antisemitischen Vorfällen schnell zusammenkommen kann. Der Bezirk arbeitet derzeit an der Einrichtung einer Stelle, die auch für die Bekämpfung von Antisemitismus verantwortlich ist.

Wegen Ihres Engagements gegen Antisemitismus waren Sie bereits Anfeindungen ausgesetzt. Von welchen Akteuren gehen diese aus?
Die Anfeindungen kommen von Leuten, die die Instrumente unserer Demokratie ablehnen. Ich bekomme Hassmails von Rechten, Linken und von Islamisten. Beim Thema Antisemitismus können die sich immer schnell zusammenfinden. Mir zeigt das nur, dass ich alles richtig mache.

Mit der Integrationsbeauftragten von Berlin-Neukölln sprach Joshua Schultheis.

Washington

USA beschlagnahmen Kryptowährungen und Online-Infrastruktur von Hamas

Die US-Behörden gehen weiter gegen die digitale Finanzierung der palästinensischen Terrororganisation vor

 02.09.2026

Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, spricht bei dem Wahlkampfauftritt in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), 28. August

Berlin/Heidelberg

Verdacht der Volksverhetzung: Dachorganisation der Sinti und Roma zeigt Tino Chrupalla an

Es geht um eine Äußerung des AfD-Chefs bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern

 02.09.2026

Verteidigung

Deutsche Marine testet erfolgreich israelisches Raketensystem

Nun sollen Pläne für eine Beschaffung der Waffen mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern vorangebracht werden

von Carsten Hoffmann  02.09.2026

Nahost

USA greifen erneut Ziele im Iran an – Trump droht mit noch härteren Schlägen

Das US-Zentralkommando erklärte, Luftabwehrstellungen, Radaranlagen, maritime Einrichtungen, Kommunikationssysteme sowie Anlagen und Fähigkeiten zum Verlegen von Seeminen seien getroffen worden. Der Iran startete derweil Angriffe in Jordanien und Bahrain

 02.09.2026

Marschflugkörper mit Staustrahlantrieb

Russland hilft Iran heimlich bei Entwicklung von Überschallraketen

Experten zufolge würde eine solche Waffe eine Gefahr für Landziele und Schiffe darstellen – darunter auch Flugzeugträger

 02.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung ist unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026

Karlsruhe

Mutmaßliche Unterstützer rechtsextremer Terrorgruppe angeklagt

Zwei Jugendliche stehen im Verdacht, die »Letzte Verteidigungswelle« unterstützt und einen Anschlag auf eine Asylunterkunft versucht zu haben. Die Bundesanwaltschaft will sie in Jena vor Gericht sehen

 01.09.2026

Helsinki/Genf

Finnland beendet UNRWA-Finanzierung

Die Regierung in Helsinki will die Hilfsgelder für die palästinensischen Gebiete nicht streichen, sondern künftig über Organisationen weiterleiten, die nicht von der Hamas unterwandert sind

 01.09.2026