Kunst

Das Kartell

Am 14. April 1945 besetzten US- Truppen Aschbach in Oberfranken. Im Schloss des Ortes setzten sie kurz danach drei Männer fest: den Schlossherrn Gerhard von Pöllnitz, Leiter der Ortsgruppe der NSDAP, sowie die Kunsthändler Kurt Haberstock und Hildebrand Gurlitt. Haberstock war bereits mehrere Monate in Aschbach zu Gast, Gurlitt war erst im März angekommen, begleitet von zwei Lastwagen mit fast 100 Kisten. Das Schloss muss einer Lagerhalle geglichen haben.

In den amerikanischen Protokollen sind verzeichnet: in einem großen Raum des Obergeschosses 34 Kisten, zwei Pakete mit Teppichen, acht mit Büchern, die Gurlitt gehörten; im Parterre Bilder, Bücher, Schränke, Möbel, Tapisserien aus dem Besitz von Haberstock sowie weitere 13 Kisten von Gurlitt und ein Raum mit Kisten, Kunstobjekten und Akten von Haberstock. Dazu Museumsbestände aus Bamberg und Kassel.

»führermuseum« Die beiden Kunsthändler und der Baron kannten sich aus dem besetzten Paris. Pöllnitz war dort als Luftwaffenoffizier stationiert – und mit Jane Weyll, einer Angestellten von Haberstock, dem Chefeinkäufer für das geplante »Führermuseum« in Linz, liiert. Für Haberstock wie für Gurlitt, der ebenfalls Kunstwerke für Linz zu beschaffen hatte, arrangierte Pöllnitz Kontakte zu französischen Sammlern, die Kunstwerke besaßen, von denen sie sich trennen wollten, mussten oder sollten.

Denn die Version, die beide Händler nach dem Krieg verbreiteten, dass sie nur von Händlern zu den marktüblichen Preisen gekauft, jedoch niemals Druck oder Zwang ausgeübt hätten, ist eine Legende. Haberstock war an der »Arisierung« der Galerie Wildenstein beteiligt, verbunden mit der Konfiskation wichtiger Werke. Und dass die »Sitzende Frau« von Matisse, die der Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg mit anderen Gemälden in einem Tresor vor den Nazis zu verstecken versucht hatte, jetzt in dem Bilderkonvolut von Cornelius Gurlitt gefunden wurde, spricht auch nicht für ein normales Kunsthandelsgeschäft seines Vaters.

Hildebrand Gurlitt und Kurt Haberstock waren jedoch nicht die Einzigen, die mit Ankäufen für Linz und Verkäufen verfemter Kunst den Nationalsozialisten dienten. Mit den Verkäufen wurden von der »Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst«, zu der auch Haberstock gehörte, vier Kunsthändler beauftragt. Neben Gurlitt waren das Bernhard A. Böhmer, Ferdinand Möller und Karl Buchholz. Zum Leiter der Ankäufe wurde der zuvor entlassene und jetzt wiedereingesetzte Dresdner Museumsdirektor Hans Posse ernannt, angeblich auf Vorschlag von Kurt Haberstock.

ehren Kurt Haberstock (1878–1956), Sohn eines Augsburger Bankiers, hatte 1907 in Berlin einen Kunsthandel eröffnet. Anfangs auf das 19. Jahrhundert konzentriert, entschied er sich in den 20er-Jahren mehr und mehr für die Alten Meister. Haberstock, seit 1933 NSDAP-Mitglied, gelang es 1936 erstmals, ein Bild an Adolf Hitler zu verkaufen: Paris Bordones »Venus und Amor«. Seitdem hatte er direkten Zugang zu Hitler, was sich mit dem Verkauf von 169 Werken an das »Führermuseum« auszahlte.

Weil er nach dem Krieg zuerst als »Mitläufer«, dann aber in einem zweiten Entnazifizierungsverfahren als »nicht belastet« eingestuft worden war, konnte er weiter als Kunsthändler tätig sein. Sein Kunstnachlass, im Besitz der Karl-und-Magdalene Haberstock-Stiftung und mehrfach mit Restitutionsforderungen konfrontiert, ist permanent im Augsburger Schaezlerpalais zu sehen. Außerdem trägt in Augsburg noch immer eine Straße seinen Namen – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Geschwister-Scholl- und Anne-Frank-Straße.

Zu Straßennamenehren kam auch Hildebrand Gurlitt in Düsseldorf, wo er Leiter des Kunstvereins war. Seinem Vetter Wolfgang Gurlitt (1888–1965) wurde die Zuerkennung eines Museumsnamens zuteil – allerdings nur auf Zeit. Wolfgang Gurlitt gehörte zwar nicht zu den vier privilegierten Händlern »ausgesonderter Kunst«. Aber auch er versuchte sich in dem Metier – unabhängig von seinem Cousin Hildebrand. Wolfgang Gurlitt hatte 1907, da war er 19, die angesehene Galerie seines Vaters Fritz Gurlitt in Berlin übernommen.

Offenbarungseid Allerdings waren Geldsachen für ihn immer Problemsachen. 1932 musste er sogar einen Offenbarungseid leisten, doch dank der Intervention des Landesleiters der Berliner Sektion der Reichskammer der Bildenden Künste hatten die Gläubiger das Nachsehen. Fortan liefen die Geschäfte über das Konto seiner geschiedenen Frau.

Mit ihr und seiner zweiten Frau kaufte er nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 in Bad Aussee eine Villa, in die er, nachdem seine Berliner Galerie 1943 zerbombt worden war, seine Sammlung auslagerte – wohl auch in Voraussicht, dass sie mit ihrer teilweise unklaren Herkunft dem Zugriff Deutschlands entzogen war. 1946 wurde Wolfgang Gurlitt österreichischer Staatsbürger. So konnte er Direktor der 1947 gleichsam als Antwort auf das »Führermuseum« gegründeten und mit seinen Leihgaben bestückten »Neuen Galerie« werden, die sogar den Zusatznamen »Wolfgang Gurlitt Museum« erhielt.

Der »Neuen Galerie« verkaufte Gurlitt, als er wieder einmal in Geldnöten war, 84 Gemälde und 33 Grafiken für 1,85 Millionen Schilling. Doch da er Dienstliches und Privates mit seiner Galerie in München vermischte, musste er zurücktreten. Als 1960 sein Name aus dem Museumstitel entfernt wurde, focht er das vor Gericht an – und siegte nach drei Jahren. Erst mit dem Neubau als »Lentos-Museum« konnte man ihn streichen. Doch sein Erbe wirkt nach. In bisher zehn Fällen mussten bereits Werke aus der GurlittSammlung restituiert werden.

netzwerk Die drei anderen neben Gurlitt privilegierten Händler wurden ausgewählt, weil sie als Galeristen der Moderne über die deutschen Grenzen hinaus einen guten Namen und nicht minder gute Beziehungen zur NS-Prominenz hatten. Kurt Buchholz bewarb sich, nachdem er erfahren hatte, dass »entartete Kunst« ins Ausland verkauft werden sollte, im August 1939 beim federführenden Goebbels-Mi-nisterium: »Ich stelle hiermit ergebenst den Antrag, mich verständigen zu wollen, wenn die ausgesonderten Stücke aus dem Museumsbesitz zum Verkauf gelangen. Über diese Anfrage hinaus habe ich auch Interesse an einem Verzeichnis des gesamten Vorrates, da ich infolge meiner Tätigkeiten als Kunsthändler für moderne Kunst die Interessenten im Ausland für Werke dieser Art kenne.«

Ferdinand Möller (1882–1956) kannte Außenminister Ribbentrop, wie ein Brief an dessen Frau belegt. Mehr als 700 Werke soll er verkauft oder getauscht haben. Trotzdem verblieb ihm eine beachtliche Sammlung, die den Krieg in seinem Haus in Zermützel bei Neuruppin überstand und die er mit einigen Täuschungsmanövern vor der Beschlagnahme in der SBZ retten und nach Köln verlagern konnte.

Dort war Möller erneut als Händler tätig, der Museen die begehrte Kunst der Zwischenkriegszeit verkaufte – jedoch nicht, wie ein Kritiker anmerkte, den Museen, denen sie einst gehörte. Der Erlös für vier Gemälde, darunter Feiningers »Dom in Halle«, die er einst an das Museum der Stadt ausgeliehen und nicht zurückerhalten hatte, die aber nach der Wende restituiert wurden, bildet den Grundstock der 1995 gegründeten Ferdinand-Möller-Stiftung, einem wesentlichen Finanzier der Forschungsstelle »Entartete Kunst« am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin.

USA Karl Buchholz (1901–1992) war vom erfolgreichen Berliner Buchhändler zum Kunsthändler geworden. Sein Mitarbeiter Curt Valentin, der zuvor für Alfred Flechtheim gearbeitet hatte – und zu dessen Ahnenreihe, wie er überraschend erkennen musste, vier jüdische Großeltern gehörten – emigrierte 1937 in die USA. Dort eröffnete er mit Unterstützung seines bisherigen Chefs in New York die Buchholz Gallery/Curt Valentin, die zur Vermittlungsstelle für den Export »entarteter Kunst« wurde. Buchholz soll 1942, als der Verkauf »entarteter Kunst« wegen Amerikas Kriegseintritt beendet wurde, aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden sein, weil er in New York eine Ausstellung deutscher Expressionisten unterstützt hatte. Über Lissabon, wo er 1943 eine Buchhandlung eröffnet hatte, zog er sich 1945 nach Bogota zurück, wiederum als Buchhändler mit einer Reihe von Filialen.

Bernhard A. Böhmer (1892–1945) war dagegen nie Mitglied der Reichskulturkammer, obwohl das eigentlich als Voraussetzung für den Kunsthandel galt. Als Bildhauer ausgebildet, wurde er, wie Reinhard Piper schrieb, »Famulus und Sekretär« von Ernst Barlach in Güstrow und nach dessen Tod 1938 einer seiner Nachlassverwalter. Böhmer hatte vorzügliche Kontakte nach Berlin, die ihm das Handelsprivileg mit der ausgesonderten Kunst bescherten.

So kam er auch zu einer beachtlichen Kunstsammlung, die nach seinem Selbstmord 1945 an die Schwester seiner Frau als Vormund seines Sohnes fiel. Die ließ einiges davon in Westberlin versteigern, ehe 1947 auf Weisung der »Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken« mit Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration bei ihr 34 Gemälde, neun Plastiken und mehr als 1000 Grafiken beschlagnahmt wurden. Davon verblieben nach der Rückgabe der Werke, die zuvor Museen in der Sowjetischen Zone gehört hatten, 613 im Besitz des Rostocker Museums, wo sie noch heute sind.

legenden Die Besitzstände der anderen Händler scheinen kaum geringer gewesen zu sein. Dass alle nach 1945 bald wieder recht erfolgreich im Kunsthandel agieren konnten, hing vor allem mit ihren Bilderbeständen zusammen – den »Entarteten« wie denen für den »Sonderauftrag Linz« –, die in ihren Händen geblieben waren und nach deren Provenienz damals kaum jemand fragte.

Alle diese Händler behaupteten nach Kriegsende, den Pakt mit dem Teufel allein deswegen eingegangen zu sein, um die bedrohten und diffamierten Kunstwerke zu retten. Vortragstitel wie »Karl Buchholz – ein Saboteur nationalsozialistischer Kunstpolitik« oder »Ferdinand Möller – ein unbeugsamer Vertreter der Kunst der Moderne« zeugen davon, wie erfolgreich diese Legende war und bis heute ist.

Dass diese »Rettung« mit Billigung des Goebbels-Ministeriums oder der Reichskanzlei geschah und den Händlern beträchtliche Gewinne eintrug, wird dabei verschwiegen. Stattdessen kehrt regelmäßig die Behauptung wieder, man habe damit auch jüdische Kollegen und Sammlerfamilien unterstützt, ihnen durch Fürsprache und durch die Gelder für ihre Kunstwerke die Ausreise möglich gemacht. Das mag in dem einen oder anderen Fall zutreffen.

Doch die Summe bleibt negativ. Für alle Händler gilt, was Katrin Engelhardt in ihrer Dissertation über Ferdinand Möller angesichts des Widerspruchs zwischen »Förderer« und »Profiteur« feststellt: Er »war beides, wobei sich ein Ungleichgewicht zugunsten des Profiteurs erkennen lasse. Der Kunsthändler hatte in großem Ausmaß von dem Verkauf der Entarteten Kunst profitiert, ohne es durch seine Förderung ausgleichen zu können.« Die Beschlagnahmungen und Rückführungen unmittelbar nach 1945 wie die noch immer anhängigen Forderungen nach Restitution sprechen da eine deutliche Sprache.

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