Ostafrika

Das geht auch uns an

»Wenn er hungrig ist, muss man ihm zu essen geben«: Der Schulchan Aruch erinnert an das Gebot, den Armen beizustehen. Foto: dpa

Eine der Schwächen des menschlichen Geistes ist die Unfähigkeit, große Zahlen zu verstehen. Wir sind so programmiert, dass wir uns um uns selbst, unsere Familien und die Gemeinschaft, in der wir leben, sorgen.

opferzahlen Aber es ist unglaublich schwierig, das gleiche Maß an Verständnis und Mitgefühl für andere in einem größeren Zusammenhang aufzubringen. Wohltätigkeitsorganisationen und Museen, die sich dem Ziel verschrieben haben, über den Holocaust aufzuklären, wissen das: Sie konzentrieren sich auf die Geschichte Einzelner, statt zu versuchen, die Menschen von der Tragweite des Geschehens zu überzeugen, indem sie die Höhe der Opferzahlen hervorheben.

Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, das Ausmaß der Katastrophe in Ostafrika zu verstehen, wo nach neuesten Angaben zwölf Millionen Menschen unmittelbar vom Hungertod bedroht sind. 440.000 von ihnen leben im größten Flüchtlingslager der Welt, bei Dadaab in Kenia, und täglich kommen mehr als 1.000 hinzu.

Die Probleme der Region sind zahlreich und komplex. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren blieben in Kenia, Äthiopien und Somalia die Regenfälle aus, was zur schlimmsten Dürre seit 60 Jahren führte. Zur gleichen Zeit schossen die Getreidepreise nach oben, und viele Herden verendeten. In weiten Gebieten war die Armut bereits fest verwurzelt.

Viele der Betroffenen lebten von der Hand in den Mund – eine prekäre Existenz, bei der die geringste Schwankung von Lebensmittelpreisen den Unterschied zwischen Tod und Leben bedeutet. Hinzu kommt, dass der nicht enden wollende Bürgerkrieg in Somalia die Hungersnot um ein Vielfaches verschlimmert.

welthandel Nicht aber die Dürre allein hat die Katastrophe verursacht. Unklarheiten über das Boden- und Eigentumsrecht, Regeln des Welthandels, die Ursprünge von Bürgerkrieg und Terrorismus, der Klimawandel – diese Faktoren sollten von all jenen, die hoffen, ähnliche Katastrophen in Zukunft zu verhindern, miteinbezogen werden.

Doch das Elend ist sehr konkret, und geholfen werden muss sofort. Am dringendsten werden Notrationen von Lebensmitteln benötigt sowie sauberes Wasser und medizinische Versorgung. Auf längere Sicht muss sich die Hilfe auf die Entwicklung von robusteren und nachhaltigeren Anbaumethoden in der Region konzentrieren.

Unsere Unfähigkeit, ein derart enormes Ausmaß an Leid zu begreifen, ist sicherlich einer der Gründe, warum es so lange gedauert hat, bis die Weltöffentlichkeit Notiz von der Krise nahm, die sich schon seit Jahren abzeichnete. Um den Horror zu verstehen, müssen wir ihn auf einer persönlichen Ebene betrachten: Es gibt Mütter, die im Lager ankommen und berichten, dass sie gezwungen waren, schwächere Kinder verängstigt und allein zum Sterben zurückzulassen, damit der Rest der Familie gerettet werden konnte.

spenden Was aber hat das alles mit der jüdischen Gemeinschaft zu tun? Karitative Spenden sind eines der Fundamente der jüdischen Religion und Kultur. Das Gebot, Notleidenden und all denjenigen, die weniger Glück haben als wir selbst, Hilfe zu gewähren, nimmt im Judentum zentralen Raum ein.

Der Schulchan Aruch erinnert uns an die Pflicht, den Armen das zu geben, was ihnen fehlt: »Wenn er hungrig ist, muss man ihm zu essen geben.« Dieser Grundsatz wird unseren Kindern bereits in jungen Jahren vermittelt. Und nach der Tradition sind wir verpflichtet, mindestens zehn Prozent unseres Einkommens abzugeben.

Die Aufgabe, anderen Menschen zu helfen, erstreckt sich weit über unsere nächsten Nachbarn und die Gemeinde hinaus. Der Begriff des »Tikkun Olam« – des Heilens der Welt – macht deutlich, dass wir auch denjenigen Menschen helfen müssen, die außerhalb der jüdischen Gemeinschaft leben.

World Jewish Relief hat genau diese globale Sicht. Hier wird die Hilfsbereitschaft der jüdischen Gemeinde Großbritanniens so kanalisiert, dass sie Katastrophen erreicht, wann und wo auch immer sie ge-schehen. Die Reaktion auf den Spendenappell für Ostafrika, der erst vor einem Monat an die Öffentlichkeit gerichtet wurde, ist überwältigend. Das ermöglicht, mit Helfern vor Ort zusammenzuarbeiten, damit Tausende Menschen gerettet werden können.

Auch jüdische Wohltätigkeitsorganisationen in anderen Ländern führen Spendenkampagnen durch und stellen unter Beweis, wie stark die jüdische Erfahrung mit dem Bedürfnis verknüpft ist, Mitgefühl und Großzügigkeit zu zeigen.

verpflichtung Als Gemeinschaft fühlen wir immer noch den Schmerz der Vergangenheit. Wir müssen dieses Leid anerkennen, es aber auch dafür nutzen, heute unsere Sensibilität für den Schmerz anderer zu erhöhen. Wir können nicht in Ruhe essen, während Menschen hungern. Wir können nicht unseren Wohlstand genießen, während so viele in Armut leben. Wir können die Notlage von zwölf Millionen Menschen nicht ignorieren. Tikkun Olam ist eine konkrete Verpflichtung.

Die Autorin ist Leiterin für Internationale Programme und Partnerschaften beim World Jewish Relief in London (www.wjr.org.uk).

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