Sport

Cup der Hoffnung

Am Freitag geht’s los: 32 Nationen spielen in Südafrika um den Pokal der FIFA-Fußballweltmeisterschaft. Foto: Reuters

Wenn in den kommenden Wochen der Ball in Südafrikas Stadien rollt und fliegt und nur selten ruht, dann hat das auch für das Judentum eine große Bedeutung. Dieser Satz mag verwundern, denn schließlich hat sich Israel wieder einmal nur beinahe für dieses Turnier qualifiziert. Aber die WM ist ein gesellschaftliches und kulturelles Weltereignis, und der Fußball selbst besitzt eine enorme kosmopolitische Kraft. Zwar treten bei einer WM, anders als im Vereinsfußball, Teams als explizite Repräsentanten ihrer Nationen an, aber dennoch ist sie ein globales Ereignis, das die Welt zum friedlichen Wettstreit zusammenführt.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten das Gesicht der Nationalmannschaften entscheidend verändert hat: Die Art, wie sich heute nationale Identitäten auf dem Spielfeld präsentieren – man denke in der deutschen Mannschaft an Sami Khedira, Cacau oder Jérôme Boateng –, bezeugt das Ende des traditionellen ethnischen Nationalismus, der auch für Juden immer eine große Gefahr darstellte. Die Fußball-WM ist heute weniger Ausdruck der alten nationalistischen Konkurrenz als vielmehr eines kulturellen Kosmopolitismus, der Individuen als Individuen wegen ihrer Leistungen betrachtet und anerkennt.

Talent Längst nicht mehr alle Fußballfans legen sich auf nur eine Identität oder Nation fest. Dies entspricht einer verbreiteten jüdischen Erfahrungswelt. Gerade während einer WM werden viele Fans, spätestens wenn das eigene Team rausgeflogen ist, zu ideellen Brasilianern, Südafrikanern, Portugiesen oder Franzosen – aus Liebe zum Spiel. Juden sind da mittendrin, wie sie auch historisch enorm zur Kosmopolitisierung des Sports beigetragen haben. Es waren Mannschaften wie Hakoah Wien, Spieler und Trainer wie Béla Guttmann und Hugo Meisl, die dem Sport ein globalisiertes Selbstverständnis gaben. Auch das kleine Israel bringt immer häufiger große Spieler hervor: etwa Liverpools Star Yossi Benayoun oder das Ausnahmetalent Ben Sahar, derzeit bei Espanyol Barcelona.

Den berühmtesten Fußballer der Gegenwart mit jüdischem Hintergrund – David Beckham, dessen Großvater Jude war – werden wir wegen einer Verletzung nicht in Südafrika erleben. Dafür aber Walter »The Wall« Samuel, der jüngst entscheidend dazu beitrug, dass Inter Mailand gegen Bayern München die Champions League gewann. Samuel ist in der Abwehr des WM-Favoriten Argentinien gesetzt, um dort neben Lionel Messi und Diego Milito zu spielen. Doch sollte man das kosmopolitische Spiel nicht idealisieren. Juden sind immer auch und gerade im Sport auf erhebliche Widerstände gestoßen. Antisemitismus und Antikosmopolitismus sind Teil der Geschichte und der Gegenwart des jüdischen Fußballs und auch des Sports schlechthin. Das Ressentiment gegen Juden hat sich aber verlagert: Es zeigt sich im fortwährenden Versuch, wenn nicht »die Juden«, so doch Israel als kollektiven Juden, als »Paria unter den Staaten«, auszugrenzen und zu dämonisieren. So geht die Abnahme des offenen Antisemitismus bei großen Sportveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften oder der Champions League heute oft mit einer Zunahme von aggressiver Israelfeindschaft einher.

Fahne Wenige Tage nach dem israelischen Militäreinsatz im Mittelmeer gegen die Gaza-Flottille wollte der schwedische Fußballverband ein EM-Qualifikationsspiel seiner U21-Mannschaft in Tel Aviv absagen. »Keine schwedischen Sportler nach Israel!«, forderte eine große Zeitung. Gegen die Spiele, die Schwedens Nationalelf im Jahr 2003 gegen den aktuellen WM-Teilnehmer Nordkorea austrug, gab es keine Proteste. Als bei der WM 2006 der ghanaische Spieler John Paintsil, der lange Jahre für Maccabi und Hapoel Tel Aviv gespielt hatte, aus Verbundenheit mit Israel nach einem erzielten Tor eine israelische Fahne aus dem Stutzen zog und mit ihr feierte, hagelte es tagelang wütende Proteste aus etlichen Ländern. Es gab sogar eine offizielle Entschuldigung des ghanaischen Verbandes. Bei jeder anderen Fahne wäre das undenkbar gewesen.

Auch dies ein Beispiel der neuen Israelfeindschaft und ein Fall von antijüdischem Zwangskosmopolitismus, der Juden nur als Minorität oder als reine Weltbürger duldet – und ausschließlich ihnen das Recht auf politische Selbstbestimmung und Staatlichkeit versagt, während man sonst die Vielfalt der Nationen feiert. Es bleibt die Hoffnung, dass Juden bei der diesjährigen WM keinen Antisemitismus erleben müssen, sodass auch Israelfahnen ganz selbstverständlich geschwungen werden können. Und, nicht zu verges- sen, dass ein Walter Samuel zu ähnlich großen Taten aufgelegt ist wie jüngst in der Champions League.

Die Autoren lehren Politikwissenschaft an der University of Michigan in Ann Arbor, USA. Ihr Buch »Gaming the World: How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture« ist soeben bei Princeton University Press erschienen.

Ausgerechnet am 7. Oktober

Greta Thunberg marschiert mit Terror-Unterstützern und Israelfeinden

Drei Jahre nach den Massakern der Hamas gab es in Berlin israelfeindliche Proteste. Mit dabei: die einstige Klima-Ikone Greta Thunberg

 07.10.2026

Berlin

Julia Klöckner ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Die Bundestagspräsidentin erinnert an die Opfer des 7. Oktober 2023 in Israel. Ihre Botschaft: Antisemiten müssten in die Schranken gewiesen werden

 07.10.2026

Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne, v.l.) vor dem ersten Vorsondierungsgespräch, 1. Oktober

Nach der Wahl

Linke, Grüne und SPD in Berlin beraten über Umgang mit Antisemitismus

Die Regierungsbildung ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Nun treffen sich Linke, Grüne und SPD zu einem dritten Vorgespräch – an einem historischen Tag. Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

 07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  07.10.2026

Islamismus

Studie: Nach Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg verlagern sich Netzwerke nach Frankfurt

Einer neuen Untersuchung von American Jewish Committee Berlin und democ zufolge bestehen die Strukturen des vom Iran gesponserten schiitischen Islamismus in Deutschland fort

 07.10.2026

Berlin

Fischer, Thierse, Altmaier – Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

Frühere Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und CDU wenden sich gegen eine Koalition mit der Linkspartei in der Hauptstadt. Sie sähen gemeinsame Grundüberzeugungen zu Rechtsstaat und Demokratie nicht gesichert, heißt es in einem Appell

 07.10.2026

Berlin

Initiative von Jüdinnen und Juden wendet sich gegen Koalition mit der Linken

Mit einem offenen Brief an Vertreter von SPD und Grünen in Berlin und auf Bundesebene sowie ihre Fraktionsmitglieder warnen die Unterzeichnenden vor einer Regierung mit der Linkspartei in der Hauptstadt

 07.10.2026

Justiz

Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin

Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Keine Woche vergeht in Berlin ohne Demonstrationen zum Gaza-Krieg. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz

 07.10.2026