Politik

Brüssels Denkfehler

Israel in den Grenzen von 1967: Die EU weitet einen politischen Konflikt auf die Welt der Wissenschaften aus. Foto: Thinkstock / (M) Frank Albinus

Wer die Erfolgsmeldungen aus Israels Forschungs-Community verfolgt, fühlt sich wie Alice ins (Wissenschafts-)Wunderland versetzt. Knochen aus Stammzellen züchten? Dank israelischer Forschung möglich. Antibiotika gegen Erbkrankheiten? Wurden in Haifa entwickelt. Impfung gegen Krebs? Zwar noch nicht marktreif, in Tel Aviv wird aber daran gearbeitet.

In wenigen Jahrzehnten ist der einst bitterarme Agrarstaat zu einem weltweit führenden Wissenschaftsstandort aufgestiegen. Forschung ist essenziell für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes – und von unschätzbarem Wert für den Rest der Welt.

fieslinge Doch auch Wunderländer sind vor Fieslingen nicht gefeit, die der Idylle wenig abgewinnen können. Das gilt für fiktive wie reale Wunderländer gleichermaßen. Die finstere Gegenspielerin von Alice etwa, die Herzkönigin, kannte nur eine Art, um Schwierigkeiten zu beseitigen: »Schlagt ihnen den Kopf ab!«, brüllte sie denen entgegen, die ihr nicht genehm waren. Den Kopf abschlagen will Catherine Ashton auch dem Staat der Juden, so steht es zu befürchten. Die EU-Chefdiplomatin hat in den vergangenen Monaten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um einen politischen Konflikt auf die Welt der Wissenschaft auszuweiten.

Das ist passiert: Ende Juli verabschiedete Brüssel neue Richtlinien, die Israels Regierung dazu nötigen, in künftigen EU-Abkommen schriftlich zu versichern, dass die entsprechenden Verträge ausschließlich für Israel in den Grenzen von 1967 gelten. Das Papier wurde federführend von Ashton entworfen, und die Intentionen sind deutlich: Die israelischen Siedlungen sollen von EU-Programmen ausgeschlossen werden. Das erste und wohl eines der wichtigsten Abkommen, auf das diese Richtlinien nun angewendet werden sollen, wird »Horizont 2020« sein. Ein mit 70 Milliarden Euro üppig ausgestattetes Förderprogramm für zivile Forschungsvorhaben.

kriterien Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat bereits durchblicken lassen, dass er, sollte sich Ashton mit ihrer Forderung durchsetzen, dem Vertrag seine Unterschrift verweigern wird. Mit gutem Grund, sagt Peretz Lavie, Präsident der Technion-Universität. Denn unterschreibt der Regierungschef die Richtlinien, müssten sich die Universitäten des Landes ihre Kooperationspartner nach politischen, nicht nach wissenschaftlichen Kriterien aussuchen, warnte Lavie. Er könne den Fakultäten nicht vorschreiben, mit wem sie forschen. Das wäre ein schwerer Eingriff in die akademische Freiheit, so Lavie.

Für Israel steht dabei viel auf dem Spiel. Mit gut 600 Millionen Euro wurden die israelischen Universitäten im Zuge des »Horizont 2020«-Vorgängerprogramms von der EU gefördert. Das Geld ist das eine. Ein Ausschluss aus dem Programm bedeutet für die Universitäten auch, von Kooperationen mit den europäischen Instituten ausgeschlossen zu werden.

Ashton manifestiert mit ihrem Beharren auf den 67er-Grenzen die bigotte europäische Israel-Politik der letzten Jahre. Denn derart preußisch-penibel gibt sich die Britin immer nur dann, wenn es darum geht, dem Staat der Juden die Grenzen zu diktieren. Geht es hingegen um die Fördergelder, die an die Palästinensische Autonomiebehörde fließen, sieht es anders aus. Allein Brüssel überweist um die 400 Millionen Euro. Jedes Jahr, wohlgemerkt.

finanzspritzen Doch wie verhält es sich mit diesen Finanzspritzen, sind sie ebenfalls an ein Bekenntnis zu den Grenzen von 1967 gebunden? Wird von der Autonomiebehörde eingefordert, was für Israel verbindlich sein soll? Wer im Büro von Ashton nachfragt, bekommt eine lange Antwort mit weitaus kürzerer Essenz: »Nein«. Bei der PLO in Ramallah klingeln die Kassen, ohne dass sich Brüssel vor Überweisung vom Zahlungsempfänger ein politisches Bekenntnis zum Existenzrecht Israels schriftlich bestätigen lässt.

Doch nicht nur regional, auch weltweit legt Europa an Israel andere, strengere Maßstäbe an. Bei keinem anderen Grenzkonflikt dieser Welt reagiert die EU mit einer vergleichbaren Politik: nicht im von China besetzten Tibet, nicht in West-Papua, das von Indonesien annektiert wurde, und auch nicht in der von Marokko besetzten Westsahara.

In Israel fragt man sich daher zu Recht, warum es Forscher und Universitäten sein sollen, die Brüssel zu Leidtragenden einer inkonsequenten und fragwürdigen Politik machen will. Die EU würde mit einem Ausschluss Israels schulterzuckend hinnehmen, dass Grundlagenforschung nicht erfolgt, auf die Juden, Muslime, Atheisten, Araber, Israelis und Europäer gleichermaßen ihre Hoffnung setzen. Das ist nicht länger nur »ein großer Fehler«, wie Technion-Präsident Lavie warnt. Es ist ein Verrat an der Freiheit der Wissenschaft.

Der Autor ist Korrespondent beim »Handelsblatt«.

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026

Großbritannien

»Wir haben das nicht richtig gemacht«

Andy Burnham, designierter Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Chef und Premierminister, kündigt eine Kurskorrektur in der britischen Nahostpolitik an

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Hamburg/Haifa

Netanjahu bremst Milliarden-Fusion von Hapag Lloyd und Zim

Hapag-Lloyd würde die israelische Reederei gerne übernehmen. Doch der israelische Ministerpräsident hat Sicherheitsbedenken

 10.07.2026

Hamburg

Ein Jahr nach Beginn des Block-Prozesses kein Ende in Sicht

Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. 63 Verhandlungstage gab es seither. Was ist noch offen?

 10.07.2026

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte Trump vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen ihn

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026

Islamabad/Doha

Vermittler wollen Atomgespräche zwischen USA und Iran retten

Pakistan, Katar und andere Staaten bemühen sich laut einem amerikanischen Pressebericht, die jüngste Eskalation einzudämmen

 10.07.2026