Wiesbaden

Berufsschüler beklatschen die Schoa

Die Caligari Filmbühne in Wiesbaden Foto: picture alliance / dpa

Auch in Wiesbaden gehört die Aufarbeitung der mehr als problematischen deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu den Prioritäten der Stadt. Wie erst jetzt bekannt wurde, kam es dort am 30. Januar, kurz nach dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, zu einem Antisemitismus-Skandal.

Der »Wiesbadener Kurier« zitiert eine Augenzeugin, die am 30. Januar zu einer Aufführung des 2002 veröffentlichten Werkes »Die Wannseekonferenz« in der örtlichen »Caligari Filmbühne« war. Der Film mit Philipp Hochmair als SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich und
Johannes Allmayer als Obersturmbannführer Adolf Eichmann, die jeweils maßgeblich für die Planung und Umsetzung des Holocaust verantwortlich waren, erzählt, was sich 20. Januar am Wannsee zutrug.

Im Abspann des Films erscheint dieser Satz: »Sechs Millionen Juden wurden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ermordet«. Bei der Vorführung sollen anwesende Berufsschüler in diesem Moment applaudiert haben.

Unerträglicher Vorfall

Im Kultusministerium des Landes Hessen hieß es dem »Wiesbadener Kurier« zufolge, es handle sich um einen unerträglichen Vorfall, der einer schonungslosen Aufarbeitung bedürfe, denn Antisemitismus und Hass bedrohten den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kultusminister Armin Schwarz (CDU) habe Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden aufgenommen - offenbar um zu erörtern, wie genau mit dem Skandal umgegangen werden sollte.

Laut Ministerium haben »einige wenige« der 60 Berufsschüler, die den Film sahen, applaudiert. Drei Lehrkräfte sollen dabei gewesen sein. Sie tadelten die Applaudierer demnach noch vor Ort. Der »Hessische Rundfunk« berichtet, die Schüler seien für zwei Wochen von der Schule suspendiert worden. Außerdem habe der Schulleiter eine intensive Aufarbeitung des Vorgangs angekündigt. Die Eltern der betroffenen Jugendlichen seien benachrichtigt worden, hieß es.

Besuch mit Entschuldigung

Angekündigt wurde ein »offizieller Besuch der beteiligten Schülerinnen und Schüler« bei der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Dabei geht es um eine Entschuldigung. Auch soll eine Überarbeitung des schulischen Präventionskonzepts erfolgen.

Die Gemeinde selbst erklärte, sie sei besorgt über »teilweise schockierende Kommentare in den sozialen Medien« nach Bekanntwerden des Skandals. »Uns hat der Vorfall betroffen gemacht. Wir wissen, dass sich die zuständigen Behörden mit dem Vorfall beschäftigen. Wir möchten abwarten, welche Schritte tatsächlich unternommen werden. Daher geben wir zum jetzigen Zeitpunkt keine weitere Stellungnahme ab«, hieß es.

Auch Daniel Neumann, der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, äußerte sich: »Die Tatsache, dass am Ende einer Filmvorführung einige Berufsschüler den Tod von Juden beklatscht haben, ist eine Schande, gleichzeitig aber wenig überraschend«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen.

»Tiefrote Karte«

»Denn, wen wundert es, dass sich judenfeindliche Haltungen gerade bei Jugendlichen Bahn brechen, wenn man die ausgedehnte Nutzung asozialer Medien und den dort transportierten Hass auf Juden und Israel bedenkt?«

Jetzt müsse es nicht nur darum gehen, den Schülern »eine tiefrote Karte zu zeigen, sondern die Erkenntnis zu nutzen, um die Bildungsziele und Konzepte endlich zu überdenken und neue Schwerpunkte mit Blick auf den Umgang mit sozialen Medien, Fake-News, kritischem Denken und Demokratiebildung zu setzen«, erklärte Neumann. »Empörung und Verurteilungen helfen jetzt jedenfalls nicht weiter.«

Derweil ermittelt laut dpa jetzt auch die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen die Schüler. Es geht um Volksverhetzung.

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026