Geschichte

»Bei uns hieß es Litzmannstadt«

Herr Ventzki, vor 70 Jahren, im August 1944, wurde das Ghetto Lodz liquidiert, die Bewohner nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Wenige Monate zuvor, im März 1944, kamen Sie in Lodz zur Welt, auf der anderen Seite des Stacheldrahts, in »Litzmannstadt«, wie die Deutschen die Stadt umgetauft hatten. Ihr Vater Werner Ventzki war dort NS-Oberbürgermeister.
Mein Vater war Volljurist mit beiden Staatsexamen und hatte schon in jungen Jahren Karriere in der NSDAP gemacht. 1931 trat er in die Partei ein, 1934, mit 28 Jahren, wurde er in Stettin persönlicher Referent des Oberbürgermeisters Wilhelm Stuckart, der später Staatssekretär im Reichsinnenministerium wurde …

… und in dieser Funktion auch Teilnehmer der Wannsee-Konferenz zur »Endlösung der Judenfrage« 1942 war.
Genau. Mein Vater machte in Stettin Karriere als Beamter in der Stadtverwaltung und stieg auch in der Partei auf: erst Zellenleiter, dann Blockleiter und so weiter. Als Landesrat und Gauamtsleiter war er in den folgenden Jahren verantwortlich für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt in Pommern. Nach Kriegsbeginn wechselte er zur Gauselbstverwaltung in Posen unter Gauleiter Greiser. 1941, mit 35 Jahren, wurde er dann Oberbürgermeister von Litzmannstadt, einer großen Industriestadt von damals rund 750.000 Einwohnern.

War Ihr Vater Parteimitglied aus Opportunismus, um Karriere zu machen? Oder überzeugter Nationalsozialist?
Er war überzeugter Nationalsozialist, sein Leben lang. Und seine Position als Oberbürgermeister verstand er als politischen Auftrag, Lodz »einzudeutschen«, so wie es Heinrich Himmler für das annektierte Wartheland programmatisch verordnet hatte. Das war für ihn eine ganz wichtige Aufgabe, für die er sich begeistert hat, denn das »gemeinsame Wollen« hat sein Mitwirken an der nationalsozialistischen Volkstum- und Vernichtungspolitik bestimmt.

Sie haben die Geschichte von Lodz unter der Verwaltung Ihres Vaters recherchiert und darüber ein Buch geschrieben. Wie sah das Alltagsleben in dieser proklamierten NS-Musterstadt aus?
Im Bundesarchiv am Fehrbelliner Platz in Berlin gibt es mehrere Filmrollen, Teile eines nie vollendeten Propagandafilms namens »Aus Lodz wird Litzmannstadt«. Dort werden Szenen gezeigt, wie die Reichs- und Volksdeutschen Konzerte besuchen, im Park spazieren oder in der Badeanstalt schwimmen gehen, über die Hauptstraße flanieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft vegetierten gleichzeitig Hunderttausende Juden auf vier Quadratkilometern im Ghetto, wurden Zehntausende regelmäßig in Vernichtungslager deportiert und ermordet. Was bekam man als Normalbürger im deutschen Litzmannstadt davon mit?
Man bekam schon einiges mit. Das Ghetto war im Norden der Stadt, und es fuhr mindestens eine Straßenbahnlinie mitten durch. Von der Tram aus konnte man ins Ghetto hineinsehen. Anders als in Warschau war in Lodz das Ghetto nicht von einer Mauer umgeben, sondern mit Stacheldrahtzaun und Holzbrettern. Gelegentlich sah man Menschen nahe des Stacheldrahtzauns um Essen betteln. Solche Szenen werden in Erinnerungen beschrieben.

Die deutsche Bevölkerung wusste also, was los war. Wie hat sie sich verhalten? Hat sie es billigend zur Kenntnis genommen? Oder ausgeblendet?
Ich denke, man hat weitgehend versucht, es zu ignorieren. Die Mentalität war wohl: »Das ist nicht unser Problem«. Darum hat man sich nicht gekümmert.

Ihr Vater als Oberbürgermeister schon.
Ja, natürlich. Zu den ihm unterstellten Behörden gehörte auch die Ghettoverwaltung. Die bestand anfangs aus 30 Mitarbeitern und wuchs im Lauf der Jahre auf 400 Beschäftigte an. Diese Behörde wurde geleitet von Hans Biebow, mit dem mein Vater jede Woche mehrmals Besprechungen hatte. Er war nachweisbar auch mindestens drei bis fünf Mal selbst im Ghetto, um sich ein Bild zu machen.

Wusste er auch von den Deportationen in die Vernichtungslager?
Natürlich. Biebow musste monatlich einen umfangreichen Bericht über die Tätigkeiten der Ghettoverwaltung schreiben. Diese Berichte hat mein Vater bekommen. Sie enthielten genaue Aufstellungen über den Personalstand im Ghetto, von wo die Transporte kamen, wie viele in das Vernichtungslager Chelmno gingen. Das ist alles eindeutig bewiesen. Mein Vater war sehr genau informiert.

Ihr Vater hat als Zeuge 1963 in einem Prozess gegen zwei enge Mitarbeiter Adolf Eichmanns gesagt, wenn Juden aus dem Ghetto abtransportiert wurden, habe er stets geglaubt, »sie würden in Erholungslagern konzentriert«.
Das war natürlich eine dreiste, bewusste Lüge. Mein Vater war Jurist. Und als Jurist wusste er, wie man sich in einem Prozess herausreden kann.

Damit stand er nicht allein unter NS-Tätern. Aber die Formulierung »in Erholungslagern konzentriert« hat eine ziemlich einzigartige zynische Qualität.
Ja. Und das macht mir immer noch zu schaffen. Ich frage mich bis heute: Wie konnte mein Vater so etwas sagen?

Als Ihr Vater das sagte, war er hoher Beamter im Bundesvertriebenenministerium. Seine NS-Karriere war ihm in seinem Nachkriegsberufsleben offenbar nicht hinderlich.
Nein, nicht sehr. Er hat nach 1945 in Schleswig-Holstein wieder angefangen. Und Schleswig-Holstein war damals ein Nest von Nazis. Mein Vater hat im dortigen Sozialministerium gearbeitet, als Fachmann für Vertriebenenfragen. Von dort wurde er nach Bonn geholt, vom damaligen Vertriebenenminister Theodor Oberländer …

… auch er ein alter Nazi …
Ja, weswegen er später zurücktreten musste. Mein Vater und Oberländer kannten sich übrigens, wenn auch flüchtig, noch aus der Zeit des Dritten Reiches. Es gab in Wirtschaft, Politik und Verwaltung ein regelrechtes Netzwerk von Nazis.

Von Nazis oder von ehemaligen Nazis?
Was meinen Vater angeht: Er blieb überzeugter Nazi. Er hat sich sogar empört darüber, dass er im Entnazifizierungsverfahren nur als »Mitläufer« eingestuft worden war. Noch in den 90er-Jahren erinnere ich mich an eine Situation, bei der er meiner Frau sagte, er sei überzeugter Antikommunist, Antidemokrat und Antisemit. Diese drei Antis – das war seine Lebensüberzeugung.

Wann haben Sie selbst von diesem Aspekt Ihres Vaters erfahren? War die NS-Zeit in Ihrer Familie ein Thema? Oder wurde sie verschwiegen?
Sie wurde grundsätzlich verschwiegen. Dafür sorgte meine Mutter. Sie war ein halbes Jahr später als mein Vater in die NSDAP eingetreten, war BDM-Führerin in Stettin. Sie war eine sehr starke Frau und hat in der Zeit meiner Kindheit und Jugend meinem Vater verboten, darüber zu sprechen. »Wir wollen die Kinder nicht belasten«, war ihr Argument. Erst als meine Mutter gestorben war, fing mein Vater an, etwas erzählen zu wollen.

Wie alt war er damals?
Da war er Ende 80, Anfang 90.

Sie sagen, er wollte erzählen. Im Sinne von beichten, sich etwas von der Seele reden?

Nein, ganz im Gegenteil. Das war das Problem. Er redete davon, was für ein toller Typ Hitler gewesen sei, dass das Dritte Reich die schönste Zeit seines Lebens war und so weiter. Beide Eltern haben übrigens nie von »Lodz« gesprochen, sondern immer nur »Litzmannstadt« gesagt.

All das und mehr haben Sie in Ihrem Buch aufgeschrieben. Sie sind darüber hinaus auch aktiv in der Gedenkarbeit für die Opfer des Ghettos Lodz. Wie reagiert Ihre Familie darauf? Gelten Sie als »Nestbeschmutzer«?
Ich habe eine Schwester und zwei Brüder. Meine Schwester unterstützt mich und steht voll auf meiner Seite. Sie findet es gut, dass ich mit der Geschichte unseres Vaters an die Öffentlichkeit gegangen bin. Meine beiden Brüder dagegen sind da sehr distanziert …

Distanziert? Das ist wohl ein Euphemismus.
(lacht) Sagen wir, distanziert bis ablehnend. Bei diesen Geschichten kommt der größte Widerstand, wie in vielen belasteten Familien, aus den eigenen Reihen. So ist das auch bei uns. Das ist in gewisser Weise nachvollziehbar. Nur habe ich mich entschieden, einen anderen Weg zu gehen, weil ich überzeugt bin, dass es besser ist, darüber zu reden, auch etwas zu tun, statt die Dinge zu verschweigen.

Das Gespräch führte Michael Wuliger.

Jens-Jürgen Ventzki: »Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche«. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, 224 S., 24,90 €

Das Ghetto Lodz wurde 1940 nach der deutschen Annexion der polnischen Industriestadt und ihrer Umbenennung in »Litzmannstadt« eingerichtet. Es war das am längsten
bestehende und nach dem Warschauer »jüdischen Wohnbezirk« zweitgrößte Ghetto im deutschen Machtbereich. Auf vier Quadratkilometern im Norden der Stadt wurden 160.000 Menschen eingepfercht. Es herrschten katastrophale hygienische Bedingungen, Unterernährung und Seuchen. Die Insassen mussten Zwangsarbeit für deutsche Unternehmen wie Neckermann leisten. Das Verlassen des Ghettos war bei Todesstrafe verboten.

Ab 1941 wurden auch Zehntausende Juden aus Deutschland, Österreich und Tschechien nach Lodz deportiert. Ein Jahr später begannen die Todestransporte in das nordwestlich gelegene Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof). Im August 1944 wurde das Ghetto auf Befehl Himmlers liquidiert. Die noch rund 65.000 Bewohner wurden nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Stuttgart

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