Meinung

Bärendienst an der Berlinale

Fabian Wolff Foto: Marco Limberg

»Mögen Sie Wagner?«, fragt Sabina Spielrein im Film A Dangerous Method. »Den Menschen und die Musik!«, antwortet C.G. Jung enthusiastisch. Ähnlich überschwänglich klingt die Pressemeldung, mit der die Berlinale vergangene Woche den Preisträger ihres Goldenen Ehrenbären fürs Lebenswerk bekannt gab, der bei den Filmfestspielen im Februar verliehen werden soll: »Wir ehren Ken Loach als Regisseur, und wir verehren ihn als einen Menschen, der in seinen Filmen oft humorvoll gesellschaftliche Missstände widerspiegelt«, sagte Dieter Kosslick.

lachen Der Berlinale-Direktor ist vielleicht der einzige Mensch, der bei Ken Loach sofort an »humorvoll« denkt. Vielleicht kennt er nur die Fußballkomödie Looking For Eric, vielleicht hat er Loach auch mit Mike Leigh verwechselt. Loach ist jedenfalls bekannt für Sozialdramen und Milieustudien. Gelacht wird selten, die Hoffnung ist klein. Der Regisseur Loach hat die Ehrung sehr verdient.

Der Regisseur, wie gesagt. Doch Kosslick lobt explizit den »Menschen« Loach. Und der hat vor allem mit einer drastischen Anti-Israel-Haltung Aufsehen erregt. Loach gehört zu den prononciertesten Israel-Boykotteuren. Er lehnt etwa die Teilnahme an jedem Filmfestival ab, das »von der israelischen Regierung finanziert« wird.

Wobei »finanziert« in diesem Fall ein dehnbarer Begriff ist. 2009 nahm der Film Surrogate von Tali Shalom Ezer am Edinburgh Film Festival teil. Die israelische Botschaft unterstützte die Anreise der Regisseurin mit 300 Pfund. Eine Aktionsgruppe drohte mit Boykott; der eigentlich unbeteiligte Loach unterstützte das. Danach zahlte die Festivalleitung die Anreise.

humanismus Zu einer Studie über das Wachsen des Antisemitismus sagte er, dies sei doch sehr verständlich angesichts von Israels Politik – und insgesamt sei die Studie nur ein Täuschungsmanöver, um von der Politik Jerusalems abzulenken. Aus diesen Worten spricht etwas ganz anderes als der Humanismus, den man aus Loachs Filmen kennt.

Dass die Berlinale davon spricht, auch den Menschen Ken Loach auszuzeichnen, ist Blindheit oder Provokation. Gerade war der letzte Gewinner des Ehrenbären, Claude Lanzmann, in Berlin zu Gast. Mit der Verkündung von Loachs Ehrung hat man danach immerhin eine Woche gewartet. Möglicherweise, weil man geahnt hat, wie der Shoah-Regisseur reagiert hätte.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

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