Alija

Auszug aus Europa

Ankunft: Neueinwanderer auf dem Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen Foto: Flash 90

Fast täglich hört man schlechte Nachrichten: Jüdische Kinder werden in Toulouse und Paris angegriffen, antisemitische Parteien sind in Athen und Budapest auf dem Vormarsch, bei Fußballspielen in der Ukraine und den Niederlanden sind judenfeindliche Parolen zu hören, in Rumänien wird ein Holocaustleugner zum Minister ernannt. Essenzielle jüdische Riten werden infrage gestellt. Das Schächten wird auf dem gesamten Kontinent argwöhnisch betrachtet. Die Kölner Beschneidungsdebatte weitet sich auch auf andere Länder aus – und hat jetzt mit der Strafanzeige gegen einen Rabbiner eine ganz neue Dimension erreicht.

Für Europas Juden wird es zunehmend ungemütlich. Verlassen also mehr und mehr den Kontinent, um im Gelobten Land ihr Heil zu suchen? Stimmt die Theorie vom europäischen Exodus? Die neuesten Einwanderungszahlen der Jewish Agency scheinen das zu bestätigen: Auf den ersten Blick sieht es tatsächlich so aus, als sei der europäische Exodus bereits in vollem Gange. Die Alija-Zahlen sind beinahe überall angestiegen, mancherorts über 200 Prozent.

anstieg In den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben zum Beispiel 54 Italiener ihre Koffer gepackt und sind gen Zion gezogen, während es im Vorjahreszeitraum nur 17 waren. 50 Deutsche haben Alija gemacht, 13 mehr als in den ersten Monaten von 2011. In Skandinavien haben sich die Zahlen verdoppelt – von 10 auf 20. In Großbritannien ist eine Zunahme um 30 Prozent zu verzeichnen, in Frankreich sind es 13 Prozent mehr, in den Niederlanden 43 Prozent. Insgesamt sind in Europa die Zahlen um 20 Prozent angestiegen.

Oder Griechenland: Dort ist es zwar nicht der Aufstieg der Neonazipartei »Goldene Morgenröte«, sondern vielmehr die Finanzkrise, die Juden dazu motiviert, in Israel ihr Heil zu suchen. Dennoch: Sabby Mionis, ein bekannter griechischer Jude, der heute in Israel lebt, sagte kürzlich, er gehe davon aus, dass »mehrere Hundert Mitglieder« der 4.000 Seelen zählenden Gemeinde in den nächsten Jahren ins Heilige Land übersiedeln.

So ganz scheint die Rechnung »Mehr Antisemitismus, mehr Alija« aber dann doch nicht aufzugehen. Denn in Ungarn, wo die antisemitische Jobbik-Partei 2010 drittstärkste Kraft des Landes wurde, sind die Alija-Zahlen in diesem Jahr sogar leicht gesunken.

Was ist nun mit den Endlos-Debatten über das koschere Schlachten und die Brit Mila: Gehören diese in dieselbe Kategorie? Für Mark Weitzman, Direktor für Regierungsbelange des Simon Wiesenthal Center, steht dies außer Frage. Natürlich behaupten die Befürworter von Verboten jüdischer Riten, es gehe ihnen ausschließlich um das Wohl von Tieren und Säuglingen. Sie hätten absolut nichts gegen Juden oder ihre Religion. Dennoch müssten Versuche, jüdische Praktiken zu verbieten, als genau das angesehen werden, ungeachtet der angeblichen Motivation, die dahinterstehe, meint Weitzman.

trend Während Europa sich zunehmend von seinen religiösen Wurzeln lossage und immer säkularer werde, könne es gut sein, dass unzeitgemäß wirkende Riten als extremistisch verurteilt und vielleicht ganz verboten würden, so Weitzman weiter. Wie sich dieser Trend tatsächlich auf die Alija auswirkt, wird man erst in ein paar Jahren beantworten können. Schließlich ist die Rede ja nicht von unkontrollierten Pogromen, vor denen Juden über Nacht flüchten müssten.

Aber auch in Ländern, in denen Juden buchstäblich um ihr körperliches Wohl fürchten müssen, kann man nicht von einer fluchtartigen Alija-Welle sprechen. Es ist nicht so, dass zum Beispiel Juden in Paris oder Marseille in Panik verfallen. Frankreichs Juden haben auch nach dem Massaker von Toulouse nicht hysterisch reagiert, sagt Arielle di Porto von der Jewish Agency. »Alija aus Frankreich ist eine Alija aus freiem Willen, keine Rettungsaktion«, erklärte sie kürzlich vor einem Komitee der Knesset in Jerusalem.

5.000 Besucher kamen im Mai zu einer Pariser Alija-Messe. Natan Sharansky, Vorsitzender der Jewish Agency, stellte fest, dass er sich nicht daran erinnern könne, in den vergangenen Jahren je so viele Menschen auf einmal gesehen zu haben, die an einer Zukunft in Israel interessiert seien.

alija-boom Alle Zeichen deuten auf einen Alija-Boom aus Europa, meint auch Howard Flower, der in Moskau stationierte Alija-Direktor der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem. Flower hat bereits eine Auswanderungswelle miterlebt, nachdem 1998 in der ehemaligen Sowjetunion die Banken crashten und einige Nationalisten in der Duma »Rettet Russland, tötet die Juden!« schrien. Er spricht von einer Welle des Antisemitismus, gefolgt von einem substanziellen Anstieg der Alija. Genau dasselbe werde sich in den kommenden Monaten in Europa abspielen, so Flower.

Ob er recht hat, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Es wird ungemütlicher. Fakt ist aber auch: Weiterhin packen relativ wenige Juden in Europa ihre Koffer. Der große Exodus wird wohl – vorerst – ausbleiben, trotz aller Friedhofsschändungen, Schächt- und Beschneidungsdebatten.

Der Autor ist Korrespondent der Online-Zeitung »The Times of Israel«.

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