Migration

Außen vor

Die Ankunft dreier Generationen: russische Zuwandererfamilie 1996 in Köln Foto: dpa

Noch vor genau einem Jahr war sich Michael Rosenbach sicher: »Entscheidend ist die Attraktivität Deutschlands einschließlich seiner jüdischen Gemeinden.« Rosenbach ist beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für die jüdischen Zuwanderer zuständig. Doch deren Zahl sinkt seit Langem. Im Jahr 2011, dessen Zahlen gerade erst bekannt gegeben wurden, ist sie mit 986 erstmals unter der Tausendergrenze angelangt.

einwanderung »Es hat sich offensichtlich gezeigt, dass Deutschland für Ausländer allgemein nicht so attraktiv ist, wie vermutet wurde«, sagt Paulette Weber von der Zentralwohlfahrtsstelle. Die ZWST kümmert sich besonders um die Integration der jüdischen Einwanderer aus der früheren Sowjetunion. Während sich deren Zahl in den 90er-Jahren meist zwischen 15.000 und 20.000 pro Jahr bewegte, ist sie seit Jahren rückläufig. Schon 2010 lag sie bei 1015, im Jahr 2009 bei 1088.

Dabei ist Deutschland sonst ein Land, das zunehmend von Einwanderung geprägt ist. In seinem Migrationsbericht 2011 schreibt das Bundesamt: »2011 kamen insgesamt ca. 280.000 Personen mehr nach Deutschland (fast 960.000 Zuzüge), als in dem Jahr fortzogen (680.000 Fortzüge).« Gerade aus Osteuropa kommen viele Menschen nach Deutschland.

Paulette Weber nennt weitere Gründe: etwa, dass sich viele jüdische Zuwanderer aufgrund erschwerter Einwanderungsbedingungen scheuten, Anträge zu stellen. »Außerdem gibt es zurzeit auch nicht mehr so viele Anlaufstellen (Botschaften), in denen sie Anträge einreichen könnten, und es ist für sie teilweise sehr beschwerlich, zu diesen zu gelangen.«

Die Regelungen, die die ZWST anspricht, sind seit 2007 in Kraft. Damals wurde ein Gesetz beschlossen, wonach besondere Aufnahmevoraussetzungen für jüdische Zuwanderer gelten: Sie müssen die Staatsangehörigkeit eines Nachfolgestaates der früheren Sowjetunion besitzen, sie müssen, wie es nach sowjetischen Personenstandsrecht hieß, »jüdischer Nationalität« sein, darüber hinaus Deutschkenntnisse nachweisen und eine jüdische Gemeinde in Deutschland benennen, die sie aufnimmt.

Dann gibt es noch das Alter: Um eine gute »Integrationsprognose« zu erhalten, darf man weder zu alt noch zu jung sein. Wer älter als 45 Jahre alt ist, gilt als schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Und wer jünger als 31 Jahre alt ist, gilt in der Regel als nicht genügend qualifiziert.

Dass es zu dieser Politik einer restriktiven Integrationsprognose kommen konnte, erklärt der Migrationsforscher Klaus J. Bade mit einer »amtlichen Fehldiagnose«: Man hatte schlicht zu spät zur Kenntnis genommen, wie qualifiziert das Gros der Zuwanderer war. »Die jüdische Zuwanderung trug eindeutig Züge einer Elitenzuwanderung«, schreibt Bade in dem Onlineportal migazin.de, »und ihr Potenzial wurde auf verheerende Weise verschleudert.« Wissenschaftlern wurde die Anerkennung ihrer Abschlüsse verweigert, sie galten als »unqualifiziert« und blieben arbeitslos.

Explizit ausgeschlossen von der Zuwanderung waren Juden, die »eine Funktion ausgeübt haben, die für die Aufrechterhaltung des kommunistischen Herrschaftssystems gewöhnlich als bedeutsam galt«, wie es in einer Anordnung des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2011 heißt.

anerkennung Inzwischen wurde mit dem 2012 beschlossenen Anerkennungsgesetz das Verfahren vereinfacht. Gleichwohl wird das deutsche System, wie es in einer aktuellen OECD-Studie heißt, als »Anwerbestopp mit Ausnahmen« wahrgenommen. Für die Regierung in Berlin bedeuten solche Diagnosen Handlungsbedarf. »Wir dürfen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht höhere Hürden aufbauen, weil wir alle um dieselben Talente werben«, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen in einem Interview.

Für das Gros der jüdischen Zuwanderer kommt die neue Einwanderungspolitik der Bundesregierung zu spät. »So wichtig das Anerkennungsgesetz auch ist«, schreibt Bade, »verspätetes politisches Nachbessern ist kein Grund, sich für das Überwinden der eigenen Zögerlichkeit auf die Schultern zu klopfen.«

Medienberichte

Lambsdorff soll Nachfolger von Seibert in Israel werden

In bedeutenden deutschen Auslandsvertretungen könnte es zu Wechseln an der Spitze kommen. Doch bei der offiziellen Bekanntgabe wird diplomatisch vorgegangen

 10.02.2026

Berlin

Unbekannte zerstören Gedenktafel an jüdischem Friedhof

Der Polizeiliche Staatsschutz beim Landeskriminalamt ermittelt

 10.02.2026

Berlin

Ordner, der Lahav Shapira bedrängte, muss Geld zahlen

Israelfeindliche Aktivisten besetzen 2023 einen Hörsaal. Die Stimmung ist aufgeheizt. Dem Studenten Lahav Shaipra wird der Einlass verwehrt. Nun muss ein Ordner deswegen eine Geldauflage zahlen

 10.02.2026

Göttingen

Durchsuchungen wegen mutmaßlichen Nazi-Shops

CDs, Sticker, Kleidung - die mindestens sechs Verdächtigen sollen die rechtsextreme Szene ausgestattet haben. Was die Beamten bei Durchsuchungen noch fanden

 10.02.2026

Boston

US-Gericht stoppt Verfahren gegen türkische Doktorandin

Ein Meinungsbeitrag zum Gaza-Krieg reichte aus: 2025 kam die türkische Doktorandin Rümeysa Öztürk in US-Abschiebehaft. Der Fall löste landesweite Empörung aus – nun ist eine Entscheidung gefallen

 10.02.2026

Faktencheck

Gefälschte Wegweiser entlarven angebliche Epstein-Aufnahme

Der Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ist 2019 zu Tode gekommen - doch ein Bild soll ihn angeblich in jüngster Zeit in Israel zeigen. Ein genauer Blick zeigt, wieso das nicht stimmen kann

 10.02.2026

Interview

»Was mit den Juden passierte, war vielen gleichgültig«

Sara Elasari-Gruß überlebte den Anschlag auf das jüdische Altenheim in München 1970. Im Interview spricht die Ärztin darüber, wie sie sich retten konnte und wie sie den Vorfall verarbeitet hat

von Michael Thaidigsmann  10.02.2026

Warschau

Polen: Einstellung zu Juden verschlechtert sich

Fast ein Drittel aller Polen hat eine ablehnende Haltung gegenüber Juden

 10.02.2026

Nahost

Westjordanland: Washington und London fordern Kurswechsel von Israel

Großbritannien besteht auf einer Rücknahme der vom israelischen Sicherheitskabinett beschlossenen Maßnahmen. Aus dem Weißen Haus heißt es, Stabilität sei entscheidend

 10.02.2026