Holocaust-Relativierungen, codierte Sprache und hohe
Reichweiten prägen antisemitische Inhalte auf TikTok. Das ist ein
zentrales Ergebnis einer am Mittwoch in Jena veröffentlichten Analyse
des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) mit Blick
auf die Verbreitung entsprechender Inhalte auf der Plattform.
Untersucht wurden 20.093 TikTok-Beiträge, die über einschlägige
Hashtags erhoben und in einer Stichprobe von 2446 Videos ausgewertet
wurden. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass Antisemitismus
auf TikTok häufig nicht eindeutig erkennbar ist, sondern in Form von
Memes, Emojis, Zahlencodes und popkulturellen Anspielungen auftritt.
Hoher Anteil von Holocaust-Relativierungen
Laut Auswertung sind rund 78 Prozent der unter den Hashtags
gefundenen Beiträge nicht antisemitisch. Die übrigen Inhalte seien
jedoch überwiegend uneindeutig und arbeiteten mit indirekten oder
durch sprachliche Codes verschlüsselten Ausdrucksformen. Besonders
auffällig sei der hohe Anteil von Holocaust-Relativierungen, der in
42,5 Prozent der als antisemitisch eingeordneten Beiträge
festgestellt wurde.
Antisemitische Deutungen entstünden vielfach erst im Zusammenspiel
verschiedener kultureller Codes und Trends der Plattform. Als
Beispiel für codierte Sprache nennen die Autoren ein Saftpaket-Emoji,
das die Mehrdeutigkeit zwischen den gleich klingenden englischen
Wörtern für »Saft« und »Juden«, »juice« und »jews«, aufgreife, vor
allem wenn es dabei um das antisemitische Stereotyp Blut trinkender
Eliten gehe. Einige Beiträge erreichten dabei Millionenreichweiten.
Die Autoren der Studie betonen, dass Antisemitismus auf TikTok eng
mit digitalen Plattformlogiken und jugendkulturellen Ausdrucksformen
verbunden sei. Für die Präventionsarbeit folge daraus, dass nicht nur
einzelne Codes entschlüsselt, sondern auch die Attraktivität und
Funktionsweise digitaler Kulturen stärker berücksichtigt werden
müssten. epd