Antisemitismus

An allem schuld

Juden und den jüdischen Staat mit den NS-Tätern in Verbindung zu bringen, gehört zum Standardrepertoire der »Israelkritik«. Foto: imago

Antisemitismus

An allem schuld

In Deutschland kommt Kritik an der Politik Jerusalems meist als Verdammung des jüdischen Staats daher

von Alan Posener  08.05.2017 16:57 Uhr

Was ist normale Israelkritik? Wo wird sie antisemitisch? So lautet der Auftrag für diesen Essay, und schon wird’s heikel. Denn wie Jakob Augstein auf Spiegel Online feststellte, ist die Israelkritik »ein politisches Genre, das es für andere Länder bekanntlich nicht gibt«. Es gibt keine »Englandkritik«, »Russlandkritik« oder »Syrienkritik«. Israelkritik ist also nicht »normal«, weil sie wie jede Kritik aufs Ganze zielt, auf den jüdischen Staat als solchen.

Ist es also antisemitisch, wenn die Süddeutsche Zeitung »Wladimir Tayyip Netanjahu« titelt? Nein. Es ist unverschämt und uninformiert, denn Benjamin Netanjahu hat weder die Absicht noch die Mittel, ein Autokrat vom Schlage Putins oder Erdogans zu werden. Aber es ist so wenig antisemitisch, wie ein Hitlerbärtchen auf einem Merkel-Bild antideutsch ist.

expertenteam Doch der Bericht des vom Bundestag eingesetzten Expertenteams zum Antisemitismus stellt, um noch einmal Augstein zu zitieren, »bei sage und schreibe 40 Prozent der Bevölkerung sogenannten israelbezogenen Antisemitismus fest – Kritik an der israelischen Politik sei massenweise antisemitisch konnotiert. Die Zahl ist so hoch, dass man sich fragen muss, mit welchen begrifflichen Kriterien da operiert wird«.

Man kann davon ausgehen, dass Augstein den Bericht nicht gelesen hat, sonst hätte er nicht die Suggestivfrage gestellt, die implizit unterstellt, Israelis und ihre deutschen Freunde benutzten die Antisemitismuskeule, um Kritiker mundtot zu machen.

Schauen wir uns also den Bericht an. Ihm zufolge stimmen 57,3 Prozent der Deutschen der Aussage zu, Israel führe »einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser«. 40,5 Prozent meinen: »Was der Staat Israel mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.« Nimmt man hinzu, dass 53 Prozent glauben, die hiesigen Juden seien »Israel gegenüber loyaler« als Deutschland, und 35,6 Prozent »bei der Politik, die Israel betreibt«, verstehen können, »dass man Juden nicht mag«, dann dürfte nur ein willentlich mit Blindheit Geschlagener leugnen, dass »Israelkritik« hier in Antisemitismus übergeht.

doppelmoral Die Gleichsetzung der – oft kritikwürdigen und in Israel oft kritisierten – Politik Israels gegenüber den Arabern mit der Judenvernichtung oder dem Krieg der Wehrmacht dämonisiert und diffamiert den jüdischen Staat, ja, stellt dessen Existenz infrage. Denn der Staat Hitlers musste ja zerschlagen werden. Dämonisierung, Diffamierung und Doppelmoral – Deutschland verteidige am Hindukusch die Freiheit, Israel aber führe einen Vernichtungskrieg – sind nach der von der Menschenrechtsabteilung der OSZE verwendeten Arbeitsdefinition des Antisemitismus klare Indikatoren für dessen antiisraelische Variante. Wer das alles nicht zur Kenntnis nimmt, sondern raunt, es werde mit unklaren Kriterien »da operiert«, spielt, vorsichtig gesagt, den Antisemiten in die Hände.

Übrigens: Wer dem israelbezogenen Antisemitismus huldigt, ist eher geneigt, auch dem traditionellen Antisemitismus etwas abzugewinnen. Nach der Wahlpräferenz sind sowohl der herkömmliche Antisemitismus als auch der Antizionismus unter den Anhängern der AfD am häufigsten zu finden: 19 beziehungsweise 47 Prozent der AfD-Wähler stimmen solchen Positionen zu. So viel zu jener Partei, die manche Juden immer noch als Bollwerk gegen den muslimischen Antisemitismus sehen wollen. Am wenigsten sind Antisemitismus und Antizionismus bei den Wählern der Grünen zu finden.

Genug der Zahlen. Wie jeder Jude und jede Jüdin in Deutschland weiß, kann er oder sie jederzeit haftbar gemacht werden für die wirklichen – eher aber für die vermeintlichen – Untaten Israels. Das heißt: Jüdische Kinder werden aus ihren Schulen gemobbt, während die Lehrer zusehen; ein Rabbiner wird vor seiner Haustür zusammengeschlagen, die Polizei findet die Täter nicht; und auf Demonstrationen zum Al-Quds-Tag, an dem die Vernichtung Israels propagiert wird, werden »feige« Juden aufgefordert, sich zum Kampf zu stellen.

konsens Hinzu kommt der Konsens in der »guten« Gesellschaft, Israel trage die Hauptschuld an dem, was man wider besseres Wissen den »Nahostkonflikt« nennt; und dass man dieser »Gewaltspirale«, hervorgerufen durch Israels »alttestamentarische« Politik des »Auge um Auge«, die bekannte deutsche Mäßigung entgegensetzen müsse. Es ist dieser milde Antizionismus, der verhindert, dass der gefährliche und gewalttätige Antisemitismus bekämpft wird.

Welcher Lehrer setzt sich schon vor einer Klasse von Türken und Arabern für Israel ein? Welcher Politiker riskiert dafür Wählerstimmen? Welcher Journalist möchte sich permanent mit seinen Kollegen wegen tendenziöser Berichte anlegen? Wer von uns möchte die nette Stimmung bei einem Abendessen verderben, wenn es wieder einmal gegen »Wladimir Tayyip Netanjahu« geht? Augstein schrieb, unser Außenminister habe in Israel »Tapferkeit vor dem Freund bewiesen«. Nun ja, das kostete nichts. Das Problem ist, dass so viele Freunde Israels Feigheit vor Israels Feinden beweisen.

Der Autor schreibt für die »Welt« und betreibt das Blog »Starke Meinungen«.

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