Analyse

Amerikas Sicht

Kurswechsel im Weißen Haus: Der für Westeuropäer welt-, sicherheits- und wirtschaftspolitisch paradiesische Zustand ist vorbei. Foto: Getty Images

Auch die abstoßende Trump-Medaille hat zwei Seiten: eine deutsch-westeuropäische und eine amerikanische. Meine These lautet: Donald Trump, der Trumpismus, ist eine Strafe Amerikas für deutschen und westeuropäischen Antiamerikanismus. Hierzu ein kritischer Rückblick.

Die Kulturelite Europas betrachtet die USA traditionell seit jeher als Ableger ihrer selbst. Die zeitlose Wertewucht der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 ist ohne Europa-Wurzeln von der Antike bis zur frühen Neuzeit undenkbar. Allerdings haben Amerikas Gründer die europäischen Gedanken von Recht und Naturrecht weitergedacht und in ihrer seit 1787 bewährten Verfassung verwirklicht.

Freiheit Vor allem Deutschland und Frankreich wurden im 20. Jahrhundert zweimal durch die USA befreit. Ohne Amerika wäre Deutschland 1918 keine parlamentarische Demokratie geworden, sondern muffig- spießiges, autoritäres Kaiserreich geblieben. Der schwachen Weimarer Republik halfen die USA durch Dawes- und Young-Plan auf die Beine.

Über die selbstgestellten Beine stolperten dann »die« Deutschen ab 1930 ins Chaos und ab 1933 in den Abgrund. In diesen rissen sie im Zweiten Weltkrieg 60 bis 65 Millionen Menschen. Sechs Millionen waren Juden. Ohne die USA hätte Hitler-Deutschland diesen Krieg gewonnen. Ohne die USA 1945/49 gäbe es keine westdeutsche Demokratie. Ohne die US-Luftbrücke 1948/49 und das fast zu späte, doch schließlich erfolgte Erwachen der Kennedy-Administration nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wäre West-Berlin Teil der DDR geworden.

Ohne die USA hätte sich Frankreich weder 1918 noch 1944/45 vom Joch der deutschen Besatzung befreien, also »siegen« und seine Freiheit der NATO, also vor allem den USA sei Dank, bewahren können. Der Marshall-Plan ermöglichte Westeuropas und West-Deutschlands Über- und dann ihr nie vorher gekanntes Wohlleben.

1968 Zum Dank verkündete Frankreichs Stabilisator, Präsident Charles de Gaulle, seit 1958 und nach ihm, mit diesen oder ähnlichen Worten, die meisten seiner Nachfolger: »Europa ist kein Protektorat der USA!« Noch schärfer zog seit Mai 1968 die Neue Linke in Frankreich, Deutschland und ganz Westeuropa die Trennlinie zu Amerika. Sie kürte Europas Befreier vom Nazismus zu Neu-Nazis. Ihre Parole: »USA-SA-SS!«

Trotzdem blieb der US-Schutzschild für Deutschland und Europa. Mit Menschen, Material und Geld bezahlten ihn die Amerikaner. Als unsere Schutzmacht Amerika im Oktoberkrieg 1973 ihrem Schützling Israel helfen wollte, blockierte die Brandt-Scheel-Regierung. Den US-Iran-Konflikt nutzte Deutschland mit Westeuropa seit 1979 wirtschaftlich. Auf Kosten der USA.

Nächste Episode: Die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wäre ohne die Unterstützung der USA unmöglich gewesen. Kurz danach, im Januar 1991, baten die USA Deutschland um Hilfe. Im Krieg gegen Diktator Saddam galt es, dessen Massenvernichtungswaffen zu beseitigen. Nein danke, sagten Kohl und Genscher ebenso höflich wie klar. Konfrontativ, eine Mischung aus Wilhelm II. und Trump, war 2003 Schröders Nein zum Irakkrieg der USA. Dann: Zwei Prozent des Bruttosozialprodukts würden NATO-Mitglieder für Verteidigung aufbringen. So beschlossen 2002 und 2014. Abmachung eingehalten? Ein trotziges Nein besonders aus Deutschland.

Friedensapostel Derweilen erntete Deutschland als Homo oeconomicus die Früchte der US-Patronage und -Pädagogik nach 1945. Die »Reeducation« (Umerziehung) hatte den martialisch strammen deutschen Michel in einen weichsympathischen und deshalb weltweit beliebten Friedensapostel verwandelt. Auch deshalb wurde er Exportweltmeister.

Wen überrascht es, dass nicht nur Trump, sondern auch Millionen Amerikaner diese Gegebenheiten auf Dauer »not amusing« finden? Dass Deutsche und Westeuropäer nun die Trumpsche harte Linie beklagen, überrascht ebenfalls nicht. Der für uns Westeuropäer welt-, sicherheits- und wirtschaftspolitisch paradiesische Zustand ist vorbei. Wir fühlen uns von Trump misshandelt. Unser Gewissen ist rein. Das verdanken wir Trump und können besten Gewissens auf ihn und seine Basis, halb Amerika, schimpfen.

Doch hat umgekehrt nicht nur halb, sondern ganz Amerika lange unsere Provokationen hingenommen: jenseits der NS-Vergleiche das Verbrennen von US-Fahnen, Steinkanonaden auf Amerika-Häuser oder Demokratie-Belehrungen. Antiamerikanismus gehört seit de Gaulle und 1968 zum »guten Ton« in Deutschland und Westeuropa.

Chlorhühnchen US-Präsidenten kamen und gingen, der Antiamerikanismus blieb. Er blieb auch unter dem so sympathischen und intelligenten, doch leider außenpolitisch erfolglosen Obama. Vielleicht erinnert sich noch jemand daran, dass 2016 in Deutschland und Europa Millionen gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) nicht nur wegen der Chlorhühnchen demonstrierten.

Heute beklagen wir uns, dass Trump den Freihandel zerstört, obwohl die USA bislang für Autos 2,5 Prozent Zoll erheben, die EU 10 Prozent. Ob Trump, Oba-ma, Bush Vater und Sohn, Reagan oder Chlorhühnchen – gegen die USA wird fast überall und immer protestiert und demonstriert. Den irrationalen und wütenden antiamerikanischen Aktionen aus Deutschland und Westeuropa folgen nun die amerikanischen Reaktionen. Ihr Name ist Trump.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Zuletzt erschien von ihm: »Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie«.

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