80 Jahre Kriegsende

Als der Krieg vorbei war - Die Deutschen und der lange Schatten der NS-Herrschaft

Kolonne sowjetischer Panzer am Brandenburger Tor Foto: picture-alliance / akg-images

Als Hannah Arendt 16 Jahre nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten zum ersten Mal nach Deutschland zurückkehrt, findet die jüdische Emigrantin ein verwüstetes Land vor.

Die zerbombten Städte liegen bei ihrem Besuch 1949/50 noch in Trümmern. Sie erlebt den »Alptraum eines physisch, moralisch und politisch ruinierten Deutschlands«. Doch vor allem beschäftigt die Philosophin, die in New York gerade das Manuskript ihres großen Werks »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« fertiggestellt hat, die Frage, wie die Deutschen nach dem verlorenen Krieg mit den Verbrechen des Nationalsozialismus umgehen.

»Alptraum eines physisch, moralisch und politisch ruinierten Deutschlands«

Mehrere Monate reist Arendt, die sich 1933 rechtzeitig vor der Hitler-Diktatur in Sicherheit gebracht hat, durch das Land. Nach ihrem Eindruck weigern sich viele ihrer früheren Landsleute, sich ernsthaft mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Stattdessen reagieren sie mit Realitätsflucht, Gleichgültigkeit und Selbstmitleid. »Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben«, notiert sie in ihrem Essay »Besuch in Deutschland«.

Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 will niemand mehr ein Nazi gewesen sein. »Mit Hitler verschwand der Nationalsozialismus fast über Nacht«, so der Befund des Historikers Hans-Ulrich Thamer. Die Deutschen in den Besatzungszonen der Alliierten sind mit dem nackten Überleben beschäftigt. Viele flüchten sich in die Arbeit - nach Arendts Beobachtung die »Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit«. In der Bevölkerung herrscht weitgehendes politisches Desinteresse. »Politisch gesehen, sind die Deutschen apathisch«, urteilt die Schriftstellerin und Schauspielerin Erika Mann (1905-1969), auch sie Emigrantin wie ihr Vater Thomas Mann und ihr Bruder Klaus.

Je größer der zeitliche Abstand, desto intensiver wurde die öffentliche Diskussion über die NS-Vergangenheit geführt

Die kollektive Befindlichkeit der Deutschen nach zwölf Jahren NS-Herrschaft fasste der Journalist und Buchautor Theo Sommer (1930-2022) später so zusammen: »Der braune Spuk war vorbei, der Nationalsozialismus ein für alle Mal erledigt. Die Deutschen mochten apathisch sein, sie mochten sich im Schock des katastrophalen Endes auch der Einsicht in die Wurzeln ihres nationalen Unglücks zunächst verschließen. Eines jedoch waren sie nicht mehr: Nazis.« Zugleich sei ihnen die Besatzungsherrschaft der Sieger zunächst »mehr als Bedrückung denn als Befreiung« erschienen.

Eine Mitschuld am millionenfachen Judenmord und anderen NS-Verbrechen wiesen die meisten Deutschen von sich. Auch der erste Bundespräsident Theodor Heuss lehnte eine Schuldzuweisung an die gesamte Bevölkerung, eine »Kollektivschuld« also, ab. »Aber etwas wie Kollektivscham ist aus dieser Zeit gewachsen und geblieben«, sagte er im Dezember 1949 vor der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Je größer der zeitliche Abstand wurde, desto intensiver wurde die öffentliche Diskussion über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geführt.

Forderungen nach einem »Schlussstrich«

Zugleich wurden in der Nachkriegszeit immer wieder Forderungen nach einem »Schlussstrich« unter dieses Kapitel deutscher Geschichte laut. Der Historikerin Ute Frevert zufolge reagierten weite Teile der Bevölkerung nach dem Krieg mit einem »Schamschweigen« auf die NS-Verbrechen. »Die große Mehrzahl der Deutschen übte sich im distanzierenden Beschweigen, das in den späten 1950er und 1960er Jahren nur gelegentlich von Strafprozessen gegen einzelne Nazitäter gestört wurde«, so die Historikerin.

»Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.«

Richard von Weizsäcker

40 Jahre nach Kriegsende erinnerte der sechste Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, in einer viel beachteten Rede zum 8. Mai 1945 an die Opfer von Krieg und NS-Terror. An erster Stelle nannte er die sechs Millionen in den Konzentrationslagern ermordeten Juden, erst danach folgten andere Opfergruppen. Kernaussage der Rede waren indes die Sätze: »Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.«

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Nach dem Urteil von Ute Frevert war die Rede »ein radikales vergangenheitspolitisches Signal« mit dem »klaren Bekenntnis gegen jegliche Form der Weichzeichnung und Relativierung des Nationalsozialismus«. Weizsäcker sprach auch von der historischen Verantwortung der Nachgeborenen: »Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.«

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