Zentralrat

»Alles ganz vorsichtig«

Ralph Giordano Foto: Marco Limberg

Zentralrat

»Alles ganz vorsichtig«

Ralph Giordano über die Anfänge jüdischen Lebens nach der Schoa

von Tobias Kühn  12.07.2010 16:33 Uhr

Herr Giordano, Sie waren 27, als im Sommer 1950 der Zentralrat gegründet wurde. Was bedeutete das Ereignis für Sie?
Ich kann mich genau erinnern. Ich hatte Hendrik van Dam, den ersten Generalsekretär des Zentralrats, 1947 kennengelernt. Er wurde mir zu einem väterlichen Freund. Von Anfang an war ich mit den Repräsentanten der damaligen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland verbunden und verfolge den Werdegang des Zentralrats bis heute. Meine Verbundenheit rührt von den Anfängen her, bis zu Paul Spiegel und Charlotte Knobloch.

Wie war die Situation der jüdischen Gemeinden Anfang der 50er-Jahre?
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland damals war keine deutsche. Die deutsche Judenheit war ausgerottet, bis auf ganz wenige. Die Führungsrollen spielten deutsche Juden, aber die Mehrheit kam aus dem europäischen Osten, vor allem aus Polen – Menschen, die nicht weitergereist waren in die USA oder nach Palästina.

Vor welchen Problemen standen die Gemeinden damals?
In erster Linie vor Problemen der Versorgung und des Überlebens – und vor Problemen, die der Antisemitismus aufwarf. Es war sehr bald klar, dass Hitler zwar militärisch geschlagen war, aber noch lange nicht geistig. Das war etwas, womit sich die jüdische Gemeinschaft und der Zentralrat herumzuschlagen hatte.

Wie wurde die Gründung des Zentralrats von der nichtjüdischen Öffentlichkeit wahrgenommen?
Das wurde alles sehr vorsichtig behandelt. Von der politischen Korrektheit her hätte es niemand gewagt, den Zentralrat zu kritisieren. Mir ist auch nicht bekannt, dass sich die Medienöffentlichkeit abfällig gegenüber dieser neuen Organisation geäußert hätte.

Und wie reagierte die jüdische Welt darauf, dass sich in Deutschland jüdisches Leben neu formierte?
Es war immer ein großes Problem für die in Deutschland verbliebenen Juden, dass ihnen der Vorwurf gemacht wurde, im Land der Täter zu leben. Auch ich war geblieben, obwohl es für meine Familie und mich vollkommen klar gewesen war, dass wir Deutschland sofort nach der Befreiung verlassen würden. Aber es kam anders. Ich wäre mir wie ein Deserteur vorgekommen, wenn ich Deutschland verlassen hätte, nachdem ich erkannt hatte, dass Hitler zwar militärisch, aber nicht geistig geschlagen worden war. Meine inneren Beziehungen zu denen, die nicht überlebt hatten, verboten das.

Mit dem Journalisten und Schriftsteller sprach Tobias Kühn.

Großbritannien

Applaus für britischen Außenminister von der Hamas

Ein hochrangiger Funktionär der Terrorgruppe begrüßt die Sanktionen, mit denen das Vereinigte Königreich Israel belegt hat. Das sei ein »wichtiger Schritt in die richtige Richtung«

 11.09.2026

Tel Aviv

Antisemitische 9/11-Verschwörungsmythen tauchen zum 25. Jahrestag wieder auf

Die israelische Organisation CyberWell dokumentiert entsprechende Beiträge auf mehreren großen Social-Media-Plattformen

 11.09.2026

Kommentar

Ja, du bist gemeint!

Im Leben gibt es Menschen, die erkennen, was vor sich geht, und andere, die einfach blind den Trends folgen. Warum ich an der Seite meiner jüdischen Freunde stehe

von Boy George  11.09.2026

Washington D.C.

Trump verteidigt Iran-Krieg und kündigt weiteren wirtschaftlichen Druck an

»Wenn ich es noch einmal tun müsste, würde ich genau das tun, was ich getan habe«, sagt der amerikanische Präsident

 11.09.2026

Peenemünde

»Gibt nichts umsonst«: Merkel fordert Einsatz für Demokratie

Die frühere Bundeskanzlerin hat eine 700 Seiten starke Autobiografie über ihr politisches Leben geschrieben. Bei einer Sonderlesung in Mecklenburg-Vorpommern findet eine Passage besonderen Widerhall

 11.09.2026

Washington D.C./New York

25 Jahre nach 9/11 – USA gedenken der Terroropfer

Zum 25. Jahrestag erinnern zahlreiche Zeremonien an die fast 3000 Opfer der Terroranschläge vom 11. September – und an Menschen, die bis heute an den Folgen der Anschläge sterben

von Anne Pollmann  11.09.2026

Deutschland

Nach AfD-Sieg: Cem Özdemir rief sofort jüdische Gemeinden an

Der Ministerpräsident gab den Juden in Baden-Württemberg ein persönliches Versprechen

 10.09.2026

Bayern

Jugendlicher bestreitet Anschlagspläne auf Synagoge

Ein 16-Jähriger steht in Augsburg wegen Planung eines Anschlags vor Gericht. Ihm werden schwere Straftaten vorgeworfen. Das Verfahren läuft unter Ausschluss der Öffentlichkeit

 10.09.2026

Rosch Haschana

Neujahrswünsche von Friedrich Merz und Johann Wadephul

Zum jüdischen Neujahrsfest schicken der Bundeskanzler und der Bundesaußenminister Grußbotschaften an die jüdischen Gemeinden

 10.09.2026