Redezeit

»Absurd und hysterisch«

Herr Herzberg, die Beschneidung von minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen ist nach Auffassung des Landgerichts Köln strafbar. Wie stehen Sie zu dem Urteil?
Ich persönlich finde dies absurd und hysterisch. Die Frage, ob man seinen Sohn beschneiden lässt oder nicht, sollte einzig und allein Angelegenheit der Eltern sein. In diesen Bereich sollte sich der Staat nicht einmischen. Mir scheint, dass diese Regelungswut eine sehr deutsche Unart ist.

Inwiefern?
Hierzulande neigt man dazu, alles bis in den privatesten Bereich vorzuschreiben. Das führt von der Vorschreibung der Höhe der Hecke im Schrebergarten über das Rauchverbot in Kneipen bis hin zum jetzigen Verbot, sein Kind beschneiden zu lassen. In den USA sind rund 70 Prozent der Jungen aus gesundheitlichen Gründen beschnitten, das englische Königshaus lässt sich traditionell von einem Mohel beschneiden – nur in Deutschland sieht man gleich das Wohl des Kindes gefährdet.

Laut Gericht stellt die Beschneidung einen Akt der Körperverletzung dar.
Nun ja, so eine Geburt ist auch ein Akt der Körperverletzung. In gewissem Sinne ist sie das erste Trauma, das uns im Leben widerfährt. Da bekommen wir alle unser erstes Trauma zugefügt und schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was im Leben noch dutzende Male folgen wird. Gehört die Geburt deshalb etwa auch verboten?

Sie sind in der DDR nichtreligiös aufgewachsen. Vor einiger Zeit haben Sie mit 55 Jahren beschlossen, sich beschneiden zu lassen. Wie haben Sie Ihre Britmila erlebt?
Die Beschneidung war für mich in jeder Hinsicht positiv. Dieses geistig-religiöse Erlebnis möchte ich nicht missen. Eine solche Mischung aus Aufregung, Angst, aber auch Vorfreude habe ich weder vorher noch nachher erlebt. Und, wenn ich das in aller Offenheit so sagen darf, ich kann jedem Mann nur empfehlen, sich beschneiden zu lassen – ganz gleich ob Jude, Hindu oder Christ. Der Sex wird durch die Beschneidung viel intensiver.

Klingt fast so, als sei es für Sie von Vorteil, erst im Erwachsenenalter beschnitten worden zu sein.
Als Erwachsener nimmt man das Ritual bewusst wahr. Ich jedenfalls fand es wunderschön. Es ist und bleibt jedoch ein fundamentaler Bestandteil des Judentums, dass die Britmila am achten Tag durchgeführt wird; das sollte auch ein deutsches Gericht nicht verändern.

Ihre Frau ist zurzeit schwanger. Werden sie Ihr Kind beschneiden lassen, wenn es ein Junge wird?
Natürlich! Mein Kind soll – im Gegensatz zu mir – jüdisch aufwachsen. Das Judentum ist für mich eine Quelle von Glück, Sinn und Halt. Es ist ein riesiger Fundus, aus dem man schöpfen kann. Dieses Geschenk möchte ich meinem Kind mit auf den Weg geben.

Wo würden Sie die Beschneidung durchführen lassen, wo sie nun in Deutschland verboten ist?
Es gibt da zuerst einmal noch ein anderes, viel größeres Problem: Die Mutter des Kindes ist nicht jüdisch. Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland einen Mohel finden werden, der den Jungen einer nichtjüdischen Mutter beschneidet. Deswegen werden wir die Britmila wohl im Ausland machen lassen – durch das Urteil des Kölner Landgerichtes nun erst recht. Irgendeine Lücke werde ich schon finden. Wenn ich eins in meinem Leben gelernt habe, dann das: in einem System eine Lücke zu finden. Das lernt man zwangsläufig, wenn man wie ich den größten Teil seines Lebens in der DDR aufgewachsen ist.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel

André Herzberg war Frontmann der DDR-Rockgruppe »Pankow«. Er lebt als Musiker und Autor in Berlin.

Kommentar

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