Gesellschaft

»Ab 1967 war es böse«

Studenten verhindern 1969 eine Rede von Israels Botschafter Asher Ben-Natan (mit Zigarre). Am Megafon: SDS-Vorsitzender KD Wolff Foto: dpa

Herr Kloke, kurz vor dem Sechstagekrieg kam es bei einem Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu einer denkwürdigen Szene: Der Schriftsteller Günter Grass scheiterte mit dem Antrag, dem »tödlich bedrohten Israel« beizustehen. Was sagt uns das heute?
Weite Teile der deutschen Linken haben es in existenziell entscheidenden Momenten immer wieder versäumt, ihrer geschichtlichen Verantwortung gegenüber Israel gerecht zu werden. Bezeichnend ist die Begegnung des damaligen SDS-Mitglieds Detlev Claussen mit dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden Peter Gäng am 2. Juni 1967 am Rande einer Anti-Schah-Demonstration: »Wie sieht das mit Israel aus? Die Araber wollen die ins Meer werfen. Müssen wir nicht noch einmal diese Woche demonstrieren? Nicht nur gegen den Schah?« Gängs ebenso lakonische wie zynische Antwort: »Weißt du, Genosse, Israel ist halt ein imperialistisches Land.«

Auch die Person Grass ist ja, zumindest aus heutiger Sicht, sehr interessant.
Grass hatte vor 50 Jahren noch eine unzweideutig pro-israelische Haltung. Er koordinierte damals, übrigens in enger Abstimmung mit der Deutsch-Israelischen Gesell- schaft, Solidaritätsaktionen zugunsten Israels. Aber Grass hatte sich in seinen letzten Lebensjahren in einen aggressiven Abwehrkampf mit seiner jugendlichen SS-Zugehö- rigkeit verstrickt. In seinem berüchtigten Gedicht »Was gesagt werden muss« von 2012 inszenierte Grass einen Rollentausch: Sein biografisches Interesse trieb ihn an, die Juden Israels zu Tätern eines Weltverbrechens zu stilisieren, das sogar die Schoa in den Schatten stellen könnte.

Ein Prototyp der westdeutschen Linken?
Er lieferte ein Paradebeispiel dafür, wie der Antizionismus der vermeintlich Guten als trojanisches Pferd fungiert, das das antisemitische Ressentiment gesellschaftsfähig macht. Wer von diesem moralisch getarnten Antisemitismus nicht reden will, sollte von Israel besser schweigen.

Bis 1967 war die deutsche Linke für Israel.
Als sich Israel Anfang Juni 1967 der Eskalationsstrategie der arabischen Anrainerstaaten durch einen Präventivschlag zu erwehren suchte, beteiligten sich auch linke Strömungen an den Solidaritätsaktionen. Doch nach nur sechs Tagen war Israel zur Besatzungsmacht und endgültig Teil des Westens geworden, psychologisch unterstützt durch die Israelbegeisterung konservativer Kreise.

War die Linke gegen Israel, weil die Rechte für den jüdischen Staat war?
Ein bisschen war es so: »Wenn Springer für Israel ist, können wir nur dagegen sein.« Der einst als progressiv begriffene Pionierstaat mit seinen sozialistischen Kibbuzim wurde bald nur noch als »Brückenkopf des US-Imperialismus« wahrgenommen. Dass sich der jüdische Staat 1967 wehrhaft behauptete, war ein »Sündenfall«, der im Weltbild der neuen deutschen Linken nicht vorgesehen war. Mehr noch: Hinter der Kritik am Präventivschlag verbargen sich zunehmende Zweifel am Existenzrecht Israels.

Kann sich ein solcher Furor nur aus einer fragwürdigen Analyse und aus strategischen Überlegungen gespeist haben?
Es gibt auch eine historisch bedingte sozialpsychologische Dimension: das Bedürfnis, die Verbrechen der eigenen Eltern oder Großeltern aufzurechnen und zu entsorgen. In diesem Gedankenkonstrukt mutieren ausgerechnet die ehemaligen Opfer zu Tätern eines neuen Holocaust – und »wir« avancieren zu den Guten. Dieser »israelkritisch« camouflierte Antisemitismus streut seine Ressentiments bis heute in scheinbar ehrbarer Gestalt aus – wahlweise im Namen der Vergangenheitsbewältigung, der Menschenrechte oder des Antirassismus. Wenn linke Deutsche über Juden, Israel und Zionismus »aufklären«, reden sie auch über sich selbst; viele ihrer Sprüche, Parolen und verschwörungstheoretischen Phantasmen künden von Entlastungsbedürfnissen und Schuldabwehr-Projektionen.

Gleichwohl gab es ja rechte Bewunderung für Israel: Wehrmachtsoffiziere applaudierten plötzlich der Zahal.
Nicht nur in der Springer-Presse mischten sich in die Erleichterung über die abgewendete Bedrohung der Existenz Israels Affekte, die sich aus trüben Quellen nährten, um es vorsichtig auszudrücken. Plötzlich wurden die Israelis als »Wüstenfüchse« gefeiert, die in einem »Blitzkrieg« die Araber überrannt hätten. Derartige Anleihen aus der Wehrmachtssprache zeigen, dass es rechten Israel-Bewunderern zumindest damals mehr um militaristische Tugenden ging als um die Sicherung der Lebensrechte Israels.

Nach 1967 gab es weitere Zäsuren: Jom-Kippur-Krieg, Saddams Raketen 1991 auf Israel, erste und zweite Intifada, Gazakrieg. Hatten die ähnliche Auswirkungen wie der Sechstagekrieg?
Ja, sobald der Nahostkonflikt gewaltsame Bilder produziert, zählen häufig nicht mehr Fakten und Ursachenanalysen, sondern Affekte und Ressentiments. Bis heute gilt: Wann immer die israelische Armee gegen die Infrastruktur palästinensischer Raketenangriffe vorgeht, vermitteln viele Nachrichten und Kommentare Bilder eines angeblich »biblischen Krieges«: »Auge um Auge«, »Vergeltungsschläge« und »alttestamentarische Racheaktionen«. Kurz danach finden dann fleißige Demoskopen heraus, dass mehr als die Hälfte aller Deutschen der Auffassung ist, »dass sich das Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern grundsätzlich nicht von dem der Nazis im Dritten Reich gegenüber den Juden unterscheidet«. Offenkundig giert die traditionelle Judenfeindschaft danach, sich mit antiisraelischen Ressentiments zu verbinden. Solche Befindlichkeiten und ihre massenhafte Verbreitung gerade auch in den sozialen Medien tragen dazu bei, dass jahrzehntelange Bemühungen um die Überwindung von judenfeindlichen Ressentiments gefährdet werden.

Mit dem Politologen und Redakteur beim Cornelsen-Verlag sprach Martin Krauß.

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