Kommentar

Der Iran-Krieg könnte das Ende der amerikanisch-israelischen Allianz bedeuten

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (links) gilt als Trump-Flüsterer Foto: picture alliance / Anadolu

Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht. Wer freut sich nicht, dass die Verbrecherriege, die den Iran unterjocht hat, zur Dschehenna gefahren ist? Wer freut sich nicht, dass das Folterzentrum in Teheran, in dem Revolutionsgarden Frauen erniedrigt und gequält haben, ein Trümmerhaufen ist? Wessen Herz hüpft nicht mit angesichts der Bilder von tanzenden iranischen Jugendlichen, während im Hintergrund amerikanische und israelische Bomben wie Himmelsgeschenke auf die Erde fallen? Diese jungen Iranerinnen und Iraner haben alles Glück dieser Erde und die Freiheit verdient. Und die Israelis haben verdient, endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben, die heute, morgen oder in zehn Jahren Tel Aviv in einen radioaktiven Krater verwandeln könnte.

Das Dumme ist, dass nach der leichten die schwere Phase dieses Krieges beginnt. Schon bald könnte eine Pressemeldung so lauten: »Die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen sind durch die amerikanischen und israelischen Luftschläge nicht vernichtet worden; sie haben sich nur eingegraben. In den Vororten von Teheran gehen Revolutionswächter von Tür zu Tür und richten alle hin, die über das Bombardement gejubelt haben.« Eine weitere Meldung: »Öl kostet jetzt 160 Dollar pro Barrel. Damit droht der Regierung Trump eine schwere innenpolitische Krise. Unbestätigten Berichten zufolge sollen sich Jared Kushner, der Schwiegersohn des Präsidenten, und Steve Witkoff, sein inoffizieller Außenminister, in Bahrain mit Vertretern der Revolutionsgarden getroffen haben, um mit ihnen einen Waffenstillstand auszuhandeln.«

In ein paar Monaten lesen wir dann vielleicht: »Die Kurden, die sich mit Unterstützung der CIA gegen das iranische Regime erhoben haben, werden nun von den Amerikanern fallengelassen. Präsident Trump sagte in einem Interview: ‚Wir sind nicht für diese Affen da unten verantwortlich.‘ Unterdessen haben Terrorgruppen, die vom Iran unterstützt werden, Anschläge in New York, Washington und Los Angeles verübt. Da das FBI und das Department of Homeland Security nur noch die Aufgabe hatten, illegale Einwanderer zu verhaften, fehlte ihnen die Fähigkeit, Terroristen aufzuspüren.«

Schon jetzt ist der Krieg gegen den Iran, freundlich ausgedrückt, unpopulär: Die Hälfte der Amerikaner ist laut Umfragen dagegen. Das mag damit zusammenhängen, dass dieser Krieg illegal ist; Trump hat den Kongress nie auch nur darüber informiert, geschweige denn, dass er ihn um Erlaubnis gebeten hätte. Wie wird es erst sein, wenn das Abenteuer anfängt, ernsthaft schiefzugehen?

Vor allem: Was wird dann aus den amerikanisch-israelischen Beziehungen?

Der israelische Premierminister gilt in Washington, nicht ganz zu Unrecht, als Trump-Flüsterer. Die Israelis gelten als die treibende Kraft dieses Krieges. Immer lauter sagen Kommentatoren, dieser Waffengang liege nicht im amerikanischen, sondern im israelischen Interesse. Man hört das nicht nur von den üblichen linksradikalen Judenfeinden, sondern auch von einflussreichen Leuten innerhalb der MAGA-Bewegung.

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Die Geschichte der amerikanisch-israelischen Beziehungen ist lang und kurz zugleich. Lang, weil manche Strömungen des amerikanischen Protestantismus schon im 19. Jahrhundert von einer tiefen Beziehung zwischen Amerika und Zion sprachen. Und kurz, weil die Vereinigten Staaten vor dem Jom-Kippur-Krieg keineswegs eindeutig aufseiten Israels standen. 1948 war Präsident Truman zwar der erste Staatsmann, der Israel anerkannte, aber sein Außenministerium rebellierte danach ganz offen gegen ihn und verhängte ein Waffenembargo, das die Juden viel empfindlicher traf als die Araber. Präsident Eisenhower, ein Republikaner, sorgte dafür, dass der Suez-Feldzug von 1956 vorzeitig abgebrochen wurde; er zwang die Franzosen und Briten – damals Israels Waffenbrüder – zum Rückzug, indem er ihnen mit dem Staatsbankrott drohte. Amerikas Konservative hielten die Israelis in den Fünfzigerjahren für gefährliche Sozialisten. Den Sechstagekrieg gewann Israel darum mit französischen, nicht mit amerikanischen Waffen.

Erst danach wurde Israel zu einem amerikanischen Verbündeten; aber noch jede amerikanische Regierung hat die Besatzungspolitik und den Siedlungsbau im Westjordanland kritisiert. Während des Libanonkrieges von 1982 hörte man nicht etwa von irgendwelchen extremistischen Irren, sondern aus dem Weißen Haus Ronald Reagans: Was die Israelis da im Libanon anstellten, das sei ja wie der Holocaust!

Die amerikanische Unterstützung für Israel besteht also nicht seit ewigen Zeiten; sie ist erst knapp 60 Jahre alt. Und sie war immer an Bedingungen geknüpft. In der Demokratischen Partei ist die Zahl der verlässlichen Israelfreunde mittlerweile auf vielleicht zwei Dutzend Leute geschrumpft. In der Republikanischen Partei gewinnen die Antisemiten um Tucker Carlson und Candace Owens immer mehr Einfluss. Die beiden haben das Ohr von J.D. Vance, dem amerikanischen Vizepräsidenten.

Wenn Amerika jetzt an der Seite Israels in ein nahöstliches Desaster stolpert, bedeutet das wahrscheinlich, dass die amerikanisch-israelische Allianz nicht überleben wird.

Der Autor ist Journalist, Schriftsteller und freier Korrespondent der WELT. Er lebt in New York.

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