Louis Lewitan

Zur Freiheit gibt es keine Alternative

Louis Lewitan Foto: Stefan Nimmesgern

Oh, felix Austria, das Glück hat dich wieder verlassen. Nach fast 30 Jahren hat der Terror erneut in Wien zugeschlagen. Damals, im Sommer 1981, verübten mit Maschinenpistolen und Handgranaten bewaffnete palästinensische Terroristen einen Anschlag auf die Synagoge in der Seitenstettengasse. Zwei Menschen starben, 18 wurden verletzt. Eine kleine Tafel erinnert an das brutale Verbrechen. Eine neue wird bald hinzukommen.

In der prachtvollen Innenstadt herrschte, trotz oder gerade wegen Corona, so wenige Stunden vor den verordneten Ausgangsbeschränkungen eine heitere Gelassenheit. In den engen Gassen, nahe der Synagoge, waren die Restaurants und Cafés voll. Ich war zu Gast im israelischen Restaurant Neni, als die erste Schreckensmeldung eintraf. Anrufe bei der Polizei brachten keine Klärung der Sachlage. Minuten später erfuhr ich aus Israel, dass ein Anschlag in der Nähe der Synagoge stattgefunden hatte. Weiter essen, sich nicht einschüchtern lassen oder sich in Sicherheit bringen? Ich entschied mich für letzteres.

OHNMACHT Innerhalb weniger Minuten stand Wien Kopf, leergefegte Straßen, eine bleierne Ratlosigkeit lag in der Luft. Passanten waren nicht zu sehen. Alle warteten darauf, dass der oder die Terroristen gefasst bzw. neutralisiert werden, wie es heute heißt. Im Grunde wünscht man sich klammheimlich, dass sie getötet werden, doch Rache ist ein schlechter Ratgeber. Solche Aufwallungen behält man lieber für sich.

Weshalb wollen Extremisten uns vorschreiben, worüber wir lachen dürfen?

Stattdessen drängen sich Gefühle von Ohnmacht und Wut auf, es ist ein Aufbegehren gegen die eigene resignative Hilflosigkeit. Die Konfrontation mit der eigenen Verwundbarkeit und Endlichkeit sitzt tief in den Knochen. Das seltsame Gefühl einer unwirklichen Wirklichkeit schafft einen nicht lösbaren Denkknoten. Der Verstand sucht nach Antworten, diese bleiben aus. Man scheitert am Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen, das Unerklärliche zu erklären. Warum hier in Wien, in unmittelbarer Nähe der Synagoge? Sollten erneut Juden ermordet werden? Weshalb darf man nicht friedvoll leben und seinen Einspänner genießen? Weshalb wollen Extremisten uns vorschreiben, worüber wir lachen dürfen?

BÜRGERTUGEND Ob Jude, Christ, Moslem oder Atheist, ob Österreicher, Franzose oder Neuseeländer, wir alle sind zur Zielscheibe von Willkür und Terror geworden. Die Einschläge in Graz, Berlin oder Paris offenbaren, wie leicht es ist, unsere Freiheit auszunutzen, um Terror zu verbreiten. Es fällt uns schwer, uns einzugestehen, dass es keine stabile Sicherheit gibt. Messerattacken, Bombenattentate gehören zur neuen Wirklichkeit.

Ob Rechtsradikale oder Islamisten, sie sind Brüder im Geiste, allesamt Extremisten.

Was folgt daraus? Wir sollten uns nicht ins Private zurückziehen, selbst in Corana-Zeiten nicht. Offenheit und Anteilnahme sind mehr denn je essenzielle Bürgertugenden. Partizipation statt Resignation ist gefragt. Wir sollten, nein wir müssen uns als Bürger für die Demokratie stark machen. Jeder und jede auf seine Weise. Freiheit ist keine leichtverdiente Erbschaft, sondern eine tägliche Herausforderung. Zur Freiheit gibt keine Alternative.

Der Anschlag in Wien war ein Anschlag auf alle, die für eine uneingeschränkte Presse-, Rede und Versammlungsfreiheit eintreten. Ob Rechtsradikale oder Islamisten, sie sind Brüder im Geiste, allesamt Extremisten. Sie wollen die Demokratie aushebeln. Wer nach diesem Blutbad ruhigen Gewissens schläft, ist gewissenlos oder naiv. Wer heutzutage schlecht schläft, hat allen Grund dazu. Trotz aller Widrigkeiten, trotz aller Rückschläge dürfen wir uns nicht entmutigen lassen. Allen düsteren Wolken zum Trotz, eines ist schon heute absehbar: Der Wiener Schmäh wird definitiv zurückkehren.

Der Autor ist Psychologe und Stressmanagement-Experte.

Marina Chernivsky

Die Übergriffe häufen sich

Wir müssen die tiefe historische Verwurzelung antisemitischer Exzesse immer weiter deutlich machen und unsere Rechte aktiv einfordern

von Marina Chernivsky  27.11.2020

Einspruch

Eine Aufgabe für alle

Heide Sobotka sieht nach der Auswertung des Gemeindebarometers Handlungsbedarf

von Heide Sobotka  26.11.2020

Boris Moshkovits

Corona-Maßnahmen: Mehr »Wir« wagen!

Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen, die Maßnahmen im Sinne aller umzusetzen

von Boris Moshkovits  26.11.2020

Lidia Averbukh

Pompeo in Israel: Weit entfernt von der EU

Die Ankündigungen des US-Außenministers bei seinem letzten Besuch in Israel zeigen den ideologischen Graben zwischen den USA und der EU auf

von Lidia Averbukh  26.11.2020

Ruben Gerczikow

Der antidemokratische Mob

Bei der Demo gegen die Corona-Maßnahmen waren Reichsbürger-Jargon und rechtsradikales Gedankengut omnipräsent

von Ruben Gerczikow  19.11.2020

Volker Beck

Grüne: Über Israel sprechen lernen

Ein neues grünes Grundsatzprogramm sollte klare Worte finden

von Volker Beck  19.11.2020

Ronen Steinke

Revisionismus: Justiz, bitte dagegenhalten!

Die Justiz sollte gegen Verharmlosung des Holocaust vorgehen statt historische Aufklärer einzuschüchtern

von Ronen Steinke  15.11.2020

Sigmount Königsberg

Evangelische Kirche: Widersprüchliche Signale

Die Streichung von Mitteln für den Antisemitismusbeauftragten und Aktion Sühnezeichen ist gerade in dieser Zeit das falsche Signal

von Sigmount Königsberg  10.11.2020

Karl Pfeifer

Österreich: Auf Worte folgen Taten

Die österreichische Regierung geht konsequent gegen Antisemitismus und radikale Islamisten vor

von Karl Pfeifer  10.11.2020