Meinung

Zackig verkaufte »Fakten« im Anti-Terror-Krieg

Imanuel Marcus Foto: cr

Meinung

Zackig verkaufte »Fakten« im Anti-Terror-Krieg

Einige europäische TV-Kanäle messen erneut mit zweierlei Maß

von Imanuel Marcus  19.10.2023 10:28 Uhr Aktualisiert

Jonathan Conricus ist viel gewohnt. Der Sprecher der israelischen Streitkräfte (IDF) musste sich auch schon in früheren Kriegen – in die Israel von palästinensischen Terrororganisationen hineingezogen wurde – mit Journalisten streiten, die bei der Verurteilung und Beschuldigung Israels, des einzigen jüdischen Staates auf dem Planeten, auffällig schnell waren.

Keine zwei Wochen nach dem jüngsten Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten musste Conricus am Mittwoch der BBC erklären, warum Informationen, die von derselben Terrororganisation verbreitet werden, nicht im Expressverfahren als Fakten verkauft werden sollten.

Dann, am selben Tag, auf dem ebenfalls aus dem Vereinigten Königreich stammenden Privatkanal Sky News, wurde es noch schlimmer: Eine in Israel befindliche Moderatorin fragte Conricus allen Ernstes, ob er nicht auch der Ansicht sei, dass die gestrige Explosion neben dem Krankenhaus nie passiert wäre, wenn Israel die Bevölkerung Gazas nicht »aus ihren Wohnungen gebombt« hätte.

»Blödsinnige Lügen«

War da nicht etwas, vor zwölf Tagen, in Israel? Was wäre wohl alles nicht passiert, wenn die Hamas nicht Babys, andere Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet hätte? Was wäre nie passiert, wenn die Palästinenserführer ihren Hass und ihren Terror schon vor Jahrzehnten über Bord geworfen und eines der vielen Friedensangebote der vergangenen sieben Jahrzehnte akzeptiert hätten? Was wäre passiert, wenn Israel palästinensische Zivilisten in Gaza nicht schon Tage zuvor aufgefordert hätte, sich in den Süden zu begeben, um sich zu schützen?

Zu Recht kritisierte Jonathan Conricus die Tatsache, dass viele Medien sofort auf »blödsinnige Lügen« der Hamas angesprungen seien, darunter auch die »New York Times«. Geschah es auch in der Bundesrepublik? Klar. Was für eine Überraschung.

Israel hatte bereits Belege dafür präsentiert, dass die IDF nicht für die am Dienstag erfolgte Explosion neben der Klinik in Nord-Gaza verantwortlich ist. Auf Phoenix konfrontierte ein Nachrichtenkollege dennoch Israels Botschafter Ron Prosor mit der Aussage, die Hamas habe nun einmal eine andere Meinung als er – und suggerierte, der Fall könne erst geklärt werden, wenn die Terroristen den Angaben Israels zustimmten. Das ist aber seit 1948 noch nicht einmal geschehen.

Belehrt werden die Falschen

Das ist in etwa so, als würde man Wolodymyr Selenskyj sagen, Wladimir Putin habe zu seiner »Militäroperation« in der Ukraine eine andere Meinung. Daher sei nicht klar, ob überhaupt von einem Eroberungskrieg gesprochen werden könne.

Übrigens hat bisher niemand Selenskyj aufgefordert, bei der Verteidigung gegen die brutalen russischen Eroberer mit Augenmaß vorzugehen. Israel muss sich dies alle fünf Minuten anhören, obwohl die IDF mehr als alle anderen Armeen auf der Welt tut, um Opfer unter Zivilisten in Gaza so gut es geht zu vermeiden. Dies haben Militärexperten aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten schon bei früheren Konflikten zwischen Israel und dem palästinensischen Terror bestätigt.

Worauf will ich hinaus? Offensichtlich sind es aus Sicht vieler Europäer, darunter auch Deutscher, weiterhin die Israelis, die Juden, die belehrt werden müssen, wie man den Terror bekämpft. Obwohl es die Israelis sind, die seit 75 Jahren Erfahrungen damit sammeln mussten.

Von Israel lernen

Auch schon vor diesem jüngsten Anti-Terror-Kriegen wurde von Agenturen und Zeitungen fragwürdige »Fakten« verbreitet, darunter die Behauptung, die Besetzung des Westjordanlands sei »völkerrechtswidrig«. Was war denn mit dem Sechstagekrieg, den Israels arabische Nachbarn mit dem Ziel begannen, Israel zu vernichten? Es war dieser tatsächlich völkerrechtswidrige Krieg, der den jüdischen Staat faktisch zwang, das Westjordanland zu erobern, da das schmale Land sonst nicht gegen die Aggression von drei Seiten hätte verteidigt werden können.

Israel sollte recht behalten, denn schon 1973 versuchten es die Nachbarn erneut. Hinzu kommt: 94 Prozent des Westjordanlands wurden den Palästinenserführern zweimal angeboten. Sie sagten Nein, da sie Israel weiterhin weder anerkennen noch seine Existenz akzeptieren wollten.

Auch was das »Augenmaß« im jetzigen Anti-Terror-Krieg angeht, sollte das Belehren Israels nun endlich aufhören. Wir sollten von Israel lernen, wie man Terror bekämpft und zugleich Zivilisten schützt – während man für Verbrechen kritisiert wird, an denen die Terroristen schuld sind. Letztere und ihre Unterstützer von Teheran bis Neukölln sind die richtigen Adressaten für Belehrungen und Verurteilungen.

Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Die Recherche zum »Potsdamer Geheimtreffen« hat deutschlandweit Proteste gegen die AfD ausgelöst. Doch die Kernaussage des Textes stimmt nicht, urteilt nun ein Gericht – und der Schaden ist groß

von Joshua Schultheis  16.04.2026

Meinung

Große Worte, leiser Rückzug – und Israel bleibt zurück

Für Israel war US-Präsident Trumps harte Linie gegen Iran eine sicherheitspolitische Rückendeckung. Jetzt, wo Trump den Rückzug angedeutet hat, entsteht ein strategisches und militärisches Vakuum

von Roman Haller  15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Kommentar

Empathie für alle?

Dunja Hayali hat zu mehr Mitgefühl mit Betroffenen von Kriegen aufgerufen. Zu Recht. Was in den deutschen Medien jedoch kaum vorkommt: das Leid der Israelis, die unter dem ständigen Beschuss der Hisbollah stehen

von Jenny Havemann  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026