Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Martin Krauß Foto: Chris Hartung

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026 10:17 Uhr

Von »Bild« bis »Stern«, von »Welt« bis »Super-Illu«: Der Begriff »Davidstern-Skandal« ist mittlerweile zur Chiffre geworden, mit der umschrieben wird, was den Auftritt von Gil Ofarim im Dschungelcamp so umstritten macht. Auch Wikipedia benutzt das Wort. Und wenn manchmal statt »-skandal« von »Davidstern-Affäre« die Rede ist, ändert das nichts.

Was da los war, 2021 in einem Leipziger Hotel, dürfte hinlänglich bekannt sein. Ofarim wollte einchecken, es gab Probleme, es kam zum Streit, Ofarim ging vor das Hotel, nahm ein Video auf, in dem er behauptete, ein Mitarbeiter habe ihn nicht reingelassen und ihn aufgefordert, »den Stern einzupacken«.

Zunächst wurde gegen den Mann ermittelt, dann stellte sich heraus, dass Ofarim, anders als er behauptet hatte, die Kette mit dem Davidstern gar nicht offen getragen hatte. Danach wurde gegen Ofarim ermittelt und Anklage erhoben. Es ging um Verleumdung und falsche Verdächtigung. Doch dieses Verfahren wurde eingestellt, nachdem Ofarim die Lüge eingeräumt, sich bei dem Hotelangestellten, dem zwischendurch zu Unrecht arg zugesetzt worden war, entschuldigte und ihm Schmerzensgelds zahlte.

Sachlich falsch

Dass wir nun, seit der laufenden »Ich bin ein Star«-Show, wissen, dass sowohl der Musiker als auch der Hotelangestellte eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben haben, hat allerdings mit Frage, ob »Davidstern-Skandal« ein passender Begriff ist, nichts zu tun. Erstmals verwendet wurde er schon im Oktober 2021 von der »B.Z.«, also zu einem Zeitpunkt, als der Vorfall noch aktuell war und man noch wenig wusste.

Lesen Sie auch

Was mich an diesem Begriff stört, ist dies: Er deutet an, es sei der Magen David (»Schild Davids«), der für einen Skandal gesorgt habe. Das ist aber nicht nur sachlich falsch, sondern, wenn wir ganz eng am damaligen Fall bleiben, dreht es die Sache um: Es war gerade der erst im Laufe der Ermittlungen zu Tage geförderte Umstand, dass die Kette mit dem Stern eben nicht zu sehen war, der offenbarte, dass es wegen ihm, dem religiösen Symbol, nicht zu einer Diskriminierung gekommen sein konnte.

Das von so vielen verwendete Wort beschreibt den Sachverhalt also falsch. Wenn schon, dann müsste der Begriff »Davidsternkette-Skandal« lauten, was, ich gebe es zu, etwas zu lang und zu sperrig ist. Aber auch Formulierungen wie »Verleumdungsfall« oder ähnliches würden den Sachverhalt besser umschreiben. Noch treffender wäre vielleicht das Wort »Halskettenskandal«, denn es ist nicht weniger oder mehr sperrig als das, was mittlerweile von beinah allen verwendet wird. 

Schurisches Verhalten

Die Benutzung des Wortes Davidstern in dem Zusammenhang hat jedenfalls meiner Meinung nach den großen Fehler, ein Symbol des Judentums zu verwenden, als sei es sein Symbol der zu verurteilenden Tat. Es verweist also auf eine sehr ungute Lesart, wonach es nicht der individuelle Mensch Gil Ofarim war, der einen großen Fehler beging. Sondern der Jude Ofarim sei es, der sich schurkisch verhalten hat. 

Wir alle verwenden oft Sprache und Begriffe, ohne groß darüber nachzudenken. Vermutlich hat kaum jemand derer, die den Begriff verwenden, intendiert, Ofarims Fehler als jüdische Tat zu deuten. Niemandem soll hier etwas unterstellt werden. 

Doch so ganz für sich allein steht das Problem mit diesem Begriff ja nicht. Es gehört leider zu den immer wieder zu hörenden Vorurteilen, wonach Juden viel zu schnell mit dem Antisemitismusvorwurf zur Hand wären, ja, dass sie daraus gar Vorteile zögen.

Wie gesagt: Ich unterstelle niemandem etwas und nehme jedem — na gut: fast jedem — seinen guten Willen ab und verstehe auch, dass andere kein Problem in dem Wort sehen. Mir ist nur nicht wohl damit, und ich werde ihn in dieser Dschungelcamp-Kolumne nicht verwenden.

Nachruf

Jürgen Habermas – die jüdische Gemeinschaft verliert einen großen Freund

Der große Soziologe war zeitlebens mit Israel verbunden

von Michael Brenner  16.03.2026

Oscars 2026

Timothée Chalamet muss warten

»Marty Supreme« war der überraschende Verlierer des Abends. Aber nach dem großen Mischpoche-Fest im Vorjahr gab es einen großen und viele kleine Erfolge für die jüdischen Filmfans

von Sophie Albers Ben Chamo  16.03.2026

Serie

Sarah Michelle Gellar: »Buffy«-Neuauflage abgesagt

Die Schauspielerin wendet sich in einem Video an ihre Fans, um sie über den Stopp des Projektes zu informieren

 15.03.2026

TV-Tipp

Fast rundes Alterswerk

Der rbb zeigt »Ein Glücksfall«, den 50. Film von Woody Allen

von Kira Taszman  15.03.2026

Philosophie

Ende einer Epoche und Auftrag

Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Zum Tod des renommierten Denkers ein Nachruf aus jüdischer Sicht

von Johannes Heil  15.03.2026

Zahl der Woche

615,5 Kilo

Fun Facts und Wissenswertes

von Katrin Richter  15.03.2026

Geheimnisse und Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 15.03.2026

Jürgen Habermas

Die Macht des Arguments

Meisterdenker und öffentlicher Intellektueller – in beiden Rollen höchstes Ansehen zu genießen, gelingt nur wenigen. Jürgen Habermas war einer von ihnen. Nun ist der Philosoph mit 96 Jahren gestorben.

von Sandra Trauner  14.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026