Essay

Wahre Freiheit gibt es nicht geschenkt

Rabbinerin Elisa Klapheck Foto: TR

Essay

Wahre Freiheit gibt es nicht geschenkt

Warum Sicherheit ohne Freiheit weder für Israel noch für den Iran eine Zukunft bietet. Gedanken zu Pessach von Rabbinerin Elisa Klapheck

 29.03.2026 10:29 Uhr

Man bekommt das, was zu einem gehört, zumeist zwei Mal. Das erste Mal geschenkt; das zweite Mal muss man es sich erarbeiten.

Moses macht es in der Tora vor. Das erste Mal bekommt er auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln, ohne dass Gott eine Gegenleistung erwartet. Doch als Moses vom Berg hinabsteigt, hat die Bevölkerung bereits ihre Freiheit verspielt und tanzt um das Goldene Kalb. Aus Wut zerschlägt Moses die Gratis-Tafeln. Dann muss er noch einmal hinaufsteigen. Dieses zweite Mal verlangt Gott von Moses, dass er die Gesetzestafeln selbst herstellt. Die dahinterstehende Erkenntnis: Dinge werden nur gewertschätzt, wenn man etwas für sie tun muss.

Auch Deutschland bekam die Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg geschenkt. Jetzt ist die Zeit, in der sich herausstellen wird, ob die Freiheit hält.

Die Israeliten haben die Freiheit mehrfach erhalten. Das erste Mal wurde sie ihnen von Gott geschenkt, als er sie mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Aber dann zeigte sich das Volk in der Wüste mehrfach unwürdig. Der Preis war relativ milde. Es musste erst einmal 40 Jahre in der Wüste umherirren, damit eine neue Generation heranwachsen konnte, die dann das Land selbst erobern musste. Der Staat Israel ist ebenfalls nicht geschenkt worden. Er ist Menschenwerk, und das mit einem hohen Preis, den seine Bevölkerung auch heute täglich zahlt.

Der jüdische Staat ist auf Freiheit ausgelegt

Die Idee eines jüdischen Staates war von vornherein auf Freiheit angelegt. Lihjot am chofschi – »ein freies Volk zu sein«. Auch als Jüdinnen und Juden leben wir in einer Zeit, in der wir herausgefordert sind, ob wir die Freiheit halten. In diesem Licht sehe ich den Krieg mit dem Iran.

Einem Krieg, der Sicherheit für Israel schafft, ist zuzustimmen, insofern nicht unter der Hand die freiheitliche Demokratie in Israel ausgehöhlt wird.

Die Bedrohung durch das israelfeindliche Mullah-Regime ist eine Dauergefahr für die Sicherheit Israels. Für viele Menschen steht oft die Sicherheit vor der Freiheit. Sie wären bereit, eine Diktatur zu akzeptieren, wenn sie ihnen nur Sicherheit garantiert. Das muss uns Juden zu wenig sein. Die Sicherheit muss der Freiheit dienen. Die Freiheit der Iraner muss darum mit im Paket sein. Einem Krieg, der Sicherheit für Israel schafft, ist zuzustimmen, insofern nicht unter der Hand die freiheitliche Demokratie in Israel ausgehöhlt wird.

Ein Krieg, der nicht der Freiheit des jüdischen Volkes dient und zugleich die wenigen positiven Beziehungen mit arabischen Staaten, darunter die Staaten der Abraham Accords, leichthin in den Wind schlägt, ist mindestens kritisch zu sehen. Möglicherweise ist der Krieg gegen das iranische Regime die einzige Option. Aber sie muss die iranische Freiheitsbewegung aktiv einbeziehen.

Der Krieg darf nicht so geführt werden, dass die Diktatur im Iran am Ende zementiert wird und der israelischen Regierung das Los der iranischen Freiheitsbewegung egal ist. Sicherheit ohne Freiheit – ohne unsere eigene Freiheit und auf Kosten der Freiheit der Anderen – ist keine Option, die wir als Juden hinnehmen dürfen.

Die Autorin ist Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft »Egalitärer Minjan« in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main.

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