Einspruch

Verantwortung selbst tragen

Sophie Albers Ben Chamo Foto: privat

Einspruch

Verantwortung selbst tragen

Sophie Albers Ben Chamo will nicht, dass Verlage für sie entscheiden, welche Inhalte zumutbar sind

von Sophie Albers Ben Chamo  27.04.2023 09:15 Uhr

Geschätzt 100 sogenannte Sensitivity Reader sollen derzeit bei deutschen Buchverlagen beschäftigt sein, die neue und alte Texte auf stereotype, diskriminierende und stigmatisierende Darstellungen abklopfen, damit diese »korrigiert« werden können. Keine schlechte Idee, sollte man meinen.

Spätestens seit Victor Klemperers LTI – Notizbuch eines Philologen wissen wir, dass Sprache ein tödliches Gift sein kann. Hätte man doch schon früher damit angefangen, sich Texte in deutscher Sprache genauer anzusehen und auszusieben, was an Nazi-Vokabular alles überlebt hat.

etymologien Und auch im Englischen und Französischen haben Kolonialismus und Fremdenfeindlichkeit natürlich noch ihre Etymologien. Soll sich die Löschtaste Hass und Unterdrückung, Intoleranz und Shaming holen! Also los, »weißelt« die Buchseiten, um Max Frischs Andorra zu paraphrasieren. Für eine bessere Welt!

Aber Moment, ist die Literatur nicht eine Kunst, zu deren Aufgaben es gehört, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten?

Aber Moment, ist die Literatur nicht eine Kunst, zu deren Aufgaben es gehört, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten? Geht es nicht gerade darum, dass sie abbildet, was ist? Gut wie böse? Und wäre folglich die »Korrektur« der Werke vor allem alter Autorinnen und Autoren – gerade stehen Agatha Christie und Ian Fleming zur Debatte – nicht schlicht und ergreifend Geschichtsklitterung, indem wir sie und ihre Zeit verharmlosen und beschönigen?

Zusammengefasst: Läuft hier nicht etwas verkehrt herum? Müssen sich nicht erst Gesellschaft und Zeitgeist ändern, damit die Literatur sich daran abarbeiten kann?

Ideologie Ich beantworte all diese Fragen mit Ja. Ich will wissen, wen und was ich da lese. Die Diskussion über Ideologie in der Sprache ist notwendig, aber ich will nicht, dass jemand für mich entscheidet, welches Buch mir zuzumuten ist und welches nicht.

Ich übernehme die Verantwortung für mich selbst. Auch in der Hoffnung, lesend anzuerkennen, was sich in unserer Gesellschaft zum Besseren verändert hat. Autoren, die nicht mehr leben, ist nicht zu helfen, aber die neuen lernen täglich neu dazu.

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

Meinung

So markiert man Feinde

Die sogenannte Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur UNRWA enthält entlarvende Widersprüche. Sie konstruiert eine angebliche Kampagne gegen das Palästinenserhilfswerk und stellt dessen Kritiker in die rechte Ecke

von Rebecca Schönenbach  16.07.2026

Meinung

Die Fußball-WM war ein voller Erfolg

Schon jetzt steht fest, dass die Weltmeisterschaft 2026 unvergesslich bleiben wird. Zumindest, wenn man die Kriterien des Fußballphilosophen Nick Hornby zugrunde legt

von Elke Wittich  15.07.2026

Kommentar

Sichere Hochschule auch für Jüdinnen und Juden!

Sicherheit ist zentral, aber auch Respekt vor Arbeitsruhegeboten. Wer Prüfungen auf hohe jüdische Feiertage legt, verlangt von Juden, für ihre Religionsausübung Nachteile beim Studienfortschritt in Kauf zu nehmen

von Volker Beck  15.07.2026

Analyse

Das iranische Regime hat sich verkalkuliert

In Teheran glaubte man, dass US-Präsident Trump den Konflikt bis zu den Midterm-Wahlen nicht mehr eskalieren lassen würde. Doch in der amerikanischen Außenpolitik hat offenbar ein Lernprozess eingesetzt

von Michael Spaney  15.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

Brüssel

900 Millionen Euro Herzenswärme

Knapp eine Milliarde Euro soll für den Wiederaufbau in den Gazastreifen gehen. Dass die Mittel am Ende tatsächlich nur in die zivile Infrastruktur fließen, ist zweifelhaft

von Michael Thaidigsmann  13.07.2026

Essay

Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser muss endlich enden!

Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  13.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026