Wenn der Wirtschaftsflügel der CDU auf dem Parteitag mit einem Antrag »Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit« vorstellig wird, klingt das, als lägen Deutschlands Probleme vor allem an zu viel Dolce Vita und zu wenig Fleiß. Gleichzeitig erklärt Bundeskanzler Friedrich Merz, mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werde sich der Wohlstand des Landes nicht halten lassen – als sei das Land am Rand der Arbeitsverweigerung.
Dass Deutschland von allen 27 EU-Staaten das höchste Bruttoinlandsprodukt erzielt, geht in dieser Erzählung diskret unter. Teilzeit ist in der Praxis selten »Lifestyle«, sondern oft Notwehr. Wer keinen Kitaplatz findet, die pflegebedürftige Mutter versorgt oder in Klinik, Kita oder Pflegeheim längst jenseits der Belastungsgrenze arbeitet, reduziert Stunden nicht aus Laune, sondern um überhaupt durchzuhalten. »Mehr arbeiten« hilft weder gegen fehlende Pflegekräfte noch gegen geschlossene Gruppen im Kindergarten, solange Betreuung, Pflegekapazitäten und Arbeitsverdichtung nicht angegangen werden.
Jüdische Wohlfahrt kennt ein anderes Prinzip: Verantwortung wird geteilt, nicht nach unten delegiert.
Problematisch ist weniger, dass eine Regierungspartei über Arbeitszeit diskutiert – das muss sie. Fragwürdig ist, wie sie über diejenigen spricht, die den Sozialstaat täglich tragen. Wer einen formulierten Fachkräfte- und Finanzierungsbedarf nicht mit einer gesamtgesellschaftlichen Initiative beantwortet, sondern mit der Unterstellung, die Bevölkerung nehme es mit dem Arbeiten nicht so genau, trägt nicht zur Demokratieförderung bei und beschädigt den ohnehin fragilen gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Jüdische Wohlfahrt kennt ein anderes Prinzip: Verantwortung wird geteilt, nicht nach unten delegiert. Eine Regierung, die ihre Bürgerinnen und Bürger eher belehrt, als sie einzuladen, die Herausforderungen gemeinsam mit Kommunen, Wirtschaft und Gewerkschaften zu schultern, hat etwas Grundlegendes missverstanden: Gute Sozialpolitik bedeutet immer auch, die vielfältigen Lebenswirklichkeiten der Menschen ernst zu nehmen.
Der Autor ist Leiter des Berliner Büros der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST).