Migrationspolitik

Reißt euch zusammen!

Ayala Goldmann ist Kulturredakteurin der Jüdischen Allgemeinen. Foto: Uwe Steinert

Die gute Nachricht vorneweg: Mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten in Deutschland wollen laut aktuellen Umfragen bei der Bundestagswahl für demokratische Parteien stimmen. Also nicht für die »Alternative für Deutschland« (AfD) und auch nicht für das »Bündnis Sahra Wagenknecht« (BSW). Beiden mangelt es nicht zuletzt an Distanz zu Wladimir Putin und seinem mörderischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – ein demokratisches Land, das sich seit fast drei Jahren gegen den russischen Diktator zur Wehr setzt.

Einer großen Mehrheit ist also klar, was es zu verteidigen gilt: unser Leben in Frieden und Freiheit, unseren Wohlstand und den westlichen Lebensstil; also unsere Demokratie, die Minderheiten wie Jüdinnen und Juden, aber auch die LGBTQ-Community schützt.

Ärgerliches Schauspiel mitten im Wahlkampf in Berlin

Umso ärgerlicher das Schauspiel, das mitten im Wahlkampf in Berlin geboten wurde: Nach dem tödlichen Anschlag eines psychisch kranken, ausreisepflichtigen Afghanen auf eine Kindergartengruppe in Aschaffenburg nahmen CDU und CSU für ihr »Zustrombegrenzungsgesetz« die Zustimmung der teils rechtsextremen AfD im Bundestag in Kauf, während Sozialdemokraten sich nicht scheuten, CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken.

Geht’s noch?, fragten sich viele, während sie die emotional aufgeheizte Debatte verfolgten. Denn auf der Strecke blieb die Bereitschaft der demokratischen Mitte zum Kompromiss. Dabei wäre der nicht nur in der Migrationspolitik dringend nötig.

Die AfD taugt weder als Mehrheitsbeschafferin noch als Profilierungs-Feindbild für alle, die schon immer nur das Schöne, Wahre und Gute wollten.


Zur Erinnerung: Im September 2015 entschied Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann, Tausenden von syrischen Kriegsflüchtlingen die Einreise nach Österreich und Deutschland zu ermöglichen. Mehr als zwei Millionen Menschen haben seitdem in Deutschland politisches Asyl beantragt, die meisten aus Syrien, Afghanistan und der Türkei. Hinzu kommen Geflüchtete aus der Ukraine. Während vor zehn Jahren eine »Willkommenskultur« herrschte oder propagiert wurde, ist heute Skepsis weit verbreitet. Viele – auch Flüchtlinge selbst – stört, dass Asylbewerber oft jahrelang nicht arbeiten dürfen.

»Wie viel packt eine Gesellschaft?«, fragt der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd

Daran hat weder die Große Koalition noch die Ampel etwas Wesentliches geändert. Auch gibt es berechtigte Angst vor Verbindungen einiger Asylbewerber zu Islamisten. Und Richard Arnold, Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd – ein CDU-Mann, der Merkels Politik lange unterstützt hat –, sagte dem Deutschlandfunk, seiner Wahrnehmung nach steige die Zahl von Asylbewerbern mit psychischen Problemen.

»Wie viel packt eine Gesellschaft?«, fragte der Bürgermeister. Die Integration der Menschen sei schwieriger geworden. In den Schulen stünden Lehrerinnen und Lehrer vor großen Herausforderungen, seien mit »anderen Geschlechterbildern« und Gewalt konfrontiert. An manchen Schulen stellten Schüler mit einem anderen kulturellen Hintergrund bereits die Mehrheit. Daher sei er für eine Pause bei der Aufnahme neuer Geflüchteter. Richard Arnold ist mit seiner Meinung nicht allein.

Mehr als zwei Drittel aller Wähler, so geht ebenfalls aus Umfragen hervor, sind unzufrieden mit der derzeitigen Migrationspolitik. Doch bislang blieb es bei Parolen wie »Abschieben im großen Stil« oder »Brot, Bett und Seife«. Derzeit, so warnen Experten, würden auch Menschen abgeschoben, die gut integriert sind, während andere, die keinen Job haben, sich ihrer Abschiebung erfolgreich entziehen. Viel Arbeit kommt also auf die zukünftige Regierung zu. Eine Neujustierung der Migrationspolitik ist unbedingt geboten – nicht zuletzt, weil Deutschland auf Einwanderung qualifizierter Menschen dringend angewiesen ist, dafür als Standort aber auch attraktiv sein muss.

Putin will das demokratische Europa durch »neue Flüchtlingsströme« destabilisieren

Und damit zurück zu Putin, der das demokratische Europa durch »neue Flüchtlingsströme« destabilisieren will, bevor er zum direkten Angriff auf NATO-Staaten übergehen könnte. Eine Gesellschaft, die ihm standhalten soll, muss ihre Grenzen kennen und verteidigen. Wir brauchen die Bundeswehr als leistungsfähige Armee. Wir müssen den wirtschaftlichen Abschwung aufhalten – und den Klimawandel. Wir können uns keine wachsenden Krankenkassen- und Rentenbeiträge mehr leisten. Sollte sich der Reformstau fortsetzen, werden nur Extremisten profitieren.

Die AfD taugt weder als Mehrheitsbeschafferin noch als Profilierungs-Feindbild für alle, die schon immer nur das Schöne, Wahre und Gute wollten. Alle Parteien der demokratischen Mitte müssen spätestens nach der Wahl ihre Selbstgerechtigkeit aufgeben, wenn sie nicht wollen, dass auch in Deutschland irgendwann ein Extremist wie Herbert Kickl Kanzler wird. Kompromissbereitschaft ist gefragt, anstatt sich in ideologischen Gräben zu verschanzen oder nur auf die eigenen Stammwähler zu schielen. Unsere Demokratie steht auf dem Spiel. Reißt euch endlich zusammen!

Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Die Recherche zum »Potsdamer Geheimtreffen« hat deutschlandweit Proteste gegen die AfD ausgelöst. Doch die Kernaussage des Textes stimmt nicht, urteilt nun ein Gericht – und der Schaden ist groß

von Joshua Schultheis  16.04.2026

Meinung

Große Worte, leiser Rückzug – und Israel bleibt zurück

Für Israel war US-Präsident Trumps harte Linie gegen Iran eine sicherheitspolitische Rückendeckung. Jetzt, wo Trump den Rückzug angedeutet hat, entsteht ein strategisches und militärisches Vakuum

von Roman Haller  15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Kommentar

Empathie für alle?

Dunja Hayali hat zu mehr Mitgefühl mit Betroffenen von Kriegen aufgerufen. Zu Recht. Was in den deutschen Medien jedoch kaum vorkommt: das Leid der Israelis, die unter dem ständigen Beschuss der Hisbollah stehen

von Jenny Havemann  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026