Michael Thaidigsmann

Rechtsstaatlichkeit gilt auch auf dem Uni-Campus

»Als Lehrende der Berliner Hochschulen verpflichtet uns unser Selbstverständnis dazu, unsere Studierenden auf Augenhöhe zu begleiten, aber auch zu schützen und sie in keinem Fall Polizeigewalt auszuliefern.«

So lautet der erste Satz eines Aufrufs von Dozenten an Berliner Hochschulen, dem sich bereits Hunderte Akademiker über die Grenzen der Hauptstadt hinaus angeschlossen haben. Anlass der Erklärung ist die Räumung eines Protestcamps an der Freien Universität Berlin. Ein paar Dutzend israelfeindlicher Aktivisten hatten es Anfang der Woche errichtet und damit lautstark ihre Auffassung zum Nahostkonflikt kundgetan.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Doch die scharfe Kritik der Dozenten richtet sich nicht etwa gegen die Aktivisten, die den Lehrbetrieb gestört hatten, sondern gegen die Universitätsleitung. Diese hatte nämlich die Polizei zu Hilfe gerufen und die Räumung des besetzten Geländes veranlasst. Es gehöre zu den Pflichten der Verwaltung, so der Aufruf, »solange wie nur möglich eine dialogische und gewaltfreie Lösung anzustreben.« Den Protestierern hätte ein »Gesprächsangebot« unterbreitet werden müssen, anstatt den Protest einfach aufzulösen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das klingt fast so, als habe man es da mit aufsässigen Minderjährigen zu tun, denen Gewalt angetan wurde, und nicht mit erwachsenen, mündigen Bürgern, die antisemitische Parolen brüllten.

Wer sich den Rest des Aufrufs durchliest, könnte glatt zum Zyniker werden. Schuld an der Eskalation der Lage hatte nur die FU-Leitung, ist zwischen den Zeilen zu lesen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Uni-Besetzer wiederholt mit Sprechchören zu einer »Intifada« aufgerufen und andere problematische Parolen gebrüllt hatten. Außerdem kam es offenbar zu Sachbeschädigungen und Rangeleien. Die Polizei nahm mehrere Personen wegen Volksverhetzung und Hausfriedensbruch fest.

Es war also alles anderer als ein friedlicher Protest. Wie in dieser Lage ein »Gesprächsangebot« der Unileitung hätte aussehen sollen, erläutern die Unterzeichner des Aufrufs nicht. Ihre Solidaritätsaktion mit den radikalsten Israelfeinden unter den Studierenden (eine übergroße Mehrheit an der FU dürfte anders ticken) wirkt angesichts der jüngsten Vorkommnisse in Berlin befremdlich.

Im Februar wurde ein jüdischer FU-Student von einem Kommilitonen fast totgeprügelt. In ganz Deutschland und besonders in Berlin haben jüdische Studierende mittlerweile Angst, Opfer von ähnlichen Gewaltexzessen zu werden. Auf deutschen Straßen zeigt sich täglich die hässliche Fratze der »Israel-Kritik«. Kein Wort dazu in dem Aufruf der Akademiker.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Dass die FU-Führung in einer solch angespannten Situation keine Eskalation riskieren wollte, wie sie an Universitäten in den USA und Frankreich in den letzten Wochen zu beobachten war, ist ihr hoch anzurechnen. Sie hat den Satz »Wehret den Anfängen« ernst genommen, das ist gut so.

Da der Campus der FU Berlin öffentlich zugänglich sei, behaupten die Unterzeichner des Aufrufs der Lehrenden, gelte auch dort die grundgesetzlich geschützte Versammlungsfreiheit. Die FU-Leitung möge deshalb, so die Dozenten, künftig »von Polizeieinsätzen gegen ihre eigenen Studierenden ebenso wie von weiterer strafrechtlicher Verfolgung« absehen. Polizeieinsätze auf dem Campus seien mit einem Dialog nicht vereinbar, schreiben sie.

Was für ein Unsinn!

Das Gegenteil ist richtig. Es ist gut, dass die Polizei gerade an öffentlichen Orten Präsenz zeigt. Und es ist richtig, dass sie einschreitet, wenn Gewalt ausgeübt wird, Gesetze missachtet und volksverhetzende Parolen gebrüllt werden. Eine nicht angemeldete Uni-Besetzung ist auch keine legitime Versammlung im Sinne des Gesetzes.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Nein, das Vorgehen der FU-Führung und das Handeln der Polizei steht im Einklang mit dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit. Es ist schlicht unredlich, wenn einige auf der Linken die »ganze Härte des Rechtsstaats« nur dann fordern, wenn es um Verfehlungen am anderen Ende des politischen Spektrums geht, es mit Rechtsstaatlichkeit aber nicht so genau nehmen, wenn eigene Anliegen tangiert sind.

Genauso dürftig ist, wenn Polizeieinsätze gegen linke Protestierer sofort mit »Polizeigewalt« gleichgesetzt werden. Wenn es zum Selbstverständnis von Lehrenden gehört, dass sie Studierende nicht der »Polizeigewalt ausliefern«, dass also mit anderen Worten Recht und Gesetz an Hochschulen zwar gelten, aber nicht durchgesetzt werden dürfen, ist das ein intellektuelles Armutszeugnis für die unterzeichnenden Hochschullehrer.

Vor dem Gesetz sind schließlich (das dürfte auch ihnen bekannt sein) alle gleich. Hochschulen sind keine rechtsfreien Räume. Und wo kämen wir hin, wenn Polizei und Justiz dort nicht mehr für die Einhaltung von Recht und Gesetz sorgen dürften?

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Meinung

Die staatliche Förderung von »Islamic Relief« ist unentschuldbar

Die NGO ist eng mit der islamistischen Muslimbruderschaft verflochten. Es ist ein Skandal, dass das Auswärtige Amt die Organisation dennoch jahrelang mit Millionen Euro unterstützte – und nun zu den Vorwürfen schweigt

von Ralf Fischer  28.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Debatte

Warum werden Israels Fehler laut, der mörderische Judenhass seiner Feinde aber allzu oft nur sehr leise benannt?

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

von Stephan-Andreas Casdorff  26.05.2026

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Meinung

Das entspricht nicht der Essenz unseres Landes!

Man muss keine Sympathie für die Aktivisten der Gaza-Flottille haben, um die Art abzulehnen, wie Itamar Ben-Gvir mit ihnen umgegangen ist. Der Minister hat dem Ansehen Israels geschadet

von Sarah Cohen-Fantl  21.05.2026