Meinung

Rechte »Zionisten« sind falsche Freunde der Juden

Sie lächeln in die Kamera, einer hat ein ein Schifferklavier, sie tragen Uniformen. Überschrieben ist das Bild mit »SS, near Auschwitz«. Es ist einer von vielen Tweets , mit denen die Historikerin und Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Dr. Mirjam Zadoff auf eine aktuelle Debatte reagierte. Sie kritisierte, dass die »tragischen Ereignisse dieses Herbstes missbraucht werden«, um ein Bild der »traurige[n] SS« zu erzeugen. Worum geht es hier?

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Losgetreten wurde diese Debatte ebenfalls auf X durch ein Video-Interview von »Piers Morgan Uncensored«. In diesem berichtete der britische PEGIDA-Sympathisant und Autor von rechten Büchern Douglas Murray von Israels Grenze zum Gazastreifen über den Krieg gegen die islamistische Terrororganisation Hamas. Gegen Ende des Clips relativiert Murray die Verbrechen der Nazis: Sie hätten sich geschämt und ihre Schande u.a. mit Alkohol herunterspülen müssen – im Gegensatz zur Hamas, die stolz die sozialen Medien mit Videos ihrer antisemitischen Massaker flutete. Das Interview mit der Relativierung der Verbrechen Nazi-Deutschlands scheint gerade im Land der Täter besonderen Anklang zu finden. Das passt gut dazu, dass seit einiger Zeit häufiger  die Hamas als ’neue Nazis’ bezeichnet wird, gegen die sich Deutschland im Widerstand befände.

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Schnell ging auch das Interview viral. Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer teilt es mit den Worten «Das ist großartig.” Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kritisiert zwar  den Vergleich der Hamas mit den Nazis, betitelt es aber dennoch als «sehenswert”. Murray bläst ins Horn derjenigen, die behaupten, von allem nichts gewusst zu haben, oder wie es in Anlehnung auf einen Demonstration-Slogan vor dem Auswärtigen Amt heißen könnte: «Free Germany from German guilt”. Um zu verstehen, warum Menschen, die mit PEGIDA sympathisieren, Israel verteidigen, aber die Shoa relativieren, muss man verstehen, wie Teile der politischen Rechten heute auf Israel und jüdisches Leben blicken.

Trugbild-Zionismus

Vor einigen Jahren haben wir deshalb den Begriff des Trugbild-Zionismus entwickelt. Zuerst war das nur der Versuch, eine Leerstelle zu fassen, die in einem Text der Queer-Theoretikerin Judith Butler auftritt. Butler schrieb 2019 in einem Text mit dem vielversprechenden und doch wenig einlösenden Titel: »Antisemitismus und Rassismus. Für eine Allianz der sozialen Gerechtigkeit«, über »antisemitischen Zionismus«. Wer sich schon länger mit Butlers problematischen Verhältnis zu Israel beschäftigt, ist nicht überrascht, dass dieser Begriff dazu dient, Israel als rein rechtes Projekt und den Zionismus im Bunde mit der internationalen Rechten zu kategorisieren. Das führt jedoch zu einer wichtigen Frage: Wie damit umgehen, dass zutiefst antisemitische Kräfte sich als Freunde des jüdischen Volkes und Israels gerieren?

Die jüdisch-britische Rechtsextremismusforscherin Hannah Rose geht in ihrem Bericht für das International Centre for the Study of Radicalisation des King’s College diese Frage an: Sie stellt in ihrem Bericht fest, dass es zu einer »grundlegenden Neudefinition des Judentums« in der politischen Rechten gekommen sei. Juden gelten laut dieser als »europäisch, israelfreundlich und antimuslimisch«. Rose betont, dass die vermeintlich »positiven« Gefühle letztlich »in denselben Prozessen wie Antisemitismus« wurzeln. Der jüdische Staat werde als »europäische Grenze« gegen die arabische Welt imaginiert, Juden als antimuslimisch markiert und damit als Verbündete im Kampf gegen das Feindbild »Islam« und die »Islamisierung« gesehen. Das passt gut in das Weltbild des »Ethnopluralismus«, eines salonfähigen »Rassismus ohne Rassen«, wo man »Kulturen« voneinander trennen sollte. Juden sollen zur Ausreise bewegen, damit die eigene Nation ethnisch rein werden kann. Es handelt sich also nicht um Zionismus, sondern um einen strategischen Antisemitismus und ein rein instrumentelles Verhältnis zum jüdischen Staat. Deshalb sprechen wir vom Trugbild-Zionismus. Die vermeintliche Sympathie für und Allianz mit Israel soll als Feigenblatt dienen. Dieses Feigenblatt nutzt in Deutschland vor allem die AfD, um rassistische Positionierungen zu verschleiern und den bürgerlichen Schein zu wahren.

Lieber keine Freunde, als die falschen

Den wichtigsten Faktor in der internationalen Rechten stellen – vor allem in den USA, aber auch zunehmend in Südamerika – evangelikale Gruppierungen mit konservativem Weltbild dar. Diese haben schon frühzeitig die »Israelsolidarität« für sich erkannt. Sie gehören zu den eifrigsten Unterstützern des jüdischen Staates und wollen es allen Juden »ermöglichen«, nach Israel umzusiedeln. Dahinter steckt allerdings kein Altruismus oder christliche Nächstenliebe, wie zuweilen behauptet wird. Juden nach Israel zu bringen, ist eine auf ihrer endzeitlichen Weltsicht basierende Mission, die paradoxerweise das Ende des Judentums zur Folge hat. Denn wenn alle Juden dort versammelt seien, so glauben sie es, würden sie Jesus als Messias anerkennen, der daraufhin wiederkehren und die Endzeit einleiten würde. Sie wollen die Diaspora »judenrein« machen. Und wenig verwunderlich ist es, dass sie Juden häufig als Verbündete im Kampf um ihre religiöse Wahrheit mit ‹dem Islam’ sehen. 

Das Verhältnis zum jüdischen Volk und Israel ist in der postnazistischen Welt nicht von strategischen Interessen unberührt geblieben. Daher ist es unverzichtbar, auch auf die Motivation dieser Solidarität zu schauen. Geht es um eine Gesellschaft, in der man »ohne Angst verschieden« sein kann, oder nicht? Nicht jede Solidarität ist es Wert angenommen zu werden. Lieber ohne Freunde, als die falschen.

Monty Ott ist Publizist und Mitarbeiter für die Bundestagsabgeordnete Marlene Schönberger (Grüne). Ruben Gerczikow ist ebenfalls Publizist. Gemeinsam haben sie das Buch »Wir lassen uns nicht unterkriegen - junge jüdische Politik in Deutschland« (Hentrich & Hentrich, 24,90 Euro) verfasst.

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