Kommentar

Müssen immer erst Juden sterben?

Michael Thaidigsmann Foto: privat

Muss erst ein Jude sterben, damit sich die breite Öffentlichkeit für den Antisemitismus in Australien interessiert? Diese Frage stellte die australische Journalistin Amie Liebowitz vor nicht einmal vier Monaten in einem Gastkommentar für diese Zeitung. Anlass war damals der Angriff auf ein jüdisches Restaurant in Bondi Beach.

An jenem Ort, an Australiens bekanntestem Strand, starben heute Juden. Nicht einer. Nicht zwei. Nein, fünfzehn. Sie wurden eiskalt ermordet. Drei Dutzend weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Sie und viele andere wollten nur eines: Chanukka am Strand feiern.

Was wie ein unbeschwerter Sommerabend anfing, wurde zum Albtraum nicht nur für die jüdische Gemeinschaft Australiens, sondern für Juden weltweit. Die Bilder der blutverschmierten und leblos im Sand liegenden Menschen schockieren. Nach dem Blutbad von Port Arthur im Jahr 1996 war das heute der schlimmste Terrorangriff in der Geschichte Australiens.

Viele bohrende Fragen stellen sich nun. Wie kann es sein, dass zwei Terroristen minutenlang unbehelligt auf Menschen schießen konnten, weil keine Polizei anwesend war? Warum wurde ein jüdisches Event wie das »Chanukah by the Sea«, zu dem 2000 Menschen erwartet wurden, nicht besser bewacht? Natürlich sind Australier für ihre Coolness bekannt. Aber hatten die Behörden dort wirklich geglaubt, nach all den Angriffen der letzten Monate auf jüdische Einrichtungen die Lage unter Kontrolle zu haben?

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Der Anschlag von Bondi Beach zeigt, welch hohen Preis westliche Staaten tragen müssen, wenn sie im Umgang mit Antisemitismus zu sorglos agieren. Auch Europa sollte sich einmal mehr fragen, ob es wirklich alles getan hat, um Juden und jüdisches Leben in der Öffentlichkeit zu schützen. Dazu gehören nicht nur ausreichend Polizeibeamte. Es gehört auch dazu, dass man die Aufhetzung zum Massenmord knallhart sanktioniert und nicht bagatellisiert.

Tagtäglich wird auf deutschen Straßen und Plätzen gegen Juden, pardon, gegen Zionisten, gehetzt, pardon, demonstriert. Ein Ende ist nicht in Sicht. Aber wer eins und eins zusammenzählen kann, der weiß, dass Schlachtrufe wie »Globalise the Intifada« oder »Yalla, yalla, Intifada« genau das sind: Aufrufe zum Abschlachten von Juden, pardon, Zionisten. Das Incitement, die Anstiftung zum Hassverbrechen, es funktioniert nämlich nicht nur bei nicht wenigen Palästinensern prächtig. Es funktioniert weltweit.

Auch in Deutschland wird weiter munter Hass auf Israel geschürt und damit Judenhass befeuert. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Doch sie wird immer wieder vehement geleugnet.

Wie sonst kann es sein, dass weiter straffrei zur Intifada gegen Israel aufgerufen werden kann? Dass zwar Strafverfahren wegen Volksverhetzung oder der Verwendung von Parolen verbotener Organisation eingeleitet, aber selten mit einer Verurteilung abgeschlossen werden? Dass Juristen und Menschenrechtsexperten lang und breit die angebliche Aushöhlung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung monieren, aber nicht, wie der Rechtsstaat dem antisemitischen Mob Herr werden kann?

Menschenrechtler haben andere Sorgen

Vor wenigen Tagen legte das mit öffentlichen Mitteln finanzierte Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) dem Bundestag seinen Jahresbericht vor. Er beschäftigt sich ausführlich mit angeblichen Beschränkungen der Meinungsfreiheit sogenannter »palästinasolidarischer Aktivist*innen«, der Bericht spricht von »exzessiver Polizeigewalt« und kritisiert auf mehreren Seiten die Antisemitismusresolution des Bundestags vom Herbst 2024. Zu dem auch in Deutschland sprunghaft angestiegenen Judenhass findet sich in dem Bericht des DIMR hingegen … kein Wort. Hat denn das Thema Antisemitismus nichts mit Menschenrechten zu tun?

Ja, wieder einmal mussten Juden sterben. Die Welt trauert einen Moment lang um sie, fordert mehr Anstrengungen gegen Antisemitismus. Und dann geht sie zur Tagesordnung über, anstatt etwas dafür zu tun, den lebenden Juden angesichts der zahlreichen Gefahren ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen.

Michael Thaidigsmann ist EU-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen in BrüsselFoto: Privat

Eine Lehre des Blutsonntags von Bondi Beach sollte sein, dass endlich ein Ruck durch Deutschland gehen möge und die Bagatellisierung von Judenhass aufhört. Wem beim Thema Antisemitismus nur einfällt, sich über angeblich zu restriktive Beschränkungen der Versammlungs- und Redefreiheit bei anti-israelischen Aufmärschen zu echauffieren, der braucht sich nicht wundern, wenn schon bald der Terror auch hierzulande wieder an die Synagogentüren klopft. Dabei ist unerheblich, woher der Terror kommt: von links, von rechts oder von Islamisten.

Liebe Politiker, liebe Justiz: Wie wäre es anstelle der vielen Beileidsbekundungen mal mit etwas Mut? Wer auf deutschen Straßen zur Intifada aufruft, mit welcher Ideologie und Motivation auch immer, macht nicht von seinem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch. Er stiftet zum Mord an Juden an. Und das ist doch strafbar, oder etwa nicht?

thaidigsmann@juedische-allgemeine.de

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