Meinung

Kanye West und der grassierende Antisemitismus in den USA

Ruben Gerczikow Foto: Rina Gechtina

Meinung

Kanye West und der grassierende Antisemitismus in den USA

Die neuesten judenfeindlichen Eskapaden des Rapstars sind symptomatisch für eine bedrohliche Diskursverschiebung, die von Donald Trump und Elon Musk befeuert wird

von Ruben Gerczikow  10.02.2025 17:09 Uhr

Kanye West, auch bekannt als Ye, hat es wieder getan. Auf X zeigte der Rapstar erneut, wie ungeniert Hass gegen Jüdinnen und Juden verbreitet werden kann. »Ich bin ein Nazi« oder »ich liebe Hitler«, schrieb der Künstler in einer Kaskade an verstörenden Posts, die tausendfach gelikt wurden.

Sein Beispiel zeigt: Heute ist der Boden für antisemitische Hetze auch in den USA fruchtbarer denn je. Antisemitismus ist nicht nur salonfähig geworden, er ist allgegenwärtig.

Donald Trump ist ein Brandbeschleuniger dieser Entwicklung. Der alte und neue Präsident der Vereinigten Staaten gibt sich gerne als Freund Israels, doch seine Verstrickungen mit der rechtsextremen »Alt-Right«-Bewegung und seine Sympathien für antisemitische Verschwörungserzählungen sprechen eine andere Sprache. Im November 2022 traf er etwa den Holocaustleugner Nick Fuentes auf seinem Anwesen in Mar-a-Lago zum Abendessen, das wiederum auf Initiative von Kanye West zustande gekommen sein soll.

Ein weiterer Multiplikator von Antisemitismus im digitalen Raum ist der Tech-Milliardär Elon Musk. Seit er X im Oktober 2022 übernommen hat, wurde nicht nur der Account von Kanye West wiederhergestellt, sondern ist die Plattform ein sicherer Hafen für Antisemiten jeglicher Couleur geworden.

Der Antisemitismus in den USA hat eine neue Dimension erreicht. Das belegen auch die Zahlen der Anti-Defamation League.

So verbreiten Social-Media-Persönlichkeiten wie der rechtsextreme Radiomoderator Alex Jones, der pro-russische Influencer Jackson Hinkle oder der Influencer Dan Bilzerian antisemitische und antiisraelische Inhalte für ein Millionenpublikum. Und auch Musk selbst scheut sich nicht, antisemitische Narrative zu befeuern und immer wieder »Witze« über die Verbrechen des Nationalsozialismus zu machen.

Doch X ist nicht die einzige Plattform, auf der die antisemitische Radikalisierungsmaschinerie läuft. Auf TikTok feiern amerikanische Accounts, wie zum Beispiel Uni-Gruppen, die Massaker der Terrororganisation Hamas in Israel am 7. Oktober 2023, islamistische Propaganda wird millionenfach geteilt und jüdische User bedroht.

Der Antisemitismus in den USA hat eine neue Dimension erreicht. Das belegen auch die Zahlen der Anti-Defamation League, die zwischen Oktober 2023 und September 2024 mehr als 10.000 antisemitische Vorfälle verzeichnete.

Lesen Sie auch

Das alles passiert nicht im luftleeren Raum. Es sind nicht nur anonyme Trolle, sondern reale Menschen mit einer großen Reichweite, die Antisemitismus verbreiten, die jüdisches Leben infrage stellen und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden rechtfertigen. Zwar hat Kanye West inzwischen seinen X-Account gelöscht, aber die zehntausenden Likes auf seine Postings zeigen, dass Antisemitismus in den USA nicht nur ein Problem vermeintlicher Ränder ist, sondern auch ein Teil der sogenannten Mitte der Gesellschaft.

Wie lange wird es noch dauern, bis die USA verstehen, dass die Sicherheit ihrer jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner akut bedroht ist? Es ist eine Erkenntnis, die längst überfällig ist.

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin.

Elif Eralp

Meinung

Sprengsatz im Berliner Kessel

Was brodelt in der Berliner Linken – und warum wollen SPD und Grüne mit ihr regieren?

von Peter Hesse  19.10.2026

Susanne Stephan

Kommentar

Eines demokratischen Staates unwürdig

Israelische Behörden gehen immer rigoroser gegen Medienschaffende vor, die Kritik an der Regierung äußern. Diese Verbote schwächen am Ende die Demokratie und damit den jüdischen Staat als Ganzes

von Susanne Stephan  19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Meinung

Flugabwehr bei VW? Aber ja!

Volkswagen, Rafael und die deutsch-israelische Rüstungskooperation

von Jan-Philipp Hein  18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Kommentar

Deutsche Iran-Politik: Urkomische Dinge und pure Realitätsverweigerung

Der neue Botschafter der Bundesrepublik in Teheran, Axel Dittmann, produziert mit seinen Instagram-Videos unfreiwillig Realsatire

von Saba Farzan  16.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Essay

Die Berliner Linke und ihr DDR-Vorleben

Linker Antisemitismus, Israelfeindschaft und Genozid-Vorwurf – all das gab es bereits in der DDR unter dem Regime der Linkspartei-Vorläuferin SED

von Steffen Alisch  16.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026