Glosse

Juden machen stets Probleme

Louis Lewitan Foto: Stefan Nimmesgern

Glosse

Juden machen stets Probleme

Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Donald Trump im Weißen Haus die Stirn geboten. Zuvor hatte er schon Ärger mit dem Kreml. Komisch, oder?

von Louis Lewitan  05.03.2025 15:22 Uhr

»Ehrlich gesagt, ist mir das völlig egal« - Kennen Sie diesen Satz? Vielleicht denken Sie, er stammt aus Donald Trumps Mund – oder von seinem Laufburschen Vance, der sich jüngst als Brandbeschleuniger hervortat.

Doch weit gefehlt: Dieser legendäre Spruch kommt aus Victor Flemings Meisterwerk Vom Winde verweht und lautet im Original: »Frankly, my dear, I don’t give a damn.« Gesprochen wird er vom charismatischen Clark Gable als Rhett Butler zu Vivien Leigh als der kämpferischen Scarlett O’Hara. Der ikonische Moment, in dem Scarlett versucht, sich mit Rhett zu versöhnen, endet mit diesem Wortwechsel, der die Beziehung endgültig beerdigt.

Was im Film bewegend wirkte, löste am Wochenende vor laufender Kamera nur Entsetzen aus. Was war passiert? US-Präsident Donald Trumps »I don’t give a damn«-Attitüde gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zeugte von nie dagewesener Kaltschnäuzigkeit und Verachtung für den Überlebenskampf der Ukraine.

Und was tat der ehemalige Komiker Selenskyj? Er bot Trump die Stirn. Das war absolut nicht witzig. Sichtlich erregt verweigerte er sich der ihm zugedachten Rolle des dankbaren Bettlers. Das war undiplomatisch. Statt sich vor laufender Kamera die Schlinge umzulegen und sich für die »Gunst« zu bedanken, hatte er die Chuzpe, seinen Kopf zu erheben. Das war nicht ok.

Selenskyj ließ Trumps Rolle als Dealmaker wie Butter in Floridas Sonne zerfließen. Das war nicht kooperativ. Dass die weltweite Chance auf Frieden zu Putins Konditionen wie eine Seifenblase vor laufender Kamera platzte: zutiefst verstörend.

Nun liegt die westliche Wertegemeinschaft unwiderruflich am Boden. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, bekam Trump bei der gestrigen Preisverleihung in Hollywood nicht mal einen Oscar für die beste Schurkenrolle. Wie unfair. Die Welt steht Kopf, möchte man meinen. Doch dem ist nicht so.

Aus gut unterrichteten Kreisen wird kolportiert, dass Putin während des verbalen Schlagabtausches seine Schadenfreude kaum zurückhalten konnte. Statt Wodka floss Whiskey in Strömen, der Kaviar wurde mit dem Schopflöffel herumgereicht. Und kurz nach der TV-Show schickte sich Putins Pressepapagei an, Präsident Selenskyj als »Terroristenführer« des »neonazistischen Kiewer Regimes« zu diskreditieren.

Schon Jahre zuvor hatte Außenminister Lawrow den jüdischen Präsidenten als »reinen Nazi« verunglimpft. Nicht nur Hitler, auch Stalin wollte alle Juden loswerden. Weil sie nach der Weltherrschaft streben. Weil sie Antisemiten sind. Weil sie Kolonialisten und Zionisten sind. Ach ja, und weil sie Christus ans Kreuz genagelt haben.

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Wie Lawrow einst feststellte: »Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.« Anders gesagt: Es steht zu befürchten, dass in Höckes und Weidels Venen nicht AfD-blaues Blut, sondern jüdisches fließt.

Spätestens jetzt leuchtet es jedem ein: Egal, wie man es dreht und wendet – Juden machen stets Probleme. Als Politiker, als Zionisten, als Nazis. Kommt es Ihnen nicht komisch vor?

Der Autor berät als Psychologe Unternehmen und coacht Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Sein neues Buch, gemeinsam verfasst mit Stephan Lebert, heißt »Der blinde Fleck – Die vererbten Traumata des Krieges«. Es erscheint am 16. April im Heyne-Verlag.

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