Meinung

Israel muss sich verteidigen, um zu überleben

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Meinung

Israel muss sich verteidigen, um zu überleben

Eine Klarstellung von Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  26.09.2024 13:40 Uhr

Ein kleines Gedankenspiel vorweg: Man stelle sich vor, Österreich würde andauernd die Schweiz mit Raketen beschießen. Es würden täglich Raketen auf Schweizer Boden niedergehen.

Die Schweiz hätte zwar ein ausgeklügeltes Luftabwehrsystem, mit dem sie den konstanten Beschuss abwenden könnte. Doch die Belastung für die Menschen, die auf der südlichen Seite des Rheins leben, wäre untragbar. Viele von ihnen hätten ihre Häuser verlassen und würden bei Freunden und Verwandten oder in Hotels in Zürich, Bern oder sonst wo im Land temporär eine Unterkunft finden.

Wenn dieser Dauerbeschuss anhalten würde, würde sich die Schweiz ohne zu zögern auf ihr Recht berufen, sich zu verteidigen. Wie lange würde die Schweiz warten, bis sie sich wehren würde?

Vermutlich weniger als ein ganzes Jahr. Schließlich kommen von Nachbarseite, einer 160 Kilometer langen Linie, täglich Angriffe. Dieses Recht würde niemand in Abrede stellen.

Zu simpel, zu evident ist der Gedanke. Jedes Land darf sich verteidigen, weil jedes Land seine Existenzberechtigung hat – und damit wären wir beim springenden Punkt: Auch Israel steht dieses Recht zu. Auch Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, wie es die Ukraine oder andere in den Krieg hineingezogene Staaten haben.

Aber Israel wird dieses Recht häufig in Abrede gestellt. Zu oft wird diese Selbstverständlichkeit relativiert, zu oft unterrichten uns sogenannte Experten darüber, wieso es, wenn es um Israel geht, doch nicht so simpel sei zu erklären, weil der Kontext zu komplex sei.

Deshalb endet der soeben geschilderte Vergleich in den Köpfen vieler Menschen genau an dieser Stelle. Denn alle Staaten haben das gleiche Recht, aber es sind doch nicht alle gleich. Ganz nach dem Motto »Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe«.

Israels Vernichtung als oberstes Ziel

Wie oft lesen wir in deutschsprachigen Medien davon, dass Israel nicht »provozieren«, im Grunde also sich nicht verteidigen sollte, nachdem die Hisbollah eine tägliche Ladung seines Raketenarsenals auf den Nachbarn abfeuert?

Viele verschließen bewusst oder einfach naiv die Augen davon, dass es sich bei der Hisbollah um eine gefährliche Terrormiliz handelt. Die Politik und das Selbstverständnis dieser Miliz alimentieren sich aus islamistischen Positionen, einer revolutionär-schiitischen und anti-westlichen Gesinnung sowie dem Wechselspiel mit libanesischer Realpolitik. Seit ihrer Gründung steht der bewaffnete Kampf der Hisbollah gegen Israel im Zentrum ihres Handelns – weil es ihr erklärtes Ziel ist, Israel zu vernichten.

Israel soll also seinen eigenen Niedergang mit ansehen? Wie der vom Iran infiltrierte und finanzierte, gefährliche Nachbar im Norden mit langem Atem daran arbeitet? Und zwar mit Tausenden von Kurz- und Langstreckenraketen, die 100 Kilometer und mehr erreichen können. Das Geschoss, das am Mittwochmorgen auf Tel Aviv abgefeuerte wurde, war erstmals der Einsatz einer ballistischen Rakete mit einer Sprengladung von 700 Kilogramm. Der leichte Sommerregen ist vorbei. Es bahnt sich eine Sturmflut ausgehend von der Terrormiliz an.

Verteidigen um zu überleben

Die Hisbollah im Libanon ist ein deutlich stärkerer Gegner für Israels Streitkräfte als die Hamas im Süden. »In den letzten 18 Jahren pflanzte die Hisbollah keine Bäume oder baute Häuser im Libanon«, sagte jüngst ein ehemaliger Kommandeur der israelischen Luftverteidigungskräfte in einem deutschen Medium. Stattdessen wurde auf den Import von Waffen aus dem Iran gesetzt und dazu eine paramilitärische Streitkraft aufgebaut.

Doch auch das interessiert viele Staaten und internationale Organisationen nicht. An vorderster Stelle steht aus dieser Optik immer das Wohl der Zivilbevölkerung. Das steht außer Zweifel. Doch was ist mit der Zivilbevölkerung in Israel? Ist ihr Wohlbefinden genauso wichtig oder vielleicht doch nicht? Und kaum jemand stellt die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass die Hisbollah so tief in der Gesellschaft verankert ist – analog zur Hamas in Gaza.

Gewiss, jedes tote Kind ist eines zu viel, und niemand schaut gern dabei zu, wenn Menschen leiden und eine Gesellschaft jeden Halt verliert. Mit diesem Dilemma ist Israel seit seinem ersten Tag konfrontiert. Es muss sich verteidigen, um zu überleben, und dabei so wenig wie möglich unschuldige Menschenleben treffen.

An einem regionalen Flächenbrand ist niemand interessiert, außer vielleicht der Iran. Aber nochmal: Weshalb sollte Israel tatenlos dabei zusehen, wie »die Achse des Widerstands« die Welt terrorisiert? Wieso sollte Israel selbst mit ansehen, wie es ausgelöscht werden soll, wie die sechs Millionen Juden, die in Israel leben, wie Lämmer zur Schlachtbank geführt werden?

Kann es sein, dass Juden einfach nur in einer Opferrolle ins Geschichtsbild des Westens passen und sie sich gefälligst wieder dort einfügen sollten? Das hatten wir alles schon einmal. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet, nur weil sie Juden waren. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Sie wird sich nicht wiederholen, wenn man aufhört, Israel sein selbstverständliches Recht auf Selbstverteidigung ständig abzusprechen.

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