Meinung

Friedensrat für Gaza oder Kriegsrat gegen Israel?

Daniel Neumann Foto: Gregor Zielke

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Friedensrat für Gaza oder Kriegsrat gegen Israel?

In Zukunft sollen ausgerechnet die Hamas-Unterstützerstaaten Katar und die Türkei im Friedensrat über den Gazastreifen mitbestimmen dürfen. Für Israel sollte das eine Warnung sein, sich unabhängiger von den USA zu machen

von Daniel Neumann  21.01.2026 10:24 Uhr

Manchmal reicht ein Blick auf die Gästeliste, um zu wissen, wie ernst es jemand mit dem Frieden meint. Das Weiße Haus hat nun einen sogenannten »Friedensrat für Gaza« aus der Taufe gehoben und damit unfreiwillig bewiesen, dass politische Ironie keine Grenzen kennt. Denn wer dort Platz nimmt, ist weniger Teil der Lösung als vielmehr Teil des Problems - und in manchen Fällen sogar dessen ideologischer Brandbeschleuniger.

Dass ausgerechnet Katar und die Türkei zu den Akteuren dieses Gremiums gehören sollen, ist im besten Fall diplomatische Fahrlässigkeit und im schlechtesten Fall ein politisches Statement. Denn es sind genau jene Staaten, die der Hamas über Jahre hinweg ideologisch, logistisch und finanziell den Rücken gestärkt haben, deren Führungskader sie beherbergten oder schützten und die nie ernsthaft ein Geheimnis daraus machten, auf welcher Seite sie stehen.

Vor allem die Türkei unter Präsident Erdoğan, der Israel regelmäßig als Terrorstaat diffamiert und dessen antisemitische Tiraden längst zur außenpolitischen Routine gehören. Etwa: »Möge mein Gott Zerstörung und Elend über das zionistische Israel bringen« (Rede aus dem März 2025). Oder: es liege in der Natur der Israelis, Blut auszusaugen. Oder er verglich Israels Premier Netanjahu, den er als Schlächter von Gaza bezeichnete, mit Hitler oder Stalin.

Solche Wortsalven werden regelmäßig, gezielt und ohne Risiko abgefeuert, weil sie bei den antiisraelischen, islamistischen Kadern des Nahen Ostens ebenso wie bei der sogenannten internationalen »Pro-Palästina-Szene« auf fruchtbaren Boden fallen, während das politische Establishment desinteressiert mit den Schultern zuckt, wenn überhaupt.

Man ist solche Worte inzwischen gewohnt. Vielleicht ist genau das Teil des Problems. So oder so: Diese Akteure nun in den Friedensrat einzuladen, ist jedenfalls grotesk! Katar gilt seit Jahren als Drehscheibe islamistischer Netzwerke, als Geldgeber und diplomatischer Schutzraum der Hamas und als Destabilisator amerikanischer Universitäten. Die Türkei wiederum gehört zu den Superspreadern islamistischer Ideologien, flankiert von neo-osmanischen Großmachtfantasien, für deren Durchsetzung Syrien und Gaza als geopolitische Steigbügel dienen sollen.

Wer glaubt, dass ausgerechnet diese Staaten plötzlich zu ehrlichen Architekten einer stabilen Nachkriegsordnung in Gaza werden, verwechselt Wunschdenken mit Realpolitik. Sicher: man könnte auch darauf hoffen, dass Donald Trump mal wieder blufft. Wie so oft. Und in Wahrheit den richtigen Riecher hat. Schließlich ist er so eine Art Trüffelschwein für Geld, Macht und »gute Deals«. Vielleicht setzt er also darauf, dass gerade diese Akteure genug Einfluss besitzen, um die Hamas tatsächlich zur Entwaffnung zu bewegen. Oder er glaubt, Frieden lasse sich gerade und vor allem durch die Einbindung der problematischsten Player erzwingen. Oder er geht davon aus, dass das Gremium so groß ist, dass die schwarzen Schafe ohnehin nicht ins Gewicht fallen.

Ausgeschlossen ist das nicht. Wahrscheinlicher aber ist etwas anderes: dass die USA, also Trump und Konsorten, hier vor allem eigene finanzielle und machtpolitische Interessen verfolgen. Stichwort: Gaza als Riviera des Nahen Ostens. Und dafür bereit sind, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Oder mehreren Teufeln. Für Israel wäre das ein Desaster mit Ansage. Und für die Palästinenser übrigens auch. Aber für die interessiert sich ja sowieso niemand.

Als Israel scharf protestierte, wehte aus Washington jedenfalls ein kalter Wind Richtung Jerusalem. Sinngemäß hieß es: Das ist unsere Show, nicht eure. Konzentriert euch auf den Iran und überlasst uns Gaza. Das ist keine Botschaft auf Augenhöhe, sondern die Ansage eines Herrschers, der glaubt, die Rechnung ohne den Wirt machen zu können.

Es ist die Arroganz einer Supermacht, die nahöstliche Sicherheitspolitik gestalten will, ohne die Sorgen und schlechten Erfahrungen desjenigen zu berücksichtigen, über dessen Schicksal mitverhandelt wird. Es ist die Leichtigkeit eines Pokerspielers, der Barbaren in Nadelstreifen an den Tisch holt, weil er weiß, dass er die Konsequenzen des Scheiterns nicht selbst tragen muss.

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Für Israel ist das eine Warnung - und zwar eine ziemlich laute. Die Lehren daraus sind klar. Auch wenn sie eigentlich nicht neu sind. Erstens: Ein Rückzug aus Gaza kommt vorerst nicht in Frage. Wer einen Krieg in der denkbar brutalsten Weise vom Zaun bricht, kann nicht erwarten, dass nach einem erfolgreichen Verteidigungskrieg alles wieder auf null gesetzt wird. Israel hat diese Logik lange akzeptiert. Land für Frieden war die Maxime. Doch diese Formel ist gescheitert – nicht erst am 7. Oktober. Wer Kriege beginnt und verliert, muss einen Preis zahlen. Auch einen territorialen.

Dabei gilt: Eine von Israel kontrollierte Pufferzone ist kein Akt der Rache, sondern eine Sicherheitsnotwendigkeit. Sie ist eine wesentliche Garantie dafür, dass sich der 7. Oktober so schnell nicht wiederholt.

Zweitens: Israel muss die Hamas weiter bekämpfen, solange diese nicht vollständig entwaffnet ist. Friedensräte, Resolutionen und wohlklingende Erklärungen ersetzen keine militärische Realität. Eine Terrororganisation, die offen ihre Vernichtungsabsicht erklärt, verschwindet nicht durch Einbindung, sondern nur durch Entmachtung. Das bedeutet nicht, dass der »Friedensrat« keine Chance verdient hätte. Aber es bedeutet, dass Israel keine Sekunde zögern sollte, wenn die eigenen Sicherheitsinteressen durch diese oder andere palästinensische Terrororganisationen bedroht werden.

Drittens: Israel muss seine Abhängigkeit von den USA reduzieren - finanziell, militärisch und strategisch. Netanjahu hat dafür einen Zeithorizont von zehn Jahren genannt. Vielleicht bleiben nicht einmal die. Das bedeutet nicht, dass die USA morgen als Partner ausfallen. Keineswegs. Dafür sind die Bande zu eng, die gemeinsamen Interessen zu groß, die technologischen, wirtschaftlichen, sicherheitsdienstlichen und militärischen Verbindungen zu tiefgreifend. Aber Israel muss in die Lage versetzt werden, im Zweifel allein zu handeln. Denn am Ende geht es nicht um diplomatische Befindlichkeiten, sondern um die Sicherheit seiner Bürger. Und das heißt: Es geht um die eigene Existenz. Ums Überleben!

Viertens: Israel muss seine außenpolitische Eigenständigkeit vorantreiben. Wer sich auf internationale Gremien verlässt, deren Zusammensetzung in Teilen eher an einen Freundeskreis der Hamas erinnert als an ein neutrales Forum, gibt ein Stück seiner Souveränität preis. Und genau diese Souveränität ist neben der Sicherheit eines der Gründungsversprechen des jüdischen Staates.

Und fünftens - vielleicht die wichtigste Lehre aus dem 7. Oktober - darf Israel nie wieder den Fehler machen, die Drohungen seiner Feinde auf die leichte Schulter zu nehmen. Wer offen ankündigt, Juden töten zu wollen, meint das auch so. Und wer es verklausuliert tut? Alla Erdoğan dämonisiert, delegitimiert und hetzt, um sich als neo-osmanischer Vorkämpfer zu profilieren und die Reihen der Israelhasser zu schließen? Der ist nicht weniger gefährlich! Er ist nur geschickter. Ein Barbar im Nadelstreifenanzug eben.

Noch ist unklar, ob das iranische Regime die aktuellen inneren Spannungen überlebt oder nicht. Sicher ist jedoch: Auf Iran folgt die Türkei - mit Erdoğan und seinen islamistischen Kalifatsfantasien. Wenn dem kein Riegel vorgeschoben wird und ausgerechnet Ankara und Doha ihre Finger nach Gaza ausstrecken, dann droht aus dem wohlklingenden Friedensrat am Ende ein Kriegsrat zu werden. Einer, der keinen Frieden vorbereitet, sondern Israels nächsten Albtraum. Und so weit darf Israel es nicht kommen lassen.

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