Jacques Schuster

Erst kommt die Heuchelei, dann Israels Einsamkeit

Jacques Schuster Foto: Martin Lengemann/ WELT

Dayenu! Es reicht. Schluss damit! Man kann die Heuchelei nicht mehr ertragen, die sich durch die westliche Welt wie ein Pesthauch zieht und deren Politiker erfasst. Bekundeten die meisten von ihnen nach dem Massaker vom 7. Oktober die »uneingeschränkte Solidarität« und sangen das Lied vom Recht, sich nach dem genozidalen Gemetzel zu verteidigen, sind die Worte heute wie Seifenblasen zerplatzt und einem Schwall von Imperativen gewichen: Israel muss, Israel soll, Israel darf nicht…!

Die Geiseln interessieren kaum noch jemanden. Wenn überhaupt werden sie genauso flüchtig erwähnt wie die Tatsache, dass die Israelis nach sechs Monaten noch immer im Kriegszustand leben.

Kaum einen Zeitgenossen zwischen Boston und Berlin interessiert, was Krieg in Israel bedeutet.

Kaum einen Zeitgenossen zwischen Boston und Berlin interessiert, was Krieg in Israel bedeutet. Dort ist er keine ferne Sache. Jeder, der umkommt, kommt zwei Stunden von zu Hause aus um. Eltern, die einen Sohn oder eine Tochter auf dem Schlachtfeld verlieren, fahren später genau dorthin, um den letzten Augenblick zu teilen, den das Kind erlebte, und die Erde zu spüren, auf der es lag. Wer es mit ansieht, der versteht, was die Sache mit dem schreienden Blut in der Bibel auf sich hat. Von den Kriegskosten zu schweigen, die Israels Wirtschaft in den Niedergang treiben.

In Amerika und Europa wird dergleichen leichtfertig übergangen. Lieber verunglimpft man die Israelis als kriegslüsterne Horde, welche die Vorfälle des 7. Oktober nutzt, um im Gazastreifen Großreine zu machen. Als ob es irgendeinen vernünftigen Israeli gäbe, der dieses vermaledeite Stück Land zurückerobern wollte! Das Einzige, das für die meisten Politiker dies- und jenseits des Atlantiks zählt, ist das Leid der Palästinenser. Es müsse beendet werden – und zwar sofort.
 
In der Tat: Jedes palästinensische Mädchen, das im Gazastreifen umkommt, ist eines zu viel. Jede Mutter, die um das Leben ihres Babys bangt, ist eine Tragödie. Doch noch immer gelten Golda Meirs Worte: »Frieden wird es erst geben, wenn die Palästinenser ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.« Nüchterner: Wer als Gewalttätiger mit Gewalt niedergeschlagen werden muss, hat die Folgen seiner Gewalttat zu übernehmen. Ein Grundsatz, auf den sich sämtliche Staaten im Angriffsfall berufen dürfen – nur Israel nicht.
 
Nahmen die Vereinigten Staaten bald nach den Anschlägen vom 11. September 2001 das gesamte afghanische Volk mit Zehntausenden von Toten in Kollektivhaftung, sind sie nun so kühn, Israel zu einem dauerhaften Waffenstillstand mit einer Terrorgruppe zu zwingen, die sich die Vernichtung der Juden zum Ziel gesetzt hat. Israel steht allein da, ein Paria in der Welt, der nun auch noch von seinem wichtigsten Verbündeten, den Amerikanern, unter Druck gesetzt wird.
 
Ist die israelische Regierung für diese Lage verantwortlich? Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat Fehler gemacht. Schon vor Wochen rieten ihm seine Offiziere, vor einem militärischen Vorgehen im Süden des Gazastreifens unbedingt einen humanitären Korridor zu schaffen, durch den die palästinensischen Zivilisten unter israelischer Obhut im Norden Schutz suchen und versorgt werden könnten.

Längst hat Israels Premier aufgehört, »Mister Security« zu sein.

Netanjahu schrieb diesen Rat in den Wind. Längst hat er aufgehört, »Mister Security« zu sein. Heute strotzt er vor saftigem Eigennutz, zaudert und zögert und hört zu wenig auf seine Generäle. Doch selbst wenn Netanjahu Moshe Dayan, David Ben Gurion und Itzhak Rabin in einem wäre – sähe die Lage für den jüdischen Staat nicht anders aus.
 
Es geht den Amerikaner nicht um das Leid im Gazastreifen. Es geht auch nicht um die Attacke auf die Mitarbeiter von »World Central Kitchen«. Es geht um die Anklage als solcher. US-Präsident Joe Biden kehrte sich von Israel schon Ende Februar ab, als er in Michigan nur kümmerlich die Vorwahl seiner Partei überstand. Seither ist Bidens Nahostpolitik ein einziges Fratzeschneiden im Spiegel der öffentlichen Meinung.

Biden trägt dem antizionistischen Zeitgeist Rechnung, der unter vielen jungen Amerikanern, zahlreichen Schwarzen und großen Teilen der muslimischen Minderheit wütet. Alle Genannten wollen Israel als Völkermörder auf der Anklagebank sehen, zumindest aber ein sofortiges Schweigen der Waffen erpressen. Um wiedergewählt zu werden, gibt Biden nach, fegt beiseite, dass ein dauerhafter Waffenstillstand nur zum Gegenteil des Gewünschten führt.
 
Wer Frieden zwischen Israelis und den Palästinensern will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Hamas auszuschalten, getreu dem uralten Grundsatz im Kampf gegen Terroristen: Eine Regierung verliert, solange sie nicht gewinnt; Terroristen gewinnen, solange sie nicht verlieren. Biden weiß das, doch es kümmert ihn nicht. Lieber lässt er seinen Außenminister laut von der Zweistaatenlösung träumen, welche die deutsche Außenministerin nun derart überzeugt wiederbetet, als könne allein der Begriff sofort den gesamten Nahostkonflikt beenden.

Ehud Olmert legte den Palästinensern 2008 einen detaillierten Plan zur Umsetzung der Zweistaatenlösung vor. Doch die lehnten ab.

Alle europäischen Außenminister mit Annalena Baerbock vorneweg sollten Israels ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert besuchen. Olmert legte den Palästinensern 2008 einen detaillierten Plan zur Umsetzung der Zweistaatenlösung vor. Doch die lehnten ab.
 
Baerbock könnte bei Abbas nachfragen, warum er sich damals die Chance auf Frieden und eine Staatsgründung entgehen ließ. Täte sie es, würde sie bemerken, dass die Palästinenser an einer Lösung nicht interessiert sind, die beiden Gegnern gerecht zu werden versucht. Doch die Mühe macht sich Baerbock nicht. Lieber bleibt sie beim Schwall der Imperative, womit wir wieder am Anfang wären. Im Anfang war die Heuchelei, am Ende steht Israels Einsamkeit.

Der Autor ist »Welt«-Chefkommentator und Ressortleiter Innenpolitik.

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