Kommentar

Elfriede Jelineks Abrechnung mit der Hamas

Auf ihrer Webseite pflegt die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, Tochter eines tschechischstämmigen Juden, Texte zum Zeitgeschehen, etwa zur österreichischen Politik, zu veröffentlichen. Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober findet sich dort nur noch ein einziger Text. Sein Titel »Kein Einer und kein Andrer mehr« ist eine Reminiszenz an den jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas, der die Verwandtschaft der Menschen »auf das Ansprechen des Anderen im Antlitz, in einer Dimension der Erhabenheit, in der Verantwortung für sich und für den Anderen« zurückführte. Jelinek meint, dass »es den Einen wie den Anderen nicht mehr« gebe, wenn das Ziel des Einen die Auslöschung des Anderen – »wie die Terrororganisation Hamas sie gegen Israel« plane »und immer geplant« habe – sei.

In ihrem Text prangert Jelinek die »bedingungslose Zerstörungswut« der »Terrorbande« Hamas gegen »den einzigen demokratischen Staat in der Region« an. Die Terroristen würden mit »ihrem Schießen, Massakrieren, Vergewaltigen, Foltern« und ihrer »Mordlust« wie »Fanatiker wüten, denen das Leben gar nichts« gelte. Ihr Ziel sei »die Vernichtung des Anderen«, sie hätten »nie etwas andres als seine Zerstörung im Sinn« gehabt. Sonstige Gedanken hätten »neben diesem Ziel keinen Platz in ihren Köpfen«. Dies sei »der fundamentale Unterschied«, der »zwischen dem Angreifer in seiner Vernichtungswut und dem Angegriffenen, der diese Vernichtungswut gegenüber dem Einen, dem Angreifer, eben nicht« habe, bestehe. Den Palästinensern, für deren Befreiung »die Terroristen zu kämpfen behaupten«, werde »mit diesem Verbrechen« in Wahrheit »alles, was sie jemals erreichen könnten«, genommen. Aus »der menschlichen Zivilisation« habe sich die Hamas durch ihren »Bruch von allem, was noch verhandelt werden« könne, »selbst ausgeschlossen«.

Jelineks Abrechnung mit der Hamas umfasst auch ihre weltweiten Apologeten: Sie würden »die Rechtmäßigkeit und Rechtschaffenheit ihres Tuns unter Geschrei und Beschimpfungen bekräftigen« und »das Gerechte ihres Ziels herausschreien, aus der Totalität in die Totalität«. Auch hier wieder der Verweis auf Lévinas, der in seinem Werk »Totalität und Unendlichkeit« schreibt: »Die Begrenzung kommt nur in einer Totalität vor; die Beziehung mit dem Anderen hingegen durchstößt die Decke der Totalität.«

Mit ihrer bemerkenswerten Intervention zählt Jelinek, die von 1974 bis 1991 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) war, zu den wenigen prominenten Linken, die das Massaker der Hamas vom 7. Oktober in all seiner Monstrosität ohne irgendeine relativierende ›Kontextualisierung‹ klar verurteilen. Daran könnten sich die Butlers und Žižeks dieser Welt ein Beispiel nehmen.

Der Autor ist Kulturwissenschaftler, freier Autor und Lehrer in Stuttgart.

Meinung

Die Eurovision gehört der Musik

Abermals wird der Ausschluss Israels von dem Musikwettbewerb gefordert. Doch das liefe auf eine Untergrabung des Formats hinaus, das so zum politischen Instrument verkommen würde

von Nicole Dreyfus  22.04.2026

Kommentar

Was hat der Konflikt mit dem Iran Israel gebracht?

Eine ernüchternde Bilanz von Roman Haller

 22.04.2026

Michael Thaidigsmann

Haltlose Rüge aus Straßburg

Der Menschenrechtskommissar des Europarats wirft Deutschland »unangemessene Beschränkungen« propalästinensischer Proteste vor. Überzeugende Belege legt er jedoch nicht vor

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

Meinung

Die Isaac Accords – Kooperation statt Symbolik

Im Gegensatz zu den Abraham Accords geht es bei dem Vertrag zwischen Argentinien und Israel nicht um eine Normalisierung der Beziehungen, sondern um eine Vertiefung. Gerade darin liegt seine politische Logik

von Carsten Ovens  22.04.2026

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Die Recherche zum »Potsdamer Geheimtreffen« hat deutschlandweit Proteste gegen die AfD ausgelöst. Doch die Kernaussage des Textes stimmt nicht, urteilt nun ein Gericht – und der Schaden ist groß

von Joshua Schultheis  16.04.2026

Meinung

Große Worte, leiser Rückzug – und Israel bleibt zurück

Für Israel war US-Präsident Trumps harte Linie gegen Iran eine sicherheitspolitische Rückendeckung. Jetzt, wo Trump den Rückzug angedeutet hat, entsteht ein strategisches und militärisches Vakuum

von Roman Haller  15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026