Meinung

Einladung, Empörung, Ausladung

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Meinung

Einladung, Empörung, Ausladung

Dass der Iran am Weltwirtschaftsforum in Davos zunächst willkommen war und kurz darauf wieder ausgeladen wurde, ist ein Lehrstück darüber, wie Menschenrechte erst dann zählen, wenn sie zum Reputationsrisiko werden

von Nicole Dreyfus  19.01.2026 17:55 Uhr

Die Ausladung des iranischen Außenministers Abbas Araghtschi am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, scheint auf den ersten Blick notwendig und überfällig. Was das iranische Regime in den vergangenen Tagen seinem Volk auf offener Straße angetan hat, gehört vermutlich zum dunkelsten Kapitel der iranischen Geschichte. Menschenrechtsorganisationen und internationale Medien berichten von Tausenden Toten und einer umfassenden Repression gegen Zivilpersonen, die das Land erschüttern.

Vor diesem Hintergrund forderte unter anderem Mark Wallace, Ex-US-Botschafter bei den Vereinten Nationen und heute CEO der US-Initiative United Against Nuclear Iran (UANI) von den WEF-Verantwortlichen, keine Vertreter der iranischen Regierung zuzulassen. Prompt hieß es heute Montag via X aus Davos, wo ursprünglich ein Podiumsgespräch mit Irans Außenminister Abbas Araghtschi hätte abgehalten werden sollen: »Der iranische Außenminister wird nicht nach Davos kommen. Obwohl er letzten Herbst eingeladen wurde, bedeutet der tragische Verlust von zivilen Menschenleben in Iran in den vergangenen Wochen, dass es dieses Jahr nicht richtig ist, wenn die iranische Regierung in Davos vertreten ist.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Doch die ursprüngliche Einladung des Iran am WEF in Davos und die anschließende Ausladung desselben Staates zeugt jedoch von einer Doppelmoral, die über einen bloßen diplomatischen Fehltritt hinausgeht. Sie legt ein strukturelles Problem dar, in dessen Falle der Westen immer wieder aufs Neue tappt: nämlich den Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Handeln, insbesondere bei internationalen Elitenforen. Das WEF versteht sich als Plattform für globale Verantwortung, Dialog und gemeinsame Werte wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Stabilität.

Vor diesem Hintergrund war bereits die ursprüngliche Einladung eines hochrangigen Vertreters der iranischen Regierung hochproblematisch. Denn die systematische Unterdrückung von Protesten, die Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte und die gewaltsame Repression gegen die eigene Bevölkerung sind keine neuen oder überraschenden Entwicklungen. Diese Zustände waren zum Zeitpunkt der Einladung hinreichend bekannt und dokumentiert. Wer den Iran dennoch einlädt, akzeptiert implizit, dass diese Menschenrechtsverletzungen kein Ausschlusskriterium darstellen.

Lesen Sie auch

Die spätere Ausladung verschärft diesen Widerspruch. Sie signalisiert nicht moralische Konsequenz, sondern vielmehr reaktive Schadensbegrenzung. Erst als öffentlicher Druck, mediale Kritik und reputative Risiken zunahmen, sah sich das WEF gezwungen, zu handeln. Damit entsteht der Eindruck, dass nicht ethische Prinzipien, sondern öffentliche Wahrnehmung und Imagepflege handlungsleitend sind. Menschenrechte werden so nicht als unverrückbare Normen behandelt, sondern als variable Argumente, die je nach politischem und medialem Klima herangezogen oder ignoriert werden.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Gerade darin liegt der Kern des Heuchelei-Vorwurfs: Dass ausgerechnet der Iran ausgeladen wird, während andere problematische Akteure weiterhin präsent bleiben, verstärkt zudem den Eindruck selektiver Empörung. Wenn ein Forum vorgibt, Werte zu vertreten, diese aber nur situationsabhängig anwendet, verliert es an Glaubwürdigkeit.

Wer Russland cancelt, muss dies von Anfang auch mit dem Iran tun. Hier sollten klare Grenzen gezogen werden und keine prestigeträchtigen Einladungen verschickt werden. Das führt sonst zu moralischer Inkohärenz. Aber rhetorisch beschworene Werte sind offenbar nach wie vor in Mode – auch in Davos.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

Meinung

Knaulkorb für den Zentralrat

In einem »taz«-Kommentar von Susanne Knaul wird der Zentralrat der Juden und sein Präsident Josef Schuster aufgefordert, beim Thema Iran »einfach mal die Klappe« zu halten

von Michael Thaidigsmann  06.03.2026 Aktualisiert

Meinung

Der Iran, der Krieg und das Völkerrecht

Das Völkerrecht soll Menschen schützen. Wenn es zum Selbstzweck erhoben und höher gewichtet wird, als die Schicksale der Entrechteten, verliert es seinen Sinn

von Tobias Kühn  04.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Analyse

Geduld ist das Gebot der Stunde

Das iranische Regime hat in der Vergangenheit einen zermürbend langen Atem bewiesen. Auch nach der Tötung seines obersten Führers ist daher Demut und Weitsicht gefragt.

von Nathan Peres  02.03.2026

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Meinung

Xavier Naidoo hat allen etwas vorgemacht

Der Popstar hat gerade erst sein Comeback gegeben, da verbreitet er wieder antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen. Spätestens jetzt ist seine angebliche Läuterung ganz und gar unglaubwürdig geworden

von Ralf Fischer  23.02.2026

Kommentar

Eure Masche zieht nicht mehr!

Mittlerweile hat es sich selbst im Kulturbetrieb herumgesprochen, dass die Bigotterie der sogenannten pro-palästinensischen Aktivisten allzu durchschaubar ist, wenn Menschenrechte gepredigt und im gleichen Atemzug »Genozid« und »Boykott« geschrien wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.02.2026

Meinung

Endlich kehrt Ehrlichkeit in die Debatte über die UNRWA ein!

Der CDU-Antrag bringt auf den Punkt, was seit Jahren verdrängt wurde: Palästinensische Gewalt darf natürlich nicht als politisches Instrument akzeptiert werden

von Daniel Neumann  21.02.2026