Frau Bengio deutet in der Jüdischen Allgemeinen die kurdischen Annäherungssignale an Israel vor allem als Ausdruck von Schwäche, Unsicherheit und fehlenden Alternativen. Diese Analyse mag die gegenwärtige Notlage der Kurden beschreiben – sie verfehlt jedoch deren politische Bedeutung und unterschätzt zugleich Israels langfristige Interessen.
Wenn Kurden heute offen von einer Beziehung zu Israel sprechen, dann nicht, weil sie naiv an eine schnelle Rettung glauben, sondern weil sie eine strategische Realität anerkennen, die viele Staaten der Region bis heute leugnen: Israel ist ein legitimer, dauerhafter Staat im Nahen Osten. Die Kurden sind das einzige Volk in dieser Region, das diese Tatsache nicht ideologisch bekämpft. In einem Umfeld, in dem Antisemitismus staatlich, religiös und gesellschaftlich verankert ist, ist das kein emotionales Detail, sondern eine politische Grundlage.
Frau Bengio warnt davor, diese Signale als »gegebene Allianz« zu missverstehen. Doch hier geht es nicht um eine fertige Allianz, sondern um die Möglichkeit einer strategischen Partnerschaft, die langfristig aufgebaut werden könnte. Israel hat in seiner Geschichte immer dann gewonnen, wenn es Partner frühzeitig geformt hat – nicht erst dann, wenn alle Bedingungen perfekt waren. Ein starkes Kurdistan hätte das Potenzial, einer der verlässlichsten Partner Israels zu werden, gerade weil die Kurden keine expansionistische oder islamistische Agenda verfolgen.
Der Hinweis, die Kurden bräuchten vor allem die Akzeptanz der Staaten, in denen sie leben, ist richtig – aber unvollständig. Akzeptanz ohne Schutz führt zur permanenten Erpressbarkeit. Die Geschichte der Kurden zeigt, dass Anpassung allein nicht vor Verrat schützt. Eine vorsichtige, schrittweise Annäherung an Israel wäre daher kein Widerspruch zu regionaler Diplomatie, sondern ein notwendiger Ausgleich.
Gerade Israel weiß, dass Verlässlichkeit nicht geographisch, sondern politisch definiert ist.
Wenn Frau Bengio sagt, Israel brauche »keine weitere Front«, dann übersieht sie, dass eine Partnerschaft mit den Kurden gerade keine Front eröffnen müsste. Sie könnte auf sicherheitspolitischer Kooperation, Technologie, Aufklärung und politischer Koordination beruhen. Der kurdische Kampfgeist, bewiesen im Kampf gegen den IS, kombiniert mit israelischer technologischer Stärke, würde nicht Eskalation erzeugen, sondern Abschreckung – ein Kernprinzip israelischer Sicherheit.
Besonders auffällig ist, dass ein entscheidender Aspekt in dieser Debatte kaum Beachtung findet: die Sicherheit von Juden in westlichen Staaten. In Westeuropa leben Millionen Kurden, die sich offen gegen antisemitische Islamisten positionieren. In vielen Städten sind sie faktisch ein gesellschaftlicher Gegenpol zu radikal-islamischen Milieus. Eine sichtbare politische Nähe zwischen Israel und kurdischen Akteuren würde diese Kräfte stärken – und damit auch jüdisches Leben außerhalb Israels schützen.
Schließlich überzeugt auch das Argument der fehlenden geografischen Nähe nicht. Strategische Partnerschaften entstehen heute nicht mehr allein entlang von Grenzen, sondern entlang gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Bedrohungen und gemeinsamer Werte. Gerade Israel weiß, dass Verlässlichkeit nicht geographisch, sondern politisch definiert ist.
Die Kurden suchen keinen Retter. Sie suchen einen Partner. Wer diese ausgestreckte Hand nur als Zeichen der Schwäche liest, riskiert, eine der wenigen echten strategischen Chancen im Nahen Osten zu übersehen.
Der Autor ist Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland.