Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

Ali Ertan Toprak Foto: imago

Replik

Ein starkes Kurdistan kann Israels Partner werden

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen äußert sich die Expertin Ofra Bengio skeptisch zur Chance eines kurdisch-israelischen Bündnisses in Nahost. Eine Replik des Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde Deutschland

von Ali Ertan Toprak  07.02.2026 18:00 Uhr

Frau Bengio deutet in der Jüdischen Allgemeinen die kurdischen Annäherungssignale an Israel vor allem als Ausdruck von Schwäche, Unsicherheit und fehlenden Alternativen. Diese Analyse mag die gegenwärtige Notlage der Kurden beschreiben – sie verfehlt jedoch deren politische Bedeutung und unterschätzt zugleich Israels langfristige Interessen.

Wenn Kurden heute offen von einer Beziehung zu Israel sprechen, dann nicht, weil sie naiv an eine schnelle Rettung glauben, sondern weil sie eine strategische Realität anerkennen, die viele Staaten der Region bis heute leugnen: Israel ist ein legitimer, dauerhafter Staat im Nahen Osten. Die Kurden sind das einzige Volk in dieser Region, das diese Tatsache nicht ideologisch bekämpft. In einem Umfeld, in dem Antisemitismus staatlich, religiös und gesellschaftlich verankert ist, ist das kein emotionales Detail, sondern eine politische Grundlage.

Lesen Sie auch

Frau Bengio warnt davor, diese Signale als »gegebene Allianz« zu missverstehen. Doch hier geht es nicht um eine fertige Allianz, sondern um die Möglichkeit einer strategischen Partnerschaft, die langfristig aufgebaut werden könnte. Israel hat in seiner Geschichte immer dann gewonnen, wenn es Partner frühzeitig geformt hat – nicht erst dann, wenn alle Bedingungen perfekt waren. Ein starkes Kurdistan hätte das Potenzial, einer der verlässlichsten Partner Israels zu werden, gerade weil die Kurden keine expansionistische oder islamistische Agenda verfolgen.

Der Hinweis, die Kurden bräuchten vor allem die Akzeptanz der Staaten, in denen sie leben, ist richtig – aber unvollständig. Akzeptanz ohne Schutz führt zur permanenten Erpressbarkeit. Die Geschichte der Kurden zeigt, dass Anpassung allein nicht vor Verrat schützt. Eine vorsichtige, schrittweise Annäherung an Israel wäre daher kein Widerspruch zu regionaler Diplomatie, sondern ein notwendiger Ausgleich.

Gerade Israel weiß, dass Verlässlichkeit nicht geographisch, sondern politisch definiert ist.

Wenn Frau Bengio sagt, Israel brauche »keine weitere Front«, dann übersieht sie, dass eine Partnerschaft mit den Kurden gerade keine Front eröffnen müsste. Sie könnte auf sicherheitspolitischer Kooperation, Technologie, Aufklärung und politischer Koordination beruhen. Der kurdische Kampfgeist, bewiesen im Kampf gegen den IS, kombiniert mit israelischer technologischer Stärke, würde nicht Eskalation erzeugen, sondern Abschreckung – ein Kernprinzip israelischer Sicherheit.

Besonders auffällig ist, dass ein entscheidender Aspekt in dieser Debatte kaum Beachtung findet: die Sicherheit von Juden in westlichen Staaten. In Westeuropa leben Millionen Kurden, die sich offen gegen antisemitische Islamisten positionieren. In vielen Städten sind sie faktisch ein gesellschaftlicher Gegenpol zu radikal-islamischen Milieus. Eine sichtbare politische Nähe zwischen Israel und kurdischen Akteuren würde diese Kräfte stärken – und damit auch jüdisches Leben außerhalb Israels schützen.

Lesen Sie auch

Schließlich überzeugt auch das Argument der fehlenden geografischen Nähe nicht. Strategische Partnerschaften entstehen heute nicht mehr allein entlang von Grenzen, sondern entlang gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Bedrohungen und gemeinsamer Werte. Gerade Israel weiß, dass Verlässlichkeit nicht geographisch, sondern politisch definiert ist.

Die Kurden suchen keinen Retter. Sie suchen einen Partner. Wer diese ausgestreckte Hand nur als Zeichen der Schwäche liest, riskiert, eine der wenigen echten strategischen Chancen im Nahen Osten zu übersehen.

Der Autor ist Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland.

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am »Dschungelcamp« niemals schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  06.02.2026

Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Laut und verwegen ist der Genozid-Vorwurf einer Schweizer Gruppierung gegen den Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis. Mit einer Rechtsdebatte hat es aber nichts zu tun

von Nicole Dreyfus  06.02.2026

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Nun wird das Video offline genommen. Doch das ist nur das Minimum an Konsequenzen

von Ayala Goldmann  03.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Teilzeit ist kein »Lifestyle«

Der Wirtschaftsflügel der CDU und Bundeskanzler Merz wollen, dass die Deutschen mehr arbeiten. Sie missachten damit die vielfältigen Lebenswirklichkeiten der Menschen

von Günter Jek  02.02.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

Meinung

Warum es auch schwerfällt, die gelbe Schleife abzulegen

Zwei Jahre und drei Monate lang haben Menschen auf aller Welt mit der gelben Schleife ihre Solidarität mit den am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppten Geiseln gezeigt. Nun können wir sie endlich ablegen

von Sophie Albers Ben Chamo  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Meinung

Wenn Entwicklungspolitik Hamas-Propaganda übernimmt

Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) tätigt faktisch falsche Aussagen und übernimmt zentrale Narrative der palästinensischen Terrororganisation. Und dies ist nur die Spitze des Eisberges

von Sacha Stawski  29.01.2026