Meinung

Die Ukrainer brauchen unsere Hilfe

Rabbinerin und Geschäftsführerin von Hillel Deutschland: Rebecca Blady Foto: Gregor Zielke

Meinung

Die Ukrainer brauchen unsere Hilfe

Die Solidarität mit ukrainischen Geflüchteten in Deutschland nimmt ab. Aus einer jüdischen Perspektive bleibt es jedoch wichtig, auch weiterhin nicht von ihrer Seite abzuweichen

von Rabbinerin Rebecca Blady  16.11.2025 07:14 Uhr

In Deutschland hat der Diskurs über die finanzielle Unterstützung ukrainischer Geflüchteter eine neue Härte angenommen. Der unmittelbare Grund ist, dass die Ukraine die Ausreisebeschränkungen für junge Männer aufgehoben hat und nun mehr von ihnen zu uns kommen. Doch als Teil der jüdischen Gemeinschaft und der deutschen Zivilgesellschaft will ich nicht hinnehmen, dass die Hilfe für sie infrage gestellt wird.

Wenn ich an den 24. Februar 2022 denke, spüre ich immer noch die Anspannung, die Verzweiflung und die Angst in meinem Körper. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Geschäftsführerin von »Hillel Deutschland«, einer Organisation für junge Jüdinnen und Juden. Einer meiner Kollegen saß in Dnipro fest; ukrainische Hillel-Studenten waren auf dem Weg nach Berlin und brauchten Unterstützung; und eine Gruppe nigerianischer Studenten suchte bei uns Schutz, als niemand sonst sie aufnehmen wollte. Hier in Deutschland hatten wir zudem unsere eigenen Studenten und jungen Erwachsenen mit familiären Bindungen zur Ukraine, die sich um nahe Verwandte in schwer betroffenen Orten wie Cherson sorgten, ohne viel für sie tun zu können.

Judesein bedeutet laut Rabbi Jonathan Sacks, »einen Unterschied zu machen«.

Ich kann die Bedenken hinsichtlich der finanziellen Belastung Deutschlands nachvollziehen. Aber der Krieg in der Ukraine dauert noch an, und die ukrainische Gemeinschaft braucht jede Unterstützung, um nach ihrem Trauma, der Trennung von Familie und Freunden und dem vollständigen Bruch des Alltags ihr Leben wiederaufzubauen. Während ich dies schreibe, hat eine liebe Freundin Deutschland verlassen, um vorübergehend in ihre Heimat Odessa zurückzukehren, wo sie anhaltendem Raketenbeschuss ausgesetzt ist. Sie will ihrer Mutter helfen, die mit einer schweren Krankheit zu kämpfen hat und die benötigte medizinische Versorgung nicht erhalten kann. Eine Lösung dieses Konflikts ist noch lange nicht in Sicht.

Als Jüdinnen und Juden mit tiefen Wurzeln in der Region haben wir miterlebt, wie sich unsere eigenen Gemeinschaften verändert, erweitert und an den Zustrom ukrainischer Geflüchteter angepasst haben. Dieser Prozess war keineswegs einfach, aber wir haben unsere einzigartigen Fähigkeiten einzusetzen gelernt. Lord Rabbi Jonathan Sacks, dessen Jahrzeit wir vergangene Woche begingen, lehrte schon in den frühen Tagen seines Rabbinats, dass »jüdische Sensibilität« und Judesein bedeutet, »gebeten zu werden zu geben, beizutragen, einen Unterschied zu machen«. Auch wenn wir weltweit zahlenmäßig wenige sein mögen, liegt unsere Stärke in unserem Verantwortungsgefühl gegenüber anderen, denn wir wissen intuitiv, dass diese Haltung die Welt zu einem besseren Ort macht.

Lesen Sie auch

Ich kann bezeugen, dass in den frühen Tagen der russischen Invasion der Akt des Helfens so vielen unserer Hillel-Mitglieder einen Sinn gab. Die Verpflichtung, anderen zu helfen, half uns, Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Angst zu überwinden. Wenn unsere Gemeinschaft, die so klein im Vergleich zur gesamten deutschen Gesellschaft ist, die Kraft hat, weiterhin ukrainische Menschen in Not willkommen zu heißen und zu unterstützen, dann kann dieses Land dasselbe tun – und sollte es auch.

Die Autorin ist Geschäftsführerin von Hillel Deutschland und Rabbinerin in Berlin.

Kommentar

Ärzte mit Grenzen

Die Waffen schweigen weitgehend in Gaza, der Informationskrieg tobt weiter. Ein besonders niederträchtiges Beispiel liefert »Ärzte ohne Grenzen«

von Wolf J. Reuter  10.01.2026 Aktualisiert

Kommentar

Ich gebe die Hoffnung für Brandenburg nicht auf

Nach dem Koalitionsbruch muss die Politik die Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen

von Alex Stolze  09.01.2026

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026

Kommentar

Keine großen Sorgen vor Mamdani, bitte

Hannes Stein über den neuen Bürgermeister von New York und die Herausforderungen, die der Job für den Israelhasser mit sich bringt

von Hannes Stein  07.01.2026

Kommentar

Erst Maduro, dann die Mullahs?

Der Sturz des venezolanischen Diktators ist auch eine glasklare Warnung an das iranische Regime. Israel und die USA könnten einen Beitrag dazu leisten, es zu Fall zu bringen

von Saba Farzan  07.01.2026

Analyse

Warum die Proteste im Iran auch eine Chance für unsere Sicherheit sind

Anschläge und Morde, verdeckte Handelsfronten, Identitätsdiebstahl und Sanktionsumgehung: Das Regime in Teheran ist auch in Europa zu einem hybriden Bedrohungsakteur geworden. Umso wichtiger ist es, die Regimegegner zu unterstützen

von Rebecca Schönenbach  04.01.2026

Kommentar

Der Edelpilz, der keiner ist

New Yorks neuer Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits die Anerkennung der IHRA-Definition durch die Stadtverwaltung und das Boykottverbot gegen Israel aufgehoben

von Louis Lewitan  02.01.2026

Meinung

Solidarität mit Somaliland

Sabine Brandes findet Israels Anerkennung der Demokratie am Horn von Afrika nicht nur verblüffend, sondern erfrischend

von Sabine Brandes  30.12.2025

Meinung

Für mich heißt Neujahr Nowy God

Das Neujahrsfest hat mit dem Judentum eigentlich nichts zu tun. Trotzdem habe ich warme Erinnerungen an diesen Feiertag

von Jan Feldmann  30.12.2025