Kommentar

Alleingelassen

Marina Weisband Foto: imago images/Jürgen Heinrich

An dieser Stelle schrieb ich vor einem Jahr sinngemäß: Hoffnung ist alles, was den Menschen in der Ukraine noch bleibt. Nein, noch hat das Land den Krieg nicht verloren. Aber wenn alles so weiterläuft wie bisher, ist die Gefahr groß, dass sie ihn verliert.

Das soll nicht defätistisch klingen. Die Menschen in der Ukraine kämpfen. Sie haben keine andere Wahl, es geht schließlich um ihr Überleben. Aber jeden Tag, den dieser Krieg andauert, verlieren mehr Menschen ihr Leben, sterben Kinder, leidet die Natur, verschwindet ein Stück Kultur, wird die Wirtschaft des Landes geschwächt. Eine gute Zukunft rückt mit jedem Tag Krieg in weitere Ferne.

Die Ukrainer sind müde. Und sie sind enttäuscht von uns, ihren Freunden und Verbündeten im Westen. Denn wir sind offenbar noch kriegsmüder. Und das, obwohl wir gar nicht Krieg führen müssen.
So bitter es klingt: Die Ukraine muss diesen Kampf weitgehend allein führen. Westliche Hilfe kommt nicht so, wie sie es müsste, um die Invasoren zurückzudrängen. Dabei ist den meisten Menschen in Deutschland sehr bewusst, dass wir ebenfalls zu den Verlierern gehören würden, wenn die Ukraine verliert. Dann wären auch unsere Freiheit und unser Wohlstand noch mehr bedroht, als sie es schon sind.

Ich will nicht undankbar sein. Ja, Deutschland leistet der Ukraine Hilfe, auch wichtige Militärhilfe. Andere Staaten tun es ebenfalls. Und doch: Sie verhalten sich zynisch, denn sie leisten gerade so viel Hilfe, dass die Ukraine nicht fällt. Aber eben nicht genug, damit sie Russland so hart treffen kann, dass Putin diesen Krieg beendet. Anstatt mit allem dafür zu sorgen, dass genau das passiert, trägt der Westen mit seiner Zögerlichkeit dazu bei, dass dieser Krieg sich immer mehr in die Länge zieht.

Man fragt sich unweigerlich: Liegt es im westlichen Interesse, dass dem so ist? Will man Russland langsam ausbluten lassen, damit es als Weltmacht an anderen Schauplätzen ausfällt und dort keine Bedrohung mehr darstellt? Oder haben unsere Politiker Angst vor der öffentlichen Meinung und den verlängerten Armen Putins in der heimischen Politik? Am Ende ist es egal, was die Begründung ist. Denn wieder einmal steht Zynismus gegen Überzeugung, Appeasement gegen Vernunft. Dass Putin zynisch handelt, wissen wir längst.

Der Westen trägt mit dazu bei, dass sich dieser Krieg in die Länge zieht.

Doch wir sind eben auch zynisch. Unser Zynismus beginnt dann, wenn wir nicht die Waffen liefern, die wir liefern könnten und die das Morden möglicherweise stoppen würden. Wenn wir meinen, wir könnten unsere Freiheit aufrechterhalten, auch wenn die Ukraine ihre verliert. Wenn wir zynisch von Präsident Selenskyj fordern, er möge das Rekrutierungsalter für ukrainische Soldaten auf 18 Jahre senken, aber nicht dafür sorgen, dass die russische Lufthoheit über der Ukraine beendet wird. Wollen wir Putin wirklich noch mehr ukrainische Teenager als Kanonenfutter liefern?
Man konnte es in den vergangenen drei Jahren oft beobachten: Immer, wenn die Ukraine in der Defensive ist, wenn Menschen massakriert werden, kann sie auf westliche Hilfe zählen.

Aber sobald sich ihr die Möglichkeit bietet, eine Gegenoffensive zu starten, trocknet die Unterstützung wieder aus. Nach drei Jahren kann ich nicht mehr an Zufall glauben. Das Hin und Her hat Methode. Der Großteil der deutschen Bevölkerung stand immer hinter einer Unterstützung der Ukraine, das haben die Meinungsumfragen gezeigt. Dennoch stellen westliche Politiker geopolitische Interessen über den Kampf der ukrainischen Menschen auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Hinter dem Kampf der Ukraine steckt ein Ideal, hinter dem Kampf des Westens Kalkül.

Dabei wissen wir nur zu gut, dass das Kalkül am Ende nicht aufgehen wird. Die Ukraine wäre nicht Putins letztes Opfer. Fiele sie, wäre wohl als Nächstes ein NATO-Land dran. Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges in Europa steigt, wenn wir die Ukraine jetzt nicht entschlossen unterstützen.
Es geht nicht um eine direkte Kriegsbeteiligung des Westens. Es geht darum, dass der Westen der Ukraine neben der Militärhilfe vor allem dabei hilft, die Wirtschaft zu stützen, und Exporte ermöglicht. Wohlgemerkt nicht, Exporte zu finanzieren, sondern sie zu erlauben. Ist das zu viel verlangt?

Die Ukrainer sind müde. Und sie sind enttäuscht von uns, ihren Freunden und Verbündeten im Westen.

Es gibt keinen Mittelweg zwischen Richtig und Falsch. Wenn man etwas für richtig hält, muss man es tun. Wenn man es nicht tut, hat man entweder nicht die Macht dazu oder man hält man es für falsch. Es sind schon Demokratien zugrunde gegangen, weil sie versucht haben, einen Kompromiss zwischen Richtig und Falsch zu finden.

Der von Egoismus getriebene westliche Zynismus könnte Putin am Ende zum Sieg verhelfen. Er will die Ukraine vernichten, weil er Angst vor Demokratie hat. Er will auch andere Demokratien vernichten. Die Partei, die ihn in Deutschland unterstützt, legt immer weiter zu, sie dominiert den öffentlichen Diskurs. Die Medien rennen den Geschichten der AfD hinterher. In den USA hat Putins Kandidat die Präsidentschaft gewonnen und schwadroniert jetzt offen, dass die Ukraine auch Teil Russlands werden könnte. Der Mann im Kreml lacht sich derweil schlapp. Wir haben anscheinend vergessen, wofür wir stehen als westliche Demokratien. Ich frage mich: Wann wachen wir endlich auf?

Die Autorin ist Publizistin und Psychologin. Sie wurde 1987 in Kiew geboren.

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