Kommentar

Die Kränze der AfD

Matthias Meisner Foto: Dora Meisner

Kommentar

Die Kränze der AfD

Rechtsextreme nutzen das Holocaust-Gedenken zur Selbstverharmlosung. Und Demokraten lassen den Bluff durchgehen

von Matthias Meisner  25.01.2025 19:55 Uhr

Wir wollen keine Kränze der AfD! Das haben Antifaschisten neulich im sächsischen Pirna gerufen, in einer der vielen Städte in Deutschland, die aus der Geschichte viel zu wenig gelernt haben. Weil: #niewiederistjetzt. Oder ist das zu viel Wunschdenken?

1940 und 1941 schickten die Nazis in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein bei der sogenannten »Aktion T4« an die 14.000 Menschen ins Gas, sie ermordeten psychisch Kranke und geistig Behinderte. Im Dezember 2023 wählten die Bürger von Pirna den von der AfD ins Rennen geschickten Tischlermeister Tim Lochner zum Oberbürgermeister. Lochner, selbst parteilos, ist OB im Auftrag einer ohne Wenn und Aber rechtsextremistischen Partei, der erste in Deutschland seit 1945.

Kein Zusammenhang? Oh doch. Wenn am Sonntag in Pirna die zentrale sächsische Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz stattfindet, lässt sich erleben, dass beide Vorgänge miteinander zu tun haben.

Zwar haben die Organisatoren in der CDU-Staatskanzlei Lochner nicht zur Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Sonnenstein eingeladen, wohl aber zum Gedenkkonzert anschließend in der Stadtkirche, so wie alle Oberbürgermeister im Freistaat. Dorthin soll auch der AfD-Fraktionsvorsitzende im Landtag kommen, so wie alle Fraktionsvorsitzenden.

Selbst wenn nicht klar ist, ob beide teilnehmen: Die AfD verachtet die Erinnerungskultur. Aber die Demokraten lassen ihr den Selbstverharmlosungs-Bluff per geheucheltem Holocaust-Gedenken naiv durchgehen.

»Demokratisch gewählt« wird missverstanden als »demokratisch«. Die Abgrenzung von den Rechtsextremisten erfolgt, wenn überhaupt, nur klammheimlich. Der Faschismus wird normalisiert und bagatellisiert. Das ist der Alltag in Deutschland, 80 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus.

Umso erschütternder ist es, wenn sogar am Holocaust-Gedenktag das rechte Auge zugedrückt wird. Wenn demokratische Politiker Nazis nicht unmissverständlich ausladen, sondern hoffen, dass die Nazis womöglich fernbleiben.

Lesen Sie auch

Aber sie kommen eben doch: In Coswig, eine knappe Autobahnstunde entfernt von Pirna, hält ein AfD-Mann die Rede zum Holocaust-Gedenktag. Der örtliche CDU-Vorsitzende findet das nicht schlimm. Und der Oberbürgermeister dort auch nicht: Kritik aus dem Stadtrat an der Rede sei »eine Vorverurteilung«, sagt der. #niewieder war einmal.

Der Autor ist Journalist und Buchautor.

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Meinung

Ärmer durch die Wohngeldreform

Bereits heute ist mehr als die Hälfte der jüdischen Zuwanderer im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Reform drängt ausgerechnet jene dorthin zurück, die es mit eigener Lebensleistung geschafft haben, ihr zu entkommen

von Günter Jek  03.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung ist unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Meinung

Mehr Schutz durchs Grundgesetz

Was für die LGBTIQ-Gemeinschaft zutrifft, sollte auch für den Schutz jüdischer Identität gelten

von Susanne Krause-Hinrichs  26.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026

Israel

Die Eindeutigkeit der Uneindeutigen

Ben Gvirs Äußerungen sind menschenverachtend und sollten von allen verurteilt werden, denen Israel am Herzen liegt. Zugleich spiegeln sie zum Glück nicht die Gaza-Politik Israels wider

von Volker Beck  19.08.2026