Benjamin Steinitz

Der Schmerz bleibt

Benjamin Steinitz von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), fotografiert am 03.05.2017 in Berlin. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB | Verwendung weltweit Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB

Die Lichtenberger Kiezkneipe »Morgen wird besser« wurde am 14. August durch einen Brandanschlag komplett zerstört. Dem vorangegangen waren jahrelange antisemitische Bedrohungen und Anfeindungen gegenüber dem jüdischen Besitzer und seinen Angestellten. 

Die rechtsextreme Bedrohung von Jüdinnen und Juden wurde nicht erst mit dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle deutlich. Gewalt und Antisemitismus sind schon immer zentrale Bestandteile neonazistischer Ideologien. Statistisch gesehen gehen auch in der Bundeshauptstadt die meisten bekannt gewordenen antisemitischen Vorfälle von Rechtsextremen aus.

ANGRIFFE Seit vielen Jahren kommt es in der sich als weltoffen und multikulturell verstehenden Stadt Berlin zu gezielten antisemitischen Angriffen auf jüdische Gewerbetreibende, die zu oft mit den finanziellen Konsequenzen alleingelassen werden.

Die auf die wirtschaftliche Existenz und ihre persönliche Integrität abzielenden Anfeindungen gegen Dieter T. aus Reinickendorf oder Yorai Feinberg aus Charlottenburg sind hierbei leider nur die bekanntesten Beispiele. Ersterer gab seinen Traum vom koscheren Supermarkt in Berlin auf und kehrte nach Israel zurück. Feinberg hat mittlerweile aufgehört, die Anfeindungen überhaupt anzuzeigen. Es sind einfach zu viele geworden. Nun also das »Morgen wird besser«.

Eine Spendenaktion der Kiezkneipe hat es in wenigen Tagen auf mehr als 7500 Euro gebracht.

Immerhin, am 18. August fanden sich unmittelbar vor der Kneipe mehrere 100 Personen zu einer Solidaritätsveranstaltung ein. Der Berliner Justizsenator und der Antisemitismusbeauftragte des Landes hielten dort Reden. Eine Spendenaktion der Kiezkneipe auf betterplace.me hat es in wenigen Tagen auf mehr als 7500 Euro gebracht.

Ob das ausreicht, um die Kneipe rasch wieder zu eröffnen, wage ich zu bezweifeln. Selbst wenn es die finanzielle Not lindert – der Schmerz über den offen ausgelebten und gewalttätigen Antisemitismus in Berlin 75 Jahre nach dem Ende der Schoa bleibt beim Besitzer und der jüdischen Community.

RECHTSEXTREME Da scheint es besonders makaber, dass fürs Wochenende bundesweit und international von Rechtsextremen zu Versammlungen gegen die angebliche »Corona-Diktatur« nach Berlin mobilisiert wird. In den vergangenen Monaten wurden im Kontext solcher Versammlungen immer offener antisemitische Bilder und Argumentationsmuster propagiert. Leider wird es morgen erst einmal nicht so schnell besser.

Der Autor ist Gründer und Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS).

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