Sabine Brandes

Bibi, der »Putsch« und die Glaubwürdigkeit

Er ist schon länger Premierminister, als Ben Gurion es je war. Keine Frage, dass Benjamin Netanjahu einen mehr als eindrucksvollen Werdegang als Politiker vorzuweisen hat. Doch das, was er nach der Verkündung der Anklagen gegen ihn sagte, wird nur wenige umgarnen. Schuld an seiner Misere sind für ihn nur die anderen: in erster Linie »die Linken«, die ihn so angeblich von der Macht putschen wollen.

BLAU-WEISS Tatsächlich aber hat die Zentrumsunion Blau-Weiß die Wahlen gewonnen. Zudem war Netanjahu bereit – und ist es nach eigenen Angaben immer noch –, mit ihnen zu koalieren. Unwahrscheinlich, dass er dies mit echten Putschisten tun würde.

Netanjahus Forderungen klingen eher nach denen eines Despoten als nach denen eines Ministerpräsidenten einer Demokratie.

Beschuldigungen umzukehren und die Polizei zu verunglimpfen, steht niemandem gut zu Gesicht. Dass Netanjahu Ermittlungen gegen die Ermittler fordert, klingt eher nach einem Despoten als nach dem Ministerpräsidenten einer stabilen Demokratie.

RÜCKKEHR Natürlich gilt der Grundsatz »im Zweifel für den Angeklagten« auch für einen Premierminister. Netanjahu hätte die Chance gehabt, seine Unschuld zu beweisen und im Amt zu bleiben. Präsident Rivlin und Blau-Weiß hatten ihm mehrfach vorgeschlagen, eine Einheitsregierung mit Rotation des Ministerpräsidentenamtes zu bilden und sich im Falle einer Anklage beurlauben zu lassen. Sollten sich die Beschuldigungen dann allesamt als unwahr herausstellen, hätte Netanjahu wieder auf dem Chefsessel Platz nehmen können.

Mit der Rede vom Putsch aber hat er sich keinen Gefallen getan. Er sollte sich für eine Weile zurückziehen und im Falle der Unschuld mit einem charmanten Lächeln wiederauftauchen. Stattdessen aber verlangt er, dass alle nur ihm glauben, während die anderen Lügner und Putschisten seien. Das ist zu viel. Imposanter Werdegang hin oder her.

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Meinung

Ärmer durch die Wohngeldreform

Bereits heute ist mehr als die Hälfte der jüdischen Zuwanderer im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Reform drängt ausgerechnet jene dorthin zurück, die es mit eigener Lebensleistung geschafft haben, ihr zu entkommen

von Günter Jek  03.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026

Kommentar

Intifada-Party bei der Linken

Für Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, kommt der jüngste Antisemitismus-Skandal ihrer Partei zur Unzeit. Doch ihre Empörung ist unglaubwürdig

von Ralf Balke  01.09.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Meinung

Mehr Schutz durchs Grundgesetz

Was für die LGBTIQ-Gemeinschaft zutrifft, sollte auch für den Schutz jüdischer Identität gelten

von Susanne Krause-Hinrichs  26.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026

Israel

Die Eindeutigkeit der Uneindeutigen

Ben Gvirs Äußerungen sind menschenverachtend und sollten von allen verurteilt werden, denen Israel am Herzen liegt. Zugleich spiegeln sie zum Glück nicht die Gaza-Politik Israels wider

von Volker Beck  19.08.2026