Michael Thaidigsmann

Belgische Messerstiche

Michael Thaidigsmann Foto: privat

Was ist los im Königreich Belgien? Ist es die Sommerpause, in der das Land in eine Art Dornröschenschlaf versinkt? Oder zuckt man mit den Achseln, weil es um lästige Themen wie Antisemitismus geht?

Am Sonntag veröffentlichte das Wochenmagazin »Humo«, einst mit 250.000 Exemplaren auflagenstärkste Zeitschrift im niederländischsprachigen Landesteil, den neuesten Erguss des flämischen Dichters, Schriftstellers und Kolumnisten Herman Brusselmans (66).

Es ist ein Text, der nur so strotzt vor Judenhass und der fast kein antisemitisches Klischee auslässt. Den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nennt der Autor einen »kleinen, dicken, glatzköpfigen Juden«, das israelische Militär ist für ihn eine kindermordende »Scheißarmee«.

Schlimmer noch: Brusselmans hasst wegen des Krieges gegen die Hamas nicht nur die Israelis. Er hasst auch belgische Juden. Und er hegt Gewaltphantasien.

Ganz offen und ungerührt schreibt er: »Ich sehe das Bild eines weinenden und schreienden palästinensischen Jungen, der völlig außer sich ist und nach seiner Mutter ruft, die unter den Trümmern liegt, und ich stelle mir vor, dass der Junge mein eigener Sohn Roman ist und die Mutter meine Freundin Lena, und ich werde so wütend, dass ich jedem Juden, dem ich begegne, ein spitzes Messer in die Kehle rammen möchte.«

Reaktionen auf die Kolumne? Weitgehend Fehlanzeige. Kaum ein belgischer Politiker äußerte sich bislang dazu. Wahrscheinlich ist man kollektiv im Urlaub und liest keine Zeitung.

Jene, die dennoch Solidarität zeigten, waren das, was man gemeinhin »die üblichen Verdächtigen« nennt: die wenigen Freunde und Verbündeten, die die jüdische Gemeinschaft in Belgien noch hat. Ansonsten muss sie sich selber helfen.

Von Nichtregierungsorganisationen, die eigentlich mit dem Kampf gegen den Hass betraut sind und dafür auch öffentliche Fördergelder erhalten, war zunächst nicht viel zu vernehmen.

Die Humo-Chefredaktion verwies lapidar darauf, dass Brusselmans‘ Kolumne doch gar nicht ernst gemeint gewesen sei. Inhaltlich wollte sie nicht Stellung beziehen. »Die Aussagen von Herman Brusselmans sind Teil einer satirischen Kolumne, nicht eines journalistischen Artikels oder eines Interviews. Wer die ganze Kolumne gelesen hat, dem ist klar, dass Herman die Sätze nicht wörtlich gemeint hat.«

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Laut Humo ist Brusselmans sogar »ein gefeierter und angesehener Schriftsteller, der in seinen zahlreichen Büchern und Texten gerne flucht und schimpft, wobei er gerne Hyperbeln und obszöne Sprache verwendet.« Seine Kolumnen müssten daher »nach literarischen und nicht nach journalistischen Maßstäben beurteilt werden«, so die Redaktion. Und: »Bei satirischen Schriftstellern wie Herman Brusselmans darf das Geschriebene nie hundertprozentig wörtlich genommen werden. Deshalb hat die Redaktion auch nicht in den Text unseres Kolumnisten eingegriffen.«

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Man fragt sich: Will das Blatt seiner Leser für blöd verkaufen? Will es wirklich eine Mordphantasie im Zusammenhang mit Juden als »Witz« präsentieren? Hat die Redaktion geflissentlich übersehen, dass auch in Belgien seit dem 7. Oktober der Judenhass dramatisch angestiegen ist?

Belgiens Juden werden von großen Teilen der Politik und der Gesellschaft schlicht und einfach im Stich gelassen. Selbst bei Gewaltaufrufen springen ihnen nur wenige bei. Stattdessen muss die jüdische Gemeinschaft sich selbst gegen die Angriffe wehren, muss selbst die Justiz anrufen – mit ungewissem Ausgang.

Krude Äußerungen wie die von Brusselmans sind zwar selten, aber sie zeigen, wie es unter der Oberfläche aussieht. Der Ruf Belgiens als einem toleranten Land, in dem Minderheiten frei von Angst leben können, ist ein schöner Schein. Er ist mittlerweile aber Fake News, wie man heute sagen würde. Wie sonst käme eine Zeitschrift wie »Humo« – eine Mischung aus »Stern«, »Hörzu« und »Eulenspiegel« – dazu, einen derart primitiven Text zu veröffentlichen?

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Hätte der Kolumnist anstelle der Juden Muslime oder Christen zur Zielscheibe seines Hasses gemacht, die Empörung wäre groß gewesen. Und das auch völlig zu Recht.

Da es aber um Juden geht und um »Israelkritik«, lässt man Brusselmans so ziemlich alles durchgehen. Dass er Belgiens Juden kollektiv für die Handlungen der israelischen Armee in Haftung nimmt und dann suggeriert, die Sache mit einem Messer regeln zu wollen? Alles nur Satire, es soll alles nur ein Witz sein. Wer’s glaubt, wird selig.

Nein, die Wahrheit ist doch: Wer zu einem Pogrom, zur Lynchjustiz gegen Juden aufruft, der ist nicht witzig. Er meint es - die Geschichte hat es schon oft gezeigt - meistens bitter ernst. Das sollte man auch in belgischen Redaktionsstuben wissen.

Die Humo-Redaktion will es offenbar nicht wissen. Sie nimmt die Sache nicht ernst. Man kann nur hoffen, dass die belgische Justiz es tut. Aber die ist womöglich auch wegen Ferien geschlossen.

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