Essay

Zwischen Räumen

Der Maler Navot Miller in der Kunsthalle Düsseldorf Foto: privat/NM

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026 11:49 Uhr

Als mein Flug von Turin nach Paris startet – auf dem Weg zurück nach New York City –, ist es ein sehr früher Morgen Anfang März 2026. Mein Flugzeug schneidet durch die Wolken und erscheint wieder in dieser Welt aus Wind, Sternen und Leere, in der ich zwar nur manchmal bin, aber die ich sehr zu schätzen gelernt habe.

Ich mache es mir hier oben bequem, über den vielen schönen, seltsam geformten Wolken unter mir. Fliegen ist nicht neu für mich, aber in der Welt, in der ich jetzt lebe – die Welt nach dem 7. Oktober 2023 – empfinde ich hier oben ein seltsames Gefühl von Zugehörigkeit.

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Im Rumpf des Flugzeugs fühlt sich dieser Raum über Bergen und Flüssen, Häusern und Feldern, Seen, Städten und Tunneln, Wirtschaft und Aktienmärkten, Politik und Streit, Verkehr und Diskussionen an wie ein vorübergehender Schutz. Für kurze Zeit gibt es keine Räume, die ich deuten muss, es gib keine Gesichter, die ich verstehen muss und keine Notwendigkeit darüber zu verhandeln, wer ich bin oder was ich denke.

Ich war gleichzeitig in diesem Moment und Beobachter von ihm.

Dieser Moment erinnert mich an ein Bild, das ich vor kurzem beendet habe: Eines von meinen Freunden, die in einer Berghütte in den französischen Alpen eine Pause machen. Micky meditiert, Javi liest auf seinem Kindle und Iñigo schläft. Ich war gleichzeitig in diesem Moment und Beobachter von ihm – von meinen Freunden, die sich von der Welt da draußen ausruhen. Es war ein wunderoller Moment. Und während ich daran denke, merke ich, dass wir gerade über genau diesem Ort fliegen, während wir die Alpen zwischen Italien und Frankreich passieren.

Die Kunstwelt, die Partywelt, die queere Welt – Viele dieser Räume fühlen sich jetzt leer für mich an.

Hier oben denke ich über die Welt nach, die ich verlassen habe. Mein Leben in Berlin, das Gefühl von Zugehörigkeit, das ich dort aufgebaut habe, und die Menschen, mit denen ich dort aufgewachsen bin – Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie so verwirrt sein können.

Ich denke auch an die Welt, in die ich zurückkehre, sobald das Flugzeug gelandet sein wird: New York, London, Mexiko-Stadt und Berlin. Die Kunstwelt, die Partywelt, die queere Welt, die sogenannte liberale Welt. Viele dieser Räume fühlen sich jetzt leer für mich an.

Sogar Institutionen, die ich einmal bewundert habe, wirken manchmal hohl. Ich habe Heuchelei in der Theorie verstanden, aber nicht ihre Realität – diese gezielte Stille, diese gezielte Wut, die selektiven Narrative. In manchen Räumen zensiere ich mich selbst, um dazuzugehören. In anderen verpacke ich meine Werte und Ansichten, die jetzt als offensiv gesehen werden können.

Ich bete oft und bitte Hashem um die Kraft, weiter Toleranz und Respekt zu haben.

Ich denke über meine Wünsche nach – die Orte, die ich sehen will, das Leben, das ich noch aufbauen will. Ich denke auch über die Absurditäten in der professionellen Welt nach, in der ich mich teilweise bewege – die sogenannte Kunst-, intellektuelle, liberale, feministische Welt.

Ich denke über jüdische Schulen, Krankenhäuser und Industrien wie Hollywood nach – Institutionen, die oft ihren Ursprung in einem Ausschluss hatten: Krankenhäuser wurden gegründet, weil Juden Behandlung verweigert wurde. Schulen wurden gegründet, weil Juden ausgeschlossen wurden. Ganze Industrien wurden jüdisch, weil Juden in anderen Berufen nicht willkommen waren.

Ich bete oft und bitte Hashem um die Kraft, weiter Toleranz und Respekt zu haben gegenüber Menschen, mit denen ich absolut nicht übereinstimme.

Ich denke an Gespräche mit Freunden in den vergangenen zwei Jahren in Berlin und an das, was ich gehört habe nach diesem blutigen Samstagmorgen – Vergewaltigung, Verstümmelung, Folter und Missbrauch.

Die Wut kommt zurück – dieses kochende Gefühl in meiner Kehle – wenn ich mich daran erinnere, was viele meiner sogenannten Freunde an diesem Tag gesagt haben.

Meine Trauer zu halten ist schwierig. Ich versuche, mich auf andere Dinge zu konzentrieren, und ich weine meistens nur, wenn ich allein im Studio bin – eine Art Weinen, die ich früher nicht kannte: sie ist leise, schmerzhaft und tief.

Durch das Fenster, an das ich meinen Kopf im Flugzeug lehne, sehe ich, dass es heller wird. Über der weichen grauen Wolkendecke sehe ich einen Himmel in vielen Farben – ein Kaleidoskop aus Blau, Orange und Pink, das still den Sonnenaufgang ankündigt.

Die Wut, der Schock, der Schmerz – sie bleiben.

Ich merke, dass ich hier oben die Zerbrechlichkeit des Lebens besser verstehe. Das Flugzeug selbst wirkt auf mich wie ein fragiles Objekt – der Unterschied zwischen »alles funktioniert« und »alles funktioniert nicht« ist tödlich. Es fühlt sich wie eine Metapher auf das Leben an. Ironischerweise habe ich Angst vor dem Fliegen, und je älter ich werde, desto größer wird diese Angst. Ich bekomme Panik, wenn das Flugzeug plötzlich eine ruckartige Bewegung macht, die meine Sitznachbarn beunruhigt. Und trotzdem kann meine Trauer hier oben auf eine Weise schweben, die am Boden nicht möglich ist. Es ist eine stille, ernste Nähe, die ich mit mir trage.

Immer wieder denke über mein altes Leben in Berlin nach und über die Menschen, die in dieser neuen Realität Brutalität und Gewalt blockiert, ignoriert, entschuldigt, relativiert oder gerechtfertigt haben – und die es immer noch tun. Die Wut, der Schock, der Schmerz – sie bleiben. Ich glaube nicht, dass sie verschwinden, aber ich hoffe, dass ich lernen kann, mit ihnen zu leben.

Während wir uns auf die Landung vorbereiten und unseren Sinkflug auf den Flughafen »Charles de Gaulle« beginnen, sage ich das Birkot Hashachar und schaue auf das langsame Licht, während wir wieder in diese trennende Wolkenschicht tauchen – die Schicht, die meine Welt oben von meiner Welt unten trennt:

»Modeh Ani Lefanecha Melech Chai VeKayam, Shehechezarta bi nishmati bechemla raba emunatecha.«

Und während ich das sage, denke ich an Rachel Goldberg-Polin, die in der Trauerrede für ihren Sohn Hersh, der in Gefangenschaft in Gaza ermordet wurde, sagte: »Ok, sweet boy, go now on your journey. I hope it’s as good as the trips you dreamed about, because finally, my sweet boy, finally, finally, finally, finally you are free.« Bei diesen Worte brechen ich jedes Mal, wenn ich ihre Rede höre, zusammen.

Warum schreibe ich das? Wofür? Bin ich ein Opfer? Nein. Bin ich so wichtig? Nein.

Zurück in New York fahre ich jeden Tag mit der Subway zum Studio und zurück, und ich frage mich: Warum schreibe ich das? Wofür? Bin ich ein Opfer? Nein. Bin ich so wichtig? Nein.

Ist das für mich oder für andere? Manche werden das lesen und sagen: Seht ihr: Er gibt allen anderen die Schuld. Ich kann mir vorstellen, wie ehemalige Freunde das lesen und die Augen verdrehen. Ein Freund schickt mir manchmal einen WhatsApp-Sticker von einer Kreditkarte mit dem Text: »Victim Card«

Warum schreibe ich das? An einem Sonntagabend im L-Train nach Bushwick habe ich die Antwort verstanden.

Wie in meiner Kunst entscheide ich, was ich festhalten will – eine Person, einen Moment oder einen Ort, der mir wichtig ist. Wie ein Stempel im Pass oder ein Foto schreibe ich das, damit ich mich erinnere – wie ein Tagebucheintrag, den ich in 30 Jahren erneut lesen kann, um zu sehen, wo ich im März 2026 war und wie sich die Welt angefühlt hat.

Es gibt diesen seltsamen Zwischenraum, in dem ich lebe. Wenn ich an die Menschen in Israel denke, die den 7. Oktober 2023 erlebt haben, fühlt sich mein Schmerz zu klein an. Aber in der Diaspora verstehen die Menschen um mich herum nicht ganz, warum mich dieser Tag so verändert hat. Es fühlt sich oft wie ein Tabu an, darüber zu sprechen.

Deshalb mache ich etwas, das ich nur als stille, zurückgehaltene Trauer beschreiben kann. Viele um mich herum würden es nicht verstehen oder würden mich beurteilen. Gleichzeitig fühlt sich mein Schmerz im Vergleich zu dem in Israel fast nicht legitim an – eine leise Trauer zwischen Welten.

Ich denke darüber nach, was ich aus der alten Welt vermisse. Ich vermisse, nicht zu wissen, wie Menschen reagieren würden. Ich vermisse, wie leicht ich mit ihnen gelacht habe.

Manchmal frage ich mich, ob ich überreagiere. Aber es geht nicht wirklich um Wut oder sogar Vergebung. Ich vergebe vielen von ihnen. Die Tora lehrt das, und ich nehme das mit mir.

Aber ich kann nicht vergessen. Juden haben nicht das Privileg zu vergessen. Trotzdem versuche ich, mich auf Schönheit zu konzentrieren: die Patagonische Wüste, die ich liebe, endlose Sonnenblumenfelder, Gletscher, Bäume, Schnee.

Ich habe gemerkt, dass der schwerste Moment meines Tages zwischen Aufwachen und Aufstehen für den ersten Kaffee ist – dieser halbwache Zustand, in dem alles grau wirkt. In diesen Momenten zweifle ich an allem: Partner, Karriere, ehrliche Freundschaften, Parnassa, Gesundheit, sogar an meinen Haaren.

Wenn ich da liege und auf mein Handy schaue, fühlt sich das Leben am schwersten an. Also frage ich mich wieder: warum schreibe ich das?

Für mein zukünftiges Ich – damit ich mich erinnere, wie sich die Welt einmal angefühlt hat.

Ich schreibe das, um damit umzugehen, um festzuhalten, wo ich jetzt bin – in Zweifel, in Fragen, im Versuch zu verstehen, was sich verändert hat. Um diesen stillen Schmerz anzuschauen.

Vielleicht gibt es andere, die sich ähnlich fühlen, aber keine Worte dafür haben. Vielleicht werde ich das eines Tages lesen und es besser verstehen. Oder vielleicht auch nicht.

Die Wolken sind flach, einfach, lang und dünn. Sie erinnern mich an die Schmura Mazza, die ich beim Seder gegessen habe.

Ich bin wieder in meiner Lieblingswelt, die ich nach der Landung in New York verlassen habe. Als mein Flugzeug in Newark startet, durchqueren wir durch eine dünne Schicht Nebel – Weiß und Grau und unbeschreibliche Wolken. Sie sind flach, einfach, lang und dünn. Sie erinnern mich an die Schmura Mazza, die ich beim Seder gegessen habe. Diese stillen, schnellen Wolken und die untergehende Sonne bringen mich wieder in diesen Raum von Stille und Gedanken.

Ich schreibe diesen letzten Absatz nach Gesprächen mit verschiedenen Menschen im letzten Monat. Nach meiner Freundschaft mit Pinny – eine ungewöhnliche, sehr tief denkende Person, deren Kampf mich stark inspiriert. »Wenn du kämpfst, bist du lebendig«, hat er mir einmal gesagt.

Wir sprachen über Israel, Malerei, Neschama, Messias, Glauben. Seine Präsenz hat mir etwas Seltenes gegeben. »Ich glaube nicht, dass die Antwort auf den Holocaust ist, dem Juden eine Waffe zu geben«, sagte er einmal. Oder »Ich habe noch nie so viele Gräber von 20-Jährigen gesehen wie auf dem Har Herzl.« Dieser Satz blieb wochenlang bei mir.

Als ich davon Rabbi Schneur Levi in Crown Heights erzähle, sagte er: »Der einzige andere Ort mit so vielen Gräbern von jungen Menschen ist Europa. Das hat er vergessen.« Das hat mich noch stärker getroffen.

Juden streiten endlos. Irgendwo darin habe ich aufgehört zu fragen, warum ich so fühle. Das Ergebnis ist kein Frieden.

Ich fliege zurück nach Deutschland, um meine Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf zu eröffnen, aber zuerst geht es nach Berlin. Es ist schwer, nicht das zu malen, was mich wirklich beschäftigt – die Heuchelei meiner Welt, der fehlende Raum für Schmerz. Manchmal hasse ich mich dafür. Ich bin ein Feigling.

Als sich meine fliegende Röhre von Nordamerika entfernt, schaue ich nach draußen. Die Wolken sind dicker geworden, ein weiches, endloses Feld. Das letzte Licht färbt alles in Orange und Pink und Grau und Blau.

Mein Lieblingsmoment: Das kurze Verschwinden der Sonne in den Farben um sie herum. Ich habe immer noch nicht die Wörter, um dieses Wunder zu beschreiben.

Meine Gedanken: Meine Eltern. Wo sein. Mit wem sein. Warum. Geld. Zeit. Wofür. Nadav. Gali.

Ich drücke meinen Kopf gegen das Fenster, und denke über New York nach. Darüber, wie schwierig es sich anfühlt, und ob diese Welt – Galerien, Sammler, Kuratoren – wirklich für mich ist.

Der Berliner Rebell ist noch in mir.

Ein Treffen mit einer Galerie auf der Upper East Side hat mich enttäuscht. Meine Idee wurde abgelehnt. Ein Tag voller Zweifel kam danach.

Dann kam etwas zurück. Mein Berliner Ich. Na und? Also einem Galeristen hat es nicht gefallen. Na und? Der Berliner Rebell ist noch in mir.

Der Himmel wird dunkel. Der Atlantik unten. Die Angst, mitten darin abzustürzen. Das rote blinkende Licht am Flügel des Flugzeugs – wie ein Herzschlag.

Das Leben geht weiter.

Langsam kommt das Licht zurück, als wir Europa erreichen in den frühen Morgenstunden an einem Samstag.

Mein Zuhause. Mein ehemaliges Zuhause. Mein Widerspruch. Wir landen.

Passkontrolle. Ein »Bolt« nach Mitte. Auguststraße. Samstag von Ostern. Früher Morgen; leere Straßen. Ich denke an das Leben, das ich hier aufgebaut habe. Die Morgen nach dem Berghain. Die Person, die ich geworden bin.

Ich parke das Auto, steige aus. Und in der Stille breche ich in Tränen aus.

Navot Miller stellt bis zum 10. Mai in der Kunsthalle Düsseldorf im Rahmen von »Work in Progress« aus.

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