»Alles außer gewöhnlich«

Ziemlich beste Menschen

Vincent Cassel als jüdischer Betreuer Bruno (r.) Foto: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Carole Bethuel

Sie hätten es sich so einfach machen können! Nach dem Riesenerfolg von Ziemlich beste Freunde, der lebenslustigen Freundschaftsgeschichte eines Querschnittsgelähmten und seines anfangs unwilligen Pflegers, standen den französischen Regisseuren Éric Toledano und Olivier Nakache alle Türen offen – bis nach Hollywood. Doch die Söhne sefardischer Einwanderer aus Marokko und Algerien blieben lieber ganz bei sich.

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»Der Erfolg von Ziemlich beste Freunde hat uns die enorme Freiheit gegeben, die Filme zu machen, die wir wollen«, sagte Toledano im Interview mit dem Filmbranchenblatt »Variety«. So wurde auch der seit fast 20 Jahren erdachte und geplante Alles außer gewöhnlich möglich, die auf wahren Umständen basierende Geschichte des orthodoxen Juden Bruno und des praktizierenden Muslims Malik, die sich in eigens aufgebauten, vom Staat nicht unterstützten Einrichtungen um autistische Schwerstfälle kümmern, die besonders aggressiven, lauten, unberechenbaren jungen Menschen, die keine Pflegeeinrichtung sonst aufnehmen will. Die Aufgegebenen der Gesellschaft.

»Alles außer gewöhnlich« basiert auf der wahren Geschichte des orthodoxen Juden Bruno und des praktizierenden Muslims Malik.

Die schwierige Aufgabe, aus diesem Thema einen Mainstream-tauglichen Film zu machen, liegt sicher auf den Schultern der wunderbaren Hauptdarsteller Vincent Cassel als Bruno und Reda Kateb als Malik, die ihren realen Vorbildern entsprechend auf Spenden und Mitmenschlichkeit angewiesen sind, um ihren Schützlingen ein besseres Dasein zu ermöglichen, als durch starke Medikamente sediert und ruhiggestellt zu werden, wie es viel zu häufig der Fall ist.

NOTFALL Für die notwendige Portion Leichtigkeit sorgen unter anderem Menachem und Menachem, Besitzer eines koscheren Delis, die Brunos Einrichtung mit Essen versorgen und am liebsten auch gleich deren ledigen Leiter unter die Haube bringen würden. So findet sich der durch einen Pflegenotfall nach dem anderen bereits komplett ausgelastete Bruno im Schidduch-Stress wieder. »Schidduch? Ist das Tinder für Juden?«, fragt einer seiner jungen Helfer.

Die Söhne sefardischer Einwanderer aus Marokko und Algerien bleiben filmerisch lieber ganz bei sich.

Toledano und Nakache ist eine waschechte Tragikomödie gelungen, in der es für jeden Lacher mindestens zwei Tränen gibt: wenn der Autist Joseph mal wieder in der Bahn die Notbremse zieht und Bruno sich freut, dass der junge Mann es diesmal immerhin fast bis zur gewünschten Station geschafft hat. Wenn eine Mutter, die ihr gesamtes Leben darauf ausgerichtet hat, für ihr krankes Kind da zu sein, fragt, was aus dem Sohn werden soll, wenn sie nicht mehr ist. Wenn Brunos Einrichtung von klischeehaft grauen Funktionären des Gesundheitsministeriums auseinandergenommen wird, weil er so »unorthodox«, ohne staatliches Plazet und Diplom, arbeitet, aber die Behörden keinerlei Alternative zu Einrichtungen wie der seinen bieten.

ZIZIT »Wir wissen nur, dass wir ihnen helfen müssen«, erklärt Bruno einmal seine totale Hingabe. Und bringt trotz des täglichen Kampfes auch noch Verständnis für die Mutter auf, die ihren kranken Sohn in ihre Heimat Kamerun bringen will, wo Heiler ihn vom Dämon befreien sollen, der ihn befallen habe. »Wir alle suchen nach Erklärungen und halten uns an unserem Glauben fest«, sagt der Mann mit den Zizit.

Alles außer gewöhnlich ist so menschlich, dass man es in den eigenen Knochen knacken spürt. Jede persönliche Wahrheit taugt hier meist auch zur universellen. Es geht um die große Familie, die die Menschheit eigentlich ist, die aber zunehmend in Vergessenheit gerät. Die Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache sind wieder angetreten, um ihr Publikum daran zu erinnern.

Heute Abend um 20.15 Uhr auf 3sat.

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