ARD Film

»Zerrissenheit kann man nicht erklären«

Barnaby Metschurat in der Rolle als Albert Göring Foto: NDR/ Beate Wätzel

Herr Metschurat, Sie spielen in dem ARD-Dokudrama »Der gute Göring« die Rolle des Albert Göring, des Bruders von Hermann Göring, der im Dritten Reich zahlreichen Juden geholfen hat. Was hat Sie an der Rolle gereizt?
Als ich die Rolle angeboten bekam, habe ich sofort zugegriffen, weil ich von dem Drehbuch begeistert war. Es ist ein Thema, mit dem ich mich überhaupt nicht auskannte. Ich hatte nur ein allgemeines Bild von Hermann Göring, dem zweiten Mann im Dritten Reich. Aber dass er einen Bruder hatte, wusste ich nicht. Dass sein jüngster Bruder diese Vergangenheit hat, hat mich doch sehr überrascht und neugierig gemacht.

Das haben Sie erst aus dem Drehbuch erfahren?
Genau, rein aus dem Drehbuch, ich wusste davon gar nichts. Das war mir Grund genug, zuzusagen und mich zu bedanken, dass mir die Rolle angeboten wird. Ich habe mich natürlich informiert, wer den Film macht. Der Regisseur Kai Christiansen hat Erfahrung mit seinem Genre, er hatte ja vorher schon den Film über Otto Weidt gemacht, den Leiter der Berliner Blindenwerkstatt, der seine jüdischen Mitarbeiter geschützt hat – »Ein blinder Held«. Da war klar, dass ich mit an Bord bin.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie Albert Görings Biografie und andere Bücher gelesen?
Nein, gar nicht. Ich wollte mich nicht erdrücken lassen von zu vielen Informationen. Obwohl es nun auch nicht allzu viele Informationen über Albert Göring gibt. Man muss schon ein bisschen graben und findet dann natürlich ein paar Anhaltspunkte. Es gibt auch eine Dokumentation der BBC. Ich hatte den Vorteil, dass die wenigsten Menschen ein Bild von Albert Göring haben, weil sie eben noch nie von ihm gehört haben. Von daher musste ich auch keine bestimmte Vorstellung erfüllen. Bei Hermann Göring ist es schwieriger, da muss man dem Bild des Zuschauers gerecht werden. Bei Albert Göring war ich recht frei in der Gestaltung, weil niemand ihn kennt. Ich denke, dass es bei der Figur auch nicht darum ging, ihn körperlich, äußerlich darzustellen, sondern die Zerrissenheit seiner Geschichte und seines Handelns nachzuvollziehen. Da war mein Zugang. Ich mache das oft so, dass ich dem Drehbuch glaube, dass es gut recherchiert ist, und meinem Partner, dem Regisseur, vertraue, dass er weiß, was er tut, und mich dann daran halte, wie die Figur im Buch handelt.

Haben Sie vorher mit Zeitzeugen und Nachfahren gesprochen?
Ich habe mich nur auf das Drehbuch verlassen. Das hat mir vollkommen gereicht, weil die Szenen sehr eindeutig zeigten, worum es geht, und genug Material geboten haben: Es sind Begegnungen zweier Brüder, die sehr unterschiedlich sind und sich trotzdem immer wieder treffen. Das alleine birgt so viel Spannung, denn die Situationen waren eindeutig in ihrer Zweideutigkeit. Denn die Frage ist sehr spannend, warum Albert Göring sich überhaupt immer wieder mit seinem Bruder eingelassen hat. Das ist auch eine sehr schizophrene Geschichte. Obwohl er so vielen Menschen geholfen hat, war er auf der anderen Seite eben auch ein Göring. Das will einem nicht sofort in den Kopf, man hat normalerweise das Bild eines Helden, der nur Gutes tut, oder aber eines Schurken.

Sie sagen ja selbst, man weiß nicht viel über Albert Göring. Wie haben Sie Ihre Rolle denn angelegt?
Ich hoffe, das sieht man im Film. Ich habe mich einfach so, wie ich mich schauspielerisch immer bewege, in Situationen hineingeworfen. Ich wusste, der Mann ist relativ gebildet, in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, er war von Anfang an ein Antifaschist und Demokrat. Seinen Bruder hat er zuerst nicht für voll genommen in seinen politischen Ambitionen. Da setze ich an. Und dann entwickelt sich die Geschichte so, dass Albert Göring merkt, wie das scheinbar Unmögliche, das er sich nie hatte vorstellen können – dass die Nazis an die Macht kommen –, wirklich passiert. Er versucht auf seine Art und Weise, seine Macht zu nutzen, um gegen dieses Regime … nicht zu kämpfen, aber das zu tun, was er tun kann. Und auf der anderen Seite will er auch sich selbst schützen. Es ist diese Zerrissenheit, die kann man gar nicht erklären, die ist wenig rational – ein reines Menschsein, wo man sich in einem Moment so verhält, in einem anderen so. Das versuche ich auf den Fernsehschirm zu bringen, indem ich mich in die Situation hineinbegebe und es dem Zuschauer überlasse, sich eine Meinung zu bilden.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie jetzt besser verstanden haben, wer Albert Göring ist – ist Ihnen der Mensch näher gekommen?
Sein Verhalten während des Dritten Reichs kann ich einigermaßen nachvollziehen. Er hatte große Angst, er hatte andererseits auch große Liebe in sich – große Menschenliebe, aber auch große Frauenliebe. Und es war auch eine sehr aufregende, intensive Zeit. Wenn man Todesangst hat, erlebt man eine Zeit natürlich viel intensiver. Nach 1945 weiß man kaum etwas über ihn. Er hat ja noch über 20 Jahre gelebt, sich aber nie geäußert zu seinen Taten, außer in den Gerichtsverhandlungen. Er musste sich ja irgendwie rechtfertigen, was er als Göring getan hat. In den Jahren danach hat er kaum Arbeit gehabt und ist in Armut und Obskurität versunken. Heutzutage gibt es solche Menschen nicht mehr, weil jeder Mensch, der mal einer Katze vom Baum geholfen hat, sofort bei RTL2 landet. Er hat nicht einmal irgendwas aufgeschrieben. Also in dieser Zeit verstehe ich ihn nicht. Andererseits ist er mir auch sympathisch, weil er es nicht an die große Glocke gehängt hat. Mir macht es Mut und Hoffnung, dass es solche Menschen gibt, weil man dazu neigt, immer eindeutige Antworten haben zu wollen. Aber Menschen sind nicht so einfach zu begreifen. Er hat viele Dinge getan, die nicht so schön waren – oft geheiratet, seine Kinder allein gelassen –, aber er hat auch viel Gutes getan.

Mit dem Schauspieler sprach Ingo Way.

»Der gute Göring«. Sonntag, 10. Januar, 21.45 Uhr, ARD. Regie: Kai Christiansen. Mit Barnaby Metschurat, Francis Fulton-Smith, Anna Schudt, Natalia Wörner u.a.

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