Jim Jarmusch versteht es meisterlich, aus zwischenmenschlichen Kleinkonstellationen existenzielle Wahrheiten zu destillieren, lakonisch, subtil, wie nebenher und doch oft eindrücklich. Gerne hat der 73-jährige Independent-Filmer dafür die episodische Form gewählt. In Night on Earth trafen sich Menschen in verschiedenen Städten rund um den Globus in Taxis, in Coffee and Cigarettes bei (wie bereits der Titel verrät) Kaffee und Zigaretten.
Episodisch ist auch Father Mother Sister Brother angelegt: drei Geschichten über Eltern-Kind-Beziehungen. Beim Filmfestival in Venedig wurde Jarmusch dafür mit dem Goldenen Löwen, dem Hauptpreis, ausgezeichnet. Das war ein Statement in einem Jahrgang mit politisch brisanten und nicht wenigen »lauten« Filmen. Wobei Father Mother Sister Brother nach Charakterstudien wie Broken Flowers über einen gealterten Playboy, Paterson über einen dichtenden Busfahrer oder zuletzt der Zombiefilm The Dead Don’t Die sogar für Jarmuschs Verhältnisse reduzierter und zurückhaltender denn je daherkommt.
In der ersten Episode »Father« besuchen zwei erwachsene Geschwister (Adam Driver und Mayim Bialik) ihren Vater (Tom Waits) irgendwo in New Jersey. Während die beiden sich um den Gesundheitszustand und die finanzielle Absicherung ihres alten Herrn sorgen, blinkt an dessen Arm eine neue Uhr. Wer spielt hier welche Rolle?
Jarmuschs alter Freund Tom Waits ist der Anker
Tom Waits ist der Anker, Jarmuschs alter Freund und Stammschauspieler braucht nicht viel und ist doch ein tragikomisches Ereignis in diesem Aufeinandertreffen verschiedener Welten und Erwartungen. Neben Adam Driver, der in Paterson die Hauptrolle spielte, überzeugt auch Jarmusch-Neuzugang Mayim Bialik mit zurückhaltendem Spiel. Die Schauspielerin mit polnisch-jüdischen, tschechisch-jüdischen und ungarisch-jüdischen Vorfahren ist spätestens durch ihre Rolle der nerdigen Dr. Amy Farrah Fowler in der Serie The Big Bang Theory weltberühmt geworden.
Wer kennt das nicht, diese Elternbesuche, in denen plötzlich die alten Eltern-Kind-Rollen wieder aufpoppen?
In der zweiten Episode »Mother« kommen zwei ungleiche Schwestern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) zum Pflichtbesuch in die prunkvolle Dubliner Wohnung ihrer Mutter (Charlotte Rampling), einer Bestsellerautorin. Man unterhält sich höflich bei Tee, alles wirkt streng und organisiert, auch hier erzählen die Leerstellen der Erzählung, die Blicke und Gesten, mehr über die Beziehungen als die Gespräche selbst.
Im Zentrum der dritten Episode »Sister Brother« schließlich klafft eine unüberbrückbare Lücke. Ein aus den USA stammendes Zwillingspaar (Indya Moore und Luka Sabbat) fährt mit dem Auto durch Paris. Ihr Ziel: das Apartment der bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Eltern. Die beiden sind in der Stadt, um die Wohnung, in der sie groß geworden sind, und damit den Ort, in den sich die Geschichten ihrer Familie eingeschrieben haben, auszuräumen. Es ist ergreifend, wie Jarmusch die Leere in den vier Wänden einfängt.
Es geht um eingeschliffene Verhaltensmuster, um Entfremdung und Enttäuschungen
Nach eigenem Drehbuch inszeniert Jarmusch drei inhaltlich getrennte, thematisch aber sehr wohl miteinander verbundene Geschichten. Es geht um eingeschliffene Verhaltensmuster, um Entfremdung und Enttäuschungen, zugleich um Liebe und familiäre Verbundenheit. Auch wenn die zweite Episode etwas abfällt, so stecken doch in jeder universelle Erfahrungen.
Wer kennt das nicht, diese Elternbesuche, in denen plötzlich die alten Eltern-Kind-Rollen wieder aufpoppen, die sich bei manchen nie ganz abschütteln lassen. Die Momente, in denen die Eltern einem wechselweise entweder nah oder fern sind. Oder jene, in denen man merkt, wie viel der eigenen Eltern in einem selbst steckt, obwohl man vielleicht alles anders machen wollte. Es sind diese oft unausgesprochenen Dinge zwischen den Zeilen und Worte, denen Jim Jarmuschs Father Mother Sister Brother mit einem zarten Flüstern im Dazwischen Ausdruck verleiht.
Ab dem 26. Februar im Kino