Kulturkolumne

Was nach der KI kommt

Bad Bunny beim NFL Super Bowl Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Zwei sportliche Großereignisse – oder genauer gesagt ihre Nebenschauplätze – haben in den vergangenen Wochen meine Social-Media-Feeds geflutet. Das eine ist nicht das Spiel selbst, sondern die Halbzeitshow des NFL Super Bowl, jene Bühne, die als größte der Welt gilt und als Ritterschlag für internationale Musikstars.

Die Besetzung durch Benito Antonio Martínez Ocasio alias Bad Bunny hatte im MAGA-Lager bereits im Vorfeld für Empörung gesorgt. Obwohl für seinen Aktivismus und seine kritische Haltung zur US-amerikanischen Politik gegenüber lateinamerikanischen Migranten, insbesondere im Kontext der ICE-Razzien, bekannt, setzte Bad Bunny in seiner immersiven, cineastisch durchkomponierten Tour durch seine Heimat, anders als von vielen erwartet, auf verbindende Botschaften: »Tanzt ohne Angst. Liebt euch ohne Angst. Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe. Together, we are America.«

Mich berührt an diesem grauen Februarmorgen der Ton, den er trifft. In diesen 13 Minuten ist die ganze Welt in Puerto Rico. Bad Bunny erfindet nichts Neues. Er stellt Verbindung her.

Mich berührt an diesem grauen Februarmorgen der Ton, den er trifft. In diesen 13 Minuten ist die ganze Welt in Puerto Rico. Bad Bunny erfindet nichts Neues. Er stellt Verbindung her. Die Show ist die Darstellung von Alltags- und Arbeitssituationen, so trivial, dass sie ja eigentlich nicht auf die Bühne eines Superstars gehören. Er erinnert die Menschen weltweit daran, warum sie Musik lieben können, auch wenn sie kein Wort verstehen. Ein globales Phänomen ist er nicht, weil er sich abhebt, sondern weil er als einer von vielen gesehen werden will.

Viral gehen aber nicht nur die perfekt inszenierten Bilder, sondern vor allem auch die Momente dazwischen, davor und danach, die 360-Grad-Ansicht der Beteiligten und Zuschauenden: die Menschen, die als Büsche verkleidet über das Spielfeld laufen, Tänzerinnen beim Aufwärmen oder Bad Bunny selbst, der in einer kurzen Pause zu Lady Gaga tanzt, als stünde er in seiner Küche und nicht beim Auftritt seines Lebens.

Auch bei Olympia in Milano Cortina war wie immer vieles politisch aufgeladen

Auch bei Olympia in Milano Cortina war wie immer vieles politisch aufgeladen: die Tochter eines chinesischen Dissidenten, die für die USA startet, gebürtige US-Amerikanerin, die für China antritt, Sportler russischer Herkunft unter anderer Flagge, Disqualifikationen, Debatten, dramatische Stürze.

Aber geteilt und vervielfältigt wird das, was nachempfunden werden kann. Eileen Gu lacht einen Journalisten aus, der sie fragt, ob die Silbermedaille Scheitern bedeute. Ilia Malinin misslingt der vierfache Axel, und er wird gerade dadurch zum Gesicht der Spiele. Die in den Worten einer Freundin »fantastische Show« von Riku Miura mit Ryuichi Kihara, der völlig überwältigt bei der Verkündung des Sieges ihrer Paar-Kür immer wieder in Tränen ausbricht.

Die Rezeption dieser Großereignisse zeigt, wie unser Bedürfnis, das Wahrgenommene in Zeiten von KI und Polarisierung zu verifizieren, zunimmt und dass wir uns anscheinend doch nicht so einfach an Perfektion oder Entmenschlichung gewöhnen. Wir wollen die Exzellenz sehen, aber auch das Durcheinander dahinter. Tatsächlich eröffnet sich darüber eine neue Perspektive, weil auch der größte Eiskunstläufer keine Maschine ist. Genau das ist ja das Besondere.

Bildung

»Wir müssen investieren«

Der Präsident der Bar-Ilan-Universität, Arie Zaban, über Wissenschaft in politischen Krisenzeiten und deutsch-israelische Zusammenarbeit

von Gabriele Hermani  22.10.2026

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Mirjam Zadoff

Leiterin verlässt NS-Dokuzentrum München

Die Innsbruckerin geht zum 1. März 2027 ans Haus der Geschichte Österreich in Wien

 21.10.2026

Funfacts & Wissenswertes

10 Jahre

Zahl der Woche

 20.10.2026

Punk

»Gefilte Fuck« und andere Provokationen

Ein neuer Sammelband beleuchtet jüdische Identitäten, Antisemitismus und den Kampf dagegen in der Szene

von Pascal Beck  19.10.2026

Elfriede Jelinek

Virtuose Sprachkomponistin

Eine Würdigung der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu ihrem 80. Geburtstag

von Christa Gürtler  19.10.2026

New York

Mike Tyson droht Supreme wegen verschwundener Israel-Flagge auf Hoodie

Bei dem Streit geht es um ein Hoodie, das neben dem Boxer mehrere Nationalflaggen zeigt. Plötzlich war nicht mehr die des jüdischen Staates darunter, sondern die Palästina-Fahne

 19.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026