Geschichte

Würde und Selbsterhaltung

Denkmal im KZ Buchenwald Foto: dpa

Geschichte

Würde und Selbsterhaltung

Eine Tagung in Berlin beleuchtete den jüdischen Widerstand im »Dritten Reich«

von Thomas Klatt  08.04.2013 19:53 Uhr

Auf Einladung des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam und des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt haben Fachleute vom 7. bis 9. April auf einer internationalen Konferenz in Berlin über den jüdischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in Europa 1933–1945 diskutiert.

Das Bild ist im kollektiven Gedächtnis der Menschheit fest verankert, sei es durch historische Aufnahmen oder zahlreiche Spielfilme, die nach 1945 entstanden. Wehrlose Juden, die sich im »Dritten Reich« wie Schafe zur Schlachtbank führen ließen. Aber das Bild ist falsch, meint die Historikerin Sara Berger, seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fondazione Museo della Shoah in Rom. Immer habe es schon an den Rampen bei der Ankunft in den Lagern Rangeleien, Proteste, Widerständigkeit gegeben.

Berger hat über die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka promoviert und kann mit dem Vorurteil aufräumen, sechs Millionen Juden seien nur willenlose Opfer gewesen. So gab es in Treblinka nach heutigem Kenntnisstand bis Herbst 1942 immer wieder Fluchten einzelner Gefangener. Auf den Transporten versteckten sich Menschen unter Kleiderresten in den Waggons, andere nutzten Löcher in den Zäunen. Es wurde sogar ein Aufseher erstochen. Doch das waren zunächst nur spontane Akte. Später gab es regelrechte Aufstände.

Aufstand Im August 1943 sollte während des Generalappells eine Massenflucht stattfinden. Es wurden Messer und Äxte bereitgehalten, über einen Zweitschlüssel konnten sich die jüdischen Gefangenen sogar Granaten und Gewehre aus der Lager-Waffenkammer besorgen. Doch der Aufstand wurde entdeckt und musste früher als geplant beginnen. Uneingeweihte schlossen sich spontan an. Es kam dadurch zu viel mehr Opfern als angenommen. Immerhin etwa 100 Juden konnten dem Lager entkommen, etwa die Hälfte von ihnen kam bis Kriegsende durch.

Die Hoffnung, zu überleben, hemmte allerdings meist den Widerstand. Ganz bewusst hielten die Nazis ihre Opfer in dem Glauben, dass es eine Zukunft nach dem Krieg für sie geben würde. Doch allmählich sickerten immer mehr Nachrichten von der »Endlösung« durch. Immer mehr Lagerinsassen ahnten, dass sie nur durch einen Aufstand würden überleben können. Es gab jedoch die Angst vor der Flucht ins Ungewisse. Nur die wenigsten wussten mit Waffen umzugehen. Erst als sowjetisch-jüdische und damit kampferprobte Kriegsgefangene ins Lager Sobibor kamen, änderte sich die Situation. Es wurde ein detaillierter Widerstandsplan ausgearbeitet. Aber auch hier wurde der Aufstand zu früh entdeckt, mehrere Wachleute wurden übermannt und getötet, die Flucht aus dem Lager kostete im Chaos vielen Insassen das Leben.

Etwa 50 Flüchtlinge aus Sobibor erlebten das Ende des Krieges. Später trugen die Zeugenaussagen dieser Überlebenden entscheidend dazu bei, dass die Täter vor Gericht gestellt werden konnten. Die jüdischen Aufstände in den Lagern sind somit als einzigartig einzustufen, meint Sara Berger. Offene bewaffnete Aufstände habe es außer von sowjetischen Kriegsgefangenen in Mauthausen sonst nicht gegeben.

Flucht Der jüdische Widerstand hatte aber viele Gesichter, meint der amerikanische Historiker Martin C. Dean vom Applied Research Scholar Center for Advanced Holocaust Studies in Washington. Es war etwa ein Akt der Selbsterhaltung der eigenen Würde, wenn die Gefangenen zum Beispiel die Reste aus den Weinflaschen der Bewacher sammelten, um zu Pessach heimlich ein ordentliches Sedermahl feiern zu können.

Schon auf den Transporten in die Lager selbst gab es Widerstand. Bekannt ist etwa, dass allein in Frankreich, Belgien und Holland Hunderte Juden aus den bereits fahrenden Zügen wieder absprangen. Es waren meist Ehepaare, Vater und Sohn, Menschen, die sich gegenseitig helfen konnten, weiß die Berliner Historikerin Tanja von Fransecky. Meist seien es Menschen gewesen, die bereits vor ihrer Verhaftung organisiert waren, etwa in kommunistischen Zellen. Sie flüchteten dann nicht ins Ungewisse, sondern hatten Anlaufstellen, wussten etwa, wo sie sich im Untergrund gefälschte Ausweise besorgen konnten.

Insofern habe die Forschung noch viel zu tun, die vielen Facetten des jüdischen Aufbegehrens gegen die Nazi-Herrschaft aufzuarbeiten, sagt der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach. Es seien gerade diese unbesungenen Helden, die bei allem Terror und unvorstellbarem Leid ihre Religion, ihre Kultur, ihre Würde nicht verlieren und ihre Hoffnung auf eine Zukunft danach nicht begraben wollten.

Aufgegabelt

Gitti

Unser Rezept der Woche!

 01.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  01.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

Aufruf

Rapper Danger Dan: Man darf sich von Angst nicht lähmen lassen

Das ZDF untersagte im Sommer den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit mit ihrem Song »Keine Angst« in der Satire-Sendung »Die Anstalt«. Doch das Lied motivierte andere, aktiv zu werden gegen Neonazi-Umtriebe

von Barbara Just  01.10.2026

Kalifornien

Israelischer Schauspieler Guy Kapulnik stirbt bei Flugzeugabsturz

Parallel zur Schauspielerei entwickelte sich das Fliegen zu einem zentralen Bestandteil seines Lebens

 01.10.2026

»NAZA«

Die Banalität der Propaganda

Der umstrittene Film über Israels digitale Kriegsführung in Gaza beherrscht das Spiel mit Gefühlen. Ein Versuch, sachlich zu bleiben

von Sophie Albers Ben Chamo  30.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  30.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  30.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026